Kursverfall an Börsen vorerst gebremst

Wall Street: Die Verunsicherung ob des Auf und Ab ist dem Händler ins Gesicht geschrieben.
Foto: apa

ATX und Dow Jones drehten wieder ins Plus, doch an den Börsen regiert die Angst. EZB-Chef Trichet spricht von der "schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" und kritisiert die Regierungen scharf.

An den Börsen macht sich zunehmend die Angst vor einer neuerlichen Rezession breit. Konjunkturdaten wie jüngst die schwachen deutschen Industrieumsätze im Juni, die geringeren Wachstumsraten im deutschen Export oder schlechte Arbeitsmarktdaten aus den USA beflügeln diese Ängste. Eine neuerliche Krise samt steigender Arbeitslosigkeit wäre nicht leicht verkraftbar. Die Regierungen haben kein Geld mehr für Konjunkturprogramme.
Das Geschehen an den Börsen glich folgedessen am Dienstag einer Berg- und Talfahrt.

Börsenüberblick

So rutschte der Wiener ATX im Handelsverlauf erstmals seit Juli 2009 wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 2000 Punkten und notierte damit mit einem Abschlag von bis zu 6,6 Prozent. Bis Handelsschluss arbeitete sich der Leitindex - auch wegen positiver Futures auf die US-Leitindizes - wieder auf ein Plus von 0,56 Prozent vor. Die Marktkapitalisierung des ATX sank seit Anfang August bis Dienstag übrigens um 6,6 Milliarden Euro bzw. 17,3 Prozent auf 31,23 Milliarden Euro.

Am stärksten verloren haben Aktien jener Unternehmen, deren Geschäft unmittelbar von der Konjunktur abhängt: Die Stahlkonzerne voestalpine, ThyssenKrupp und Autobauer wie BMW und Daimler. Trotz heftiger Rückgänge der Aktienkurse in den vergangenen Tagen sind Unternehmer aber nicht so pessimistisch. Wolfgang Leitner, Chef des steirischen Anlagenbauers Andritz: "Unsere Auftragsbücher sind prall gefüllt. Ich bin nicht über Gebühr besorgt." Zumindest am Dienstag gaben ihm Anleger recht. Der Andritz-Aktienkurs legte um elf Prozent kräftig zu.

Der Frankfurter Dax, der zwischenzeitlich um mehr als sieben Prozent eingebrochen war, schloss mit einem Minus von 0,10 Prozent.
Klar im Plus ging dagegen der Londoner FT-SE-100 (+1,89 Prozent) aus dem Handel.

Der Dow Jones startete am Dienstag mit einem Plus. Nach der erwarteten Entscheidung der US-Notenbank, den Leitzins unverändert bei 0,0 bis 0,25 Prozent zu belassen, rutschte der Dow Jones in die Verlustzone - aber nur kurzfristig. Zu Börseschluss notierte er mit Plus 3,9 Prozent deutlich höher als am Vortag und klar über der wichtigen Marke von 11.000 Einheiten.

Fed lässt Zinsen unten

Am Montag hatte der US-Leitindex mit -5,55 Prozent geschlossen und war mit unter 11.000 Einheiten aus dem Handel gegangen - dem tiefsten Schlussstand seit dem 4. Oktober 2010.

Angesichts der weltweiten Börsenturbulenzen und der Gefahr einer neuen Rezession wird die US-Notenbank noch mindestens für zwei Jahre mit ultra-niedrigen Zinsen der weltgrößten Volkswirtschaft unter die Arme greifen. Fed-Chef Ben Bernanke ließ offen, ob und gegebenenfalls wann er weitere Milliarden für neue Staatsanleihenkäufe in die Hand nehmen könnte.

Trichet: Regierungen müssen "ihre Arbeit tun"

Wall Street: Die Verunsicherung ob des Auf und Ab ist dem Händler ins Gesicht geschrieben. Foto: apa Wall Street: Die Verunsicherung ob des Auf und Ab ist dem Händler ins Gesicht geschrieben.

Die wilde Talfahrt der Börsen lässt auch die Alarmglocken bei Europas
Notenbank-Bossen läuten. Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) griff am Dienstag zu drastischen Worten: "Diese Krise ist die schwerste seit dem Zweiten Weltkrieg", sagte er im französischen Radio Europe 1.

Ganz so dramatisch wollte es Österreich Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny nicht ausdrücken. Doch auch er zeigte sich im Ö1-Mittagsjournal "äußerst besorgt über die Börsentalfahrt". Es gebe gewisse Parallelen zur Krise nach der Lehman-Pleite: nämlich, dass die Banken bei der Kreditvergabe wieder vorsichtig werden und zunehmend Geld bei der EZB parken. Zur Erinnerung: Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 war das Misstrauen zwischen den Geldinstituten so groß, dass sie sich gegenseitig kaum mehr Geld liehen und lieber bei den sicheren Notenbanken veranlagten. Die Folge war ein krasser Liquiditätsmangel der Banken. Einige mussten von den Staaten vor dem finanziellen Ruin gerettet werden.

Mit den mahnenden Worten versuchten die beiden Top-Banker den Druck auf die Regierungen in Europa zu verstärken, ihre Sparpakete umzusetzen. Zudem müssten endlich die Beschlüsse des Euro-Sondergipfels vom 21. Juli in den nationalen Parlamenten beschlossen werden, fordert Trichet. Sonst könnten die Hilfspakete für die hoch verschuldeten Staaten und der neue europäische Rettungsfonds EFSF gar nicht umgesetzt werden.

Was sollen Anleger tun?

Sollen sich Anleger in diesem extrem unsicheren Börsenumfeld aus Aktien verabschieden? Thomas Neuhold, Analyst der UniCredit Bank Austria glaubt, dass langfristig orientierte Investoren die aktuell tiefen Kurse sogar zum Einstieg nutzen sollten. "So billig wird es Aktien lang nicht mehr geben." Wer den Kauf jetzt wagt, muss aber gute Nerven haben. Dass es ab jetzt nur mehr aufwärts geht, ist sehr unwahrscheinlich.

Auch Regina Parhammer, Fondsmanagerin des Volksbanken America Invest, glaubt langfristig an Aktien. Sie rät aber zum Kauf von Titeln mit hohen Dividenden und zu Aktien von Unternehmen, die wenig von der Konjunktur abhängen wie Nahrungsmittel- oder Getränkekonzerne.

(KURIER.at, KURIER) Erstellt am
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