© Kurier/Gerhard Deutsch

Reportage
11/29/2021

Medizinische Versorgung: "Wir können aktuell 96 Prozent ausliefern"

In Simmering befindet sich der größte Umschlagplatz für rezeptpflichtige Arzneien. In der Pandemie brachen kaum Lieferketten zusammen. Dennoch fehlen 300 Medikamente.

von Uwe Mauch, Gerhard Deutsch

Großer Bahnhof im Osten von Wien: Auf der Anzeigetafel sind schon die nächsten Abfahrten abzulesen. Doch anders als auf dem Zentralverschiebebahnhof im nahe gelegenen Kledering bleiben hier keine Lokomotiven stehen.

Auf der einen Seite des Firmengeländes der Herba Chemosan Apotheker AG in der Simmeringer Haidestraße fahren vollbeladene Lkws vor, auf der anderen Seite fahren vollbeladene Klein-Lkws ab. Dazwischen wird umgepackt.

Knapp 300 Medikamente

Derzeit zeigen sich Gesundheitsexperten sowie KURIER-Leser besorgt aufgrund der Tatsache, dass in etwa 300 Medikamente nicht erhältlich sind. Manche meinen, dass diese Lieferengpässe der Pandemie geschuldet sind.

Diese Angst will Andreas Windischbauer nur teilweise gelten lassen: „Es war schon vor der Pandemie so, dass ein Medikament nicht lieferbar war. Wir können aktuell 96 Prozent der rezeptpflichtigen Arzneien ausliefern.“

Der gelernte Apotheker leitet das traditionsreiche Unternehmen (bereits 1916 gegründet) auf der Simmeringer Haide. Er ist nebenbei auch Präsident des Verbands der insgesamt fünf heimischen Arzneimittelgroßhändler.

Durchaus stolz führt er durch den Zentralverschiebebahnhof für Apothekerware. Hier werden knapp 200.000 Produkte an einem Werktag angeliefert, ein- und wieder aussortiert und sodann an die Apotheken ausgeliefert. 400 Hände von 200 Mitarbeitern sowie eine hochkomplexe Logistik machen das möglich. Auch die ersten Corona-Impfstoffe kamen in Simmering vor knapp einem Jahr an.

Von der Station wird ein Viertel der 1.400 Apotheken Österreichs beliefert. „Ihre Kunden müssen vom Zeitpunkt der Bestellung bis zur Auslieferung maximal zwei Stunden warten“, wirbt Herr Windischbauer für Vertrauen in die eigene Branche.

Dass nur vier Prozent der Bestellungen nicht lieferbar sind, ist grundsätzlich eine gute Nachricht, hilft aber Menschen wie KURIER-Leserin Edith Bernhart vorerst wenig. In der Apotheke ihres Vertrauens hat man ihr mitgeteilt, dass ihr bewährtes Medikament zur Behandlung ihrer Schilddrüsenüberfunktion derzeit nicht produziert und somit auch nicht ausgeliefert werden kann. „Eine Umstellung auf ein anderes Medikament“, fürchtet sie, „ist immer mit einem Risiko verbunden, auch was die richtige Dosierung anlangt.“

Viele Drittimpfungen

Während in der Haidestraße die blauen, für die Apotheken bestimmten Transportboxen teils händisch, teils vollautomatisch bepackt werden, hört sich Andreas Windischbauer aufmerksam an, was Gerald Bachinger zur Problematik zu sagen hat.

Der Leiter der nö. Patienten- und Pflegeanwaltschaft beklagt in einem dem KURIER vorliegenden Brief an Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein, dass die Liste der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) mit allen derzeit nicht lieferbaren Medikamenten „schon sehr lange ist“.

Bachinger macht dafür grundsätzlich zwei Gründe verantwortlich: „Zum einen sind durch Corona etliche Produktionsstätten und auch Lieferwege im asiatischen Raum zusammengebrochen, zum anderen ist Österreich neben Serbien das einzige Land in Europa, das keine Wirkstoffverordnung ermöglicht.“ Die Verordnung würde den Patienten das Verwenden sogenannter Generika sofort erleichtern.

Dazu kommt ein deutlich verändertes Medikamenten-Verhalten in der Pandemie, fügt der Großhändler in Wien 11 hinzu: „Speziell im ersten Lockdown wurden die Apotheken gestürmt.“ Andreas Windischbauer fordert, dass sich jedes Land ein Medikamenten-Lager für den Zeitraum von drei bis vier Wochen zulegt, um für globale Krisen besser gerüstet zu sein.

Seit der ersten Charge des Anti-Corona-Impfstoffes, die kurz vor Weihnachten des Vorjahres in Wien ankam, hat man 14 Millionen Dosen in Österreich verteilt. „In diesen Tagen verzeichnen wir einen Höchststand“, so der Branchensprecher. „Die meisten Dosen sind Drittimpfungen, bei den Erstimpfungen ist das leider weiterhin zahlenmäßig unterirdisch wenig.“

Vielleicht ein Happy End

In einem Jahr besorgt sein Großhandelsunternehmen gut 50.000 Medikamente auf Order von Einzelpersonen. Auch für KURIER-Leserin Edith Bernhart bemüht sich der Manager um eine Lösung: „Sollte das von ihr benötigte Medikament passen und von ihrem Arzt verschrieben werden, können wir es für sie in Deutschland besorgen.“

Die großen Fünf: In Österreich machen fünf Arzneimittel- Großhändler das große Geschäft. Die Big Five können von ihren insgesamt 23 Verteilungszentren, die sich übers Land verteilen, 1.400 Apotheken beliefern

In zwei Stunden: Keine Apotheke muss vom Zeitpunkt der Bestellung länger als zwei Stunden auf ein Medikament warten.

300 Arzneimittel sind derzeit nicht lieferbar. Nur zum Teil gibt es Ersatz.

 

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