Wirtschaft
16.05.2017

Dieselautos droht hoher Wertverlust

Pkw könnten laut Studie beim Verkauf um bis zu 40 Prozent weniger einbringen.

Paris, Athen, Madrid, Oslo oder bald auch Stuttgart – in zahlreichen Großstädten Europas gibt es bei Smog Fahrverbote für Dieselautos. Der VW-Abgasskandal hat diese Entwicklung beschleunigt, die schlechten Feinstaubwerte in Ballungsräumen heizen sie weiter an. Dieselfahrzeuge belasten die Umwelt mit Feinstaub und Stickoxide stärker als Benziner. Sollte es in den zehn größten Städten Österreichs zu Fahrverboten für alte Dieselautos kommen, dann droht den betroffenen Autobesitzern – immerhin 60 Prozent aller Pkw – ein enormer Wertverlust. Das zeigt eine Studie des Economica Instituts.

Die Entwertung auf dem Gebrauchtwagenmarkt würde bis zu 25 Prozent ausmachen. Mit steigendem Alter des Fahrzeugs sind es bis zu 40 Prozent. Auch ganz neue Dieselautos (Euro 6-Klasse, Zulassungen ab 2014/15), die in den Städten fahren dürfen, würden um rund zehn Prozent an Wert verlieren.

Junge stärker betroffen

Im Durchschnitt seien es 2718 Euro Wertminderung, in Summe 5,56 Milliarden Euro. Laut Economica-Chef Christian Helmenstein wären vor allem junge und sozial schwache Menschen stärker betroffen, da der Anteil des Autos an ihrem gesamten Sachvermögen deutlich größer sei. "Fahrverbote sind ungerechtfertigt und ein verfassungswidriger Eingriff in die Eigentumsrechte", sagt Christian Pesau, Sprecher der Autoimporteure. Nur 18,5 Prozent des Feinstaubs sei auf den Diesel zurückzuführen.

Die Diskussion um den Diesel, die auch von einer möglichen Steuererhöhung weiter getrieben wird, wirkt sich bereits auf die Zulassungszahlen negativ aus. Waren in den ersten vier Monaten des Vorjahres noch 58 Prozent aller Pkw-Neuzulassungen Dieselautos, sind es heuer nur noch 52 Prozent.

In Deutschland geht es ebenso abwärts mit dem Diesel. Im April gab es mit 23,8 Prozent den niedrigsten Anteil bei Neuwagen seit dem Jahr 2010. "Diesel-Pkw werden fast nur noch von Firmen und Behörden gekauft", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Institut in Duisburg-Essen. "Weniger als 20 Prozent aller Diesel-Neuwagen gehen heute noch an Privatkunden."

Firmenfahrzeuge würden nach durchschnittlich drei Jahren ausgewechselt und kommen dann auf den Gebrauchtmarkt. Dudenhöffer befürchtet dann auf diesem einen großen Preisverfall. "Die Autoindustrie muss schnell Käufer-Verunsicherung abwenden." Angesprochen seien hier vor allem Premiumhersteller wie BMW oder Audi, die einen höheren Dieselanteil haben. Premium wäre, wenn die Motoren auch im Fahrbetrieb die Grenzwerte einhalten.

Gefahr für Standort

Laut Gerhard Wölfel, Geschäftsführer des BMW-Motorenwerks in Steyr, wird es zum Erreichen der Klimaziele ohne Diesel nicht gehen. Er stößt um 15 Prozent weniger CO2 aus und verbraucht um 20 Prozent weniger." Hinzu komme, dass die Stickoxid-Emissionen seit Jahren zurückgehen. Bei BMW wird in Europa bereits jetzt von 1,5 Millionen produzierten Dieselmotoren ein Drittel in andere Kontinente exportiert. Sollte das Verhältnis noch ungleicher werden, wäre dies eine Gefahr für den Standort Steyr, warnt Wölfel.

US-Forscher: „108.000 vorzeitige Todesfälle“

Wissenschaftler aus den USA fahren eine neue Attacke gegen Diesel-Fahrzeuge: Laut einer Untersuchung der Forscher um Joshua Miller vom International Council of Clean Transportation in Washington sterben weltweit 108.000 Menschen im Jahr vorzeitig an den Folgen der Stickoxid-Emissionen von Diesel-Autos. Die Emissionen erhöhen die Ozonwerte der Luft, die die Lungen schädigen.

13,2 Millionen Tonnen an NOx wurden der Studie zufolge im Jahr 2015 von Diesel-Fahrzeugen emittiert. Hätten sie die offiziellen Laborwerte von den Zulassungstests eingehalten, hätte der schädliche Ausstoß nur 8,6 Millionen Tonnen betragen. 38.000 Menschenleben hätte das Befolgen der Labor-Limits gerettet, behaupten die Wissenschaftler.

Dass in den Labors niedrigere Emissionswerte gemessen wurde, führen die Experten auf unterschiedliche Gründe zurück: falsche Motoreinstellungen, inadäquate Wartung, Betrügereien der Hersteller bei den Tests und unzureichende Test-Vorbereitung. Der Großteil der Emissionen, die über den Laborwerten liegen, stammt von Lkw und Bussen. Bei Lastkraftwagen entdeckten die Forscher eineinhalb mal so hohe Emissionswerte wie in den Tests.

EU besonders betroffen

Die meisten vorzeitigen Todesfälle wegen erhöhten NOx-Werten gab es der Studie zufolge in der EU, in Indien und in China. In diesen drei Regionen passierten vier Fünftel aller vorzeitigen Todesfälle. Europa hatte lange Zeit Diesel-Fahrzeuge bevorzugt, weil sie weniger klimaschädliches ausstoßen. Diesel-Autos durften sogar mehr Stickoxide emittieren als Benziner. Erst die neue Euro-6-Norm hat dies abgestellt. In den USA hingegen gibt es keinen Unterschied in den Emissions-Vorschriften zwischen Diesel und Benzinern.
Indien hatte dieselben Regeln wie die EU. Und in China ist der Schwerverkehr der Hauptgrund für die hohen NOx-Emissionen.