Wirtschaft
26.12.2012

Marokko buhlt um Investoren

Das nordafrikanische Land lockt den Konzern mit Steuererleichterungen und Zuschüssen.

In Tanger, nur 14 Kilometer Luftlinie über die Straße von Gibraltar vom spanischen Festland entfernt, herrscht Aufbruchstimmung. In der 700.000 Einwohner zählenden marokkanischen Metropole entstehen überall neue Wohnblocks westlichen Stils, der arabische Flair ist gerade noch in der Altstadt wahrnehmbar. Das scheint jedoch nebensächlich geworden zu sein, gilt es doch vielmehr, Geschäfte zu machen. Seit 2002 die Regierung in der Region eine Freihandelszone geschaffen hat, haben sich dort bereits 400 internationale Konzerne niedergelassen. Einer davon ist der französische Autohersteller Renault (und seine Schwester Nissan).

Dieser ist seit 1928 in Marokko präsent, seit 1966 gibt es ein Werk in Casablanca. Heuer nahm ein zweites Werk in Tanger den Betrieb auf. In diesem werden die neuen Dacia-Modelle Lodgy und Dokker gefertigt. Die Kapazitäten werden bis nächstes Jahr verdoppelt, dann können in Tanger 400.000 Dacias hergestellt werden. Damit wäre es die größte Fahrzeugfertigung in ganz Afrika. „80 Prozent der Produktion geht in den Export“, sagt Jacques Prost, Direktor von Renault Marokko. Zehn Prozent aller Exporte des Landes entfallen ab 2015 nur auf Renault.

Abgewickelt werden die Ausfuhren vor allem über den neuen Hafen in Tanger, wo 7000 Autos zwischengelagert werden können. Renault schickt jede Woche zwei Schiffe voll beladen Richtung Europa. „Wir sind bereits der 18. größte Hafen der Welt“, erzählt Direktor Rachid Houari. Im Vorjahr wurden zwei Millionen Container verschifft, eine zweite Ausbaustufe für weitere fünf Millionen wird 2014 errichtet. „Von der Wirtschaftskrise spüren wir kaum etwas.“

Ausbildung

Für Renault und andere Konzerne ist der Hafen mitentscheidend für die Niederlassung in Tanger geworden. Daneben spielen aber auch Steuererleichterungen eine Rolle. So zahlen Firmen in der Freihandelszone in den ersten acht Jahren keine Körperschaftssteuer und in den folgenden 20 Jahren nur acht Prozent. Weiters übernimmt Marokko einen Teil der Ausbildungskosten für neue Arbeitskräfte. Für sie gibt es ein Schulungszentrum, in dem sie einige Wochen ihr künftiges Handwerk erlernen. Noch ist die Fehlerquote in der Produktion vergleichsweise hoch, 30 Prozent aller fertigen Dacias schaffen den Abschlusstest nicht und müssen noch einmal durchgecheckt werden. „Normalerweise beträgt die Fehlerquote 10 bis 13 Prozent, da müssen wir hin“, fordert Werksdirektor Tunc Basegmez.

Lohnkosten

Die Löhne sind generell niedrig. Der gesetzliche Mindestlohn für 44 Stunden an sechs Tagen pro Woche beträgt 3000 Dirham, rund 280 Euro. „Renault zahlt 12 bis 15 Prozent mehr“, sagt Basegmez. Dennoch ist ein Mitarbeiter zweieinhalb Mal billiger als im Dacia-Werk in Rumänien. Angesichts der geringen Lohnkosten verwundert es nicht, dass nur 15 bis 20 Prozent aller Aufgaben im Werk von Robotern erledigt werden. Die Franzosen sind als Arbeitgeber beliebt, die Mitarbeiter kommen aus allen Landesteilen.

Nur sechs Prozent aller Beschäftigten sind Frauen. „Ihren Anteil wollen wir steigern“, sagt der Direktor. Für die im Islam üblichen Gebetszeiten gibt es eigene Gebetsräume, jedoch keine zusätzlichen Arbeitspausen.

Renault in Marokko:110 Tausend Renaults und Dacias werden heuer in Casablanca und Tanger produziert.400 Tausend Dacias werden mittelfristig in Tanger hergestellt.1,1Mrd. Euro investiert

Renault in Tanger: 6000Mitarbeiter werden in Tanger arbeiten. 37Prozent Marktanteil haben Renault/Dacia in Marokko.

Aushängeschild

Größter österreichischer Investor ist Autozulieferer Hirschmann. Er hat 20 Mio. Euro in ein im Sommer eröffnetes Werk in der Freihandelszone investiert. Weiters sind u.a. noch Verpacker Mondi, Doka Schallungstechnik und Agrana im Land. Fronius lieferte an Renault Schweißroboter

Handelsdefizit

Marokko lieferte 2011 Waren im Wert von 76 Mio. Euro nach Österreich (umgekehrt 99 Mio. Euro). Marokko hat keine Rohstoffe, daher ist das Handelsdefizit groß (16 Mrd. Euro). Wichtige Exportgüter sind Elektronikteile, Früchte und Phosphate (Weltanteil 50 Prozent).

Politische Stabilität

Laut Wirtschaftsdelegierten Christoph Plank ist die politische Stabilität größtes Asset des Landes. Der König habe Macht an die gemäßigt islamistische Regierung abgegeben, Frauen hätten nun mehr Rechte. Die Arbeitslosigkeit beträgt 9 Prozent, die Verschuldung 21 Mrd. Euro.