Projektion auf den größten verbliebenen Mauerrest in Berlin, berühmter "Bruderkuss" von Leonid Breschnew und Erich Honecker

© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Wirtschaft
11/09/2019

Nach der Wende: Osteuropas weiter Weg zu westlichem Wohlstand

Nach 30 Jahren Aufholprozess erreicht Tschechien drei Viertel des deutschen und österreichischen Niveaus. Andere hinken nach.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Wie weit haben die Länder, die einst hinter dem Eisernen Vorhang lagen, nach 30 Jahren zu westlichem Wohlstand aufgeschlossen? Die Ökonomen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sind dem nachgegangen.

Die aktuelle Studie (englisch, verfügbar hier zum kostenlosen Download) offenbart eine breite Palette und teils sehr persönliche Erinnerungen. Auszüge daraus lesen Sie unten.

Verlauf in drei Phasen

Das ökonomische Muster ist ähnlich – nach der Wende 1989/’90 fielen die Länder in eine schwere Krise. Allerdings hatte Polen den Absturz schon 1996 wettgemacht; bei Tschechien dauerte es bis 2000. Ungarn war im Folgejahr so weit, während sich Russland bis 2007 gedulden musste.

Ab der Jahrtausendwende folgten Boomjahre mit sehr hohen Wachstumsraten, erst die Wirtschafts- und Finanzkrise würgte diese ab.

Heute ist Tschechiens Wohlstand am weitesten fortgeschritten: Dieser erreicht 75 Prozent der deutschen oder gleich hohen österreichischen Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung (Grafik).

Am stärksten aufgeholt hat Estland, von 28 zu 68 Prozent des deutschen Niveaus. Ein tragischer Sonderfall ist die Ukraine, die gar nichts wettgemacht, sondern gegenüber Deutschland sogar 11 Prozentpunkte verloren hat.

Älter als Deutschland und USA

Eine deutliche Verbesserung zeigt sich in der Lebenserwartung: Diese ist jetzt in Slowenien (81,2 Jahre) höher als in Deutschland (81). Tschechien (79,5 Jahre) hat die USA (78,5) bereits überholt, Albanien ist erstaunlicherweise ebenfalls drauf und dran.

Viele hofften auf rasche Verbesserung

Olga Pindyuk (Ukraine) war 1989 elf Jahre alt.

„Für eine Provinzstadt in der Westukraine änderte sich zuerst wenig. Stundenlanges Schlangestehen vor fast leeren Regalen war üblich. Der Umbruch  kam mit der Unabhängigkeit 1991.

Viele erhofften sich rasch Verbesserung und wurden sehr enttäuscht. Die mit Kupons für die Bevölkerung privatisierten Betriebe landeten bei Oligarchen, die Einfluss gegen Reichtum umtauschten.

Der Vergleich mit Musterschüler Polen greift zu kurz: Es ist  etwas anderes, Teil der Sowjetunion gewesen zu sein, ohne EU-Perspektive. Heute blickt die Hälfte der  Menschen positiv in die Zukunft, trotz fünf Jahren Russlandkriegs.“

Der Wandel erschien fast wie ein Spiel

Sándor Richter (Ungarn) war damals 37 Jahre alt

„Als junger Ökonom glaubte ich an Reformen, weil sich das System selbst nie ändern würde. Der Wandel 1989/’90 erschien mir dann irreal, fast wie ein Spiel.

Im Rückblick auf vier Jahrzehnte Kommunismus ist es genau umgekehrt: Wie konnte irgend jemand dieses System ernst nehmen?

Ungarns Modell mit vielen Kleinunternehmern schien ideal geeignet für die Wende zur Marktwirtschaft – ein Irrtum: Diese  hatten vom Missmanagement der Staatsbetriebe profitiert. Bis heute sind Steuerflucht, Vetternwirtschaft und korrupte Staatsaufträge wichtiger als innovative Geschäftsideen.“

Vom Wunderland in die Krise - und zurück

Hermine Vidovic (Slowenien) ist seit 1983 beim WIIW

„Anders als viele Kollegen habe ich nie in einem sozialistischen Land gelebt, sondern den Übergang von außen verfolgt. Jugoslawiens gewaltsames Zerfallen war  ein Schock, ebenso Europas hilflose  Antwort.

Slowenien wählte den schrittweisen Wandel, ein großer Anteil an den Firmen blieb in Staatsbesitz. Das Land galt als Wirtschaftswunder, führte schon 2007 den Euro ein.

Nach der Krise war Slowenien unter den am härtesten betroffenen Ländern und vermied nur haarscharf ein internationales Rettungspaket. Heute ist die Wirtschaft auf Normalkurs, nur der Bausektor ist noch weit vom Vorkrisenniveau entfernt.“