Leerverkäufe-Verbot: Wirkung umstritten

Mit dem Verbot von Leerverkäufen sollen die Märkte beruhigt werden. Die Wirkung ist jedoch umstritten.
Foto: Reuters/TONY GENTILE

Experten sehen das Verbot für Leerverkäufe allenfalls als kurzfristigen Effekt. Spekulanten weichen auf andere Börsenplätze aus.

Frankreich, Italien, Spanien und Belgien haben den Leerverkauf von Finanzwerten verboten. Damit soll dem Ausverkauf von Finanztiteln Einhalt geboten werden. Tatsächlich legten am Freitag die meisten Aktien von Banken und Versicherern in Europa zu. Experten bezweifeln aber, ob die Maßnahmen auf Dauer Wirkung zeigten und halten das Verbot für einen zahnlosen Tiger.

Die Spekulanten können leicht auch auf andere Börsenplätze ausweichen. "Das ist einer dieser Schritte, zu denen Politiker greifen, wenn sie keine anderen Pfeile mehr im Köcher haben", kritisierte Regulierungsspezialist James Angel von der Georgetown University in Washington. "Das streut dem Markt Sand in die Augen und zeigt der Welt, dass ihre Führer keine Ahnung haben, was vor sich geht." Als Leerverkäufe auf Finanztitel nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman 2008 für drei Wochen fast überall verboten worden waren, bremste das zwar die Leihe von Wertpapieren, den Kursverfall konnte es nicht aufhalten.

Leerverkäufe

Bei Leerverkäufen (Short Selling) setzen Investoren auf schwächelnde Kurse einer Aktie, die sie gegen eine Gebühr leihen und dann weiterverkaufen (siehe Hintergrund).

Leerverkäufe sind laut der Europäischen Börsenaufsichtsbehörde ESMA an sich zulässig, stellen aber in Verbindung mit der Verbreitung von Gerüchten einen eindeutigen Marktmissbrauch dar. Pläne, das Verbot auf andere Länder auszuweiten, gibt es laut ESMA-Chef Steven Maijoor keine. Gänzlich ausschließen wollte dies Maijoor allerdings nicht. Deutschland jedenfalls ist für ein EU-weites Verbot. "Zudem setzen wir uns für ein weitgehendes Verbot von ungedeckten Leerverkäufen von Aktien, Staatsanleihen und Credit Default Swaps in Europa ein", sagte ein Sprecher des deutschen Finanzministeriums am Freitag. "Nur so kann einer destruktiven Spekulation überzeugend begegnet werden."

Im Fokus: Investmentfonds

Anders als gewöhnlich sind es diesmal weniger Hedgefonds, die mit Leerverkaufs-Strategien auf einen Kursverfall wetten. Vielmehr sichern sich normale Investmentfonds so gegen Verluste ab. Sie warteten Experten zufolge darauf, dass die Politik einen überzeugenden Plan zur Rettung des Euro vorlege. "Ein Pflaster auf eine Wunde zu kleben, die mit vielen Stichen genäht werden müsste, löst das Problem nicht", sagte Pedro de Noronha, Partner beim Hedgefonds Noster Capital. "Das kratzt nur an der Glaubwürdigkeit dessen, der die Idee mit dem Pflaster hatte." Durch das Verbot könnten Investoren sogar zum Verkauf ihrer Aktien gezwungen werden, was den Kursverfall beschleunige, warnten Analysten. Der Markt könne austrocknen, was die Kursschwankungen noch vergrößere.

Ion-Marc Valahu vom Genfer Fondsmanager ClairInvest sagte: "Kurzfristig wird das die Sache etwas beruhigen. Aber wenn man sich anschaut, was bei Lehman in der Krise passiert ist, half es nicht viel. Schließlich kann man immer noch Futures und Optionen leer verkaufen."

Österreich: Leerverkäufe seit Lehmann-Pleite verboten

In Österreich sind Wetten auf fallende Börsenkurse seit dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 reguliert. Das befristete Verbot von ungedeckten Leerverkäufen am Kassamarkt wird seither immer wieder um bis zu sechs Monate verlängert - es gilt für die vier Finanztitel Erste Group, Raiffeisen International, Vienna Insurance Group und UNIQA und läuft zunächst noch bis zum 30. November 2011. Eine Verschärfung dieser Regelung ist in Österreich vorerst nicht geplant. "Die gesetzte Maßnahme wirkt", meinte der Sprecher der Finanzmarktaufsicht (FMA), Klaus Grubelnik am Freitag. "Wir haben das Short-Selling-Verbot immer wieder verlängert, weil es greift", so der FMA-Sprecher.

"Weiters aufrecht ist die Verpflichtung, verdächtige Transaktionen zu melden", rief Grubelnik in Erinnerung. Wenn ein Börsenhändler oder eine Bank Verdacht hegt, dass jemand versucht, den Kurs zu manipulieren, müsse die FMA kontaktiert werden. Überdies seien hierzulande vor drei Jahren die Settlement-Fristen, bis zu wann sich jemand mit Aktien einzudecken hat, verkürzt.

Die französische Aufsicht AMF kündigte als erste ein 15-tägiges Verbot von Leerverkäufen für die Aktien von elf Banken und Versicherern an. Dazu zählen Societe Generale, BNP Paribas, Credit Agricole und AXA. In Spanien sollen 16 Finanztitel über 15 Tage geschützt werden, dazu zählen die Großbanken Santander und BBVA. Die belgische Behörde will Leerverkäufe von vier Finanzwerten für eine unbegrenzte Periode unterbinden. In Italien sind die Aktien von 29 Banken und Versicherern betroffen. Das Verbot gilt ebenfalls für 15 Tage. An der Athener Börse sind Leerverkäufe nach massiven Kursverlusten für zwei Monate verboten.

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(apa, rts / js) Erstellt am
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