Wirtschaft
27.01.2015

Wienern bleibt immer weniger Geld zum Shoppen

WK-Studie: Verlust bei Kaufkraft-Volumen. Kritik an Verkaufsflächenwachstum vor allem am Stadtrand.

In Wien wachsen die Geschäftsflächen - aber nicht die Shoppingbudgets. Laut einer Studie der Wiener Wirtschaftskammer liegt das Kaufkraft-Volumen der Hauptstadtbewohner bei 9,7 Mrd. Euro. Inflationsbereinigt entspricht das einem Verlust von 0,6 Prozent seit 2006, wie Kammerpräsident Walter Ruck am Dienstag in einer Pressekonferenz erklärte. Gleichzeitig stiegen die Verkaufsflächen um 20 Prozent.

Nominell ist die Kaufkraft in Wien seit der bis dato letzten vergleichbaren Erhebung im Jahr 2006 um 17,5 Prozent angestiegen. Dafür ist laut Kammer nicht zuletzt das Bevölkerungswachstum von 7 Prozent verantwortlich. Berücksichtigt man die Inflation, ergibt sich jedoch ein Rückgang der verfügbaren Mittel.

Anstieg der Lebenshaltungskosten

Dieser ergibt sich nach Einschätzung der Interessensvertretung aus einem Anstieg der Lebenshaltungskosten. Hier wurden etwa die Ausgaben für Wohnen ins Treffen geführt. Der Anteil, der fürs Einkaufen zur Verfügung stehe, werde dadurch reduziert, hieß es.

Eher keinen Rückgang gab es beim Angebot. Aktuell verfügt die Bundeshauptstadt über Einzelhandelsverkaufsflächen von mehr als 2,4 Mio. Quadratmetern. Sie verteilen sich unter anderem auf Einkaufsstraßen (45 Prozent), Fachmarktagglomerationen (24 Prozent) oder integrierte Einkaufszentren (13 Prozent). Seit 2006 sind die Flächen um 20 Prozent angestiegen, bei den Fachmärkten am Stadtrand betrug der Zuwachs sogar 38 Prozent.

SCS und G3 profitieren

82,3 Prozent des Kaufkraftvolumens bleibt in der Stadt, was eine Steigerung von 0,6 Prozent bedeutet. Von jenem Geld, das nicht hier ausgegeben wird, profitieren vor allem zwei große niederösterreichische Einkaufszentren - die Shopping City Süd in Vösendorf( Bild) sowie das G3-Center in Gerasdorf. Auch die rund um die beiden Shopping-Tempel angesiedelten Fachmärkte sind bei Wienern beliebt.

Insgesamt gleichen die Kaufkraft-Zuflüsse nach Wien die Abwanderung aber noch aus: Der Gesamtsaldo ist positiv, er beträgt 121 Mio. Euro. Allerdings, so warnte Ruck, hat sich die Bilanz seit 2006 um 66 Prozent verschlechtert.

Regional einkaufen

Innerhalb Wiens konnten einige Bezirke ihre Bewohner dazu bringen, verstärkt regional einzukaufen - wobei auch hier oft Einkaufszentren eine Rolle spielten. Günstig haben sich laut Umfrage für den 22. Bezirk etwa die Erweiterung des Donauzentrums und für den 23. Bezirk die Eröffnung des Riverside-Shopping-Centers ausgewirkt. In anderen Stadtteilen hat sich die sogenannte Kaufkraft-Eigenbindung hingegen verschlechtert, etwa in Rudolfsheim-Fünfhaus, Floridsdorf oder Simmering.

Laut Kammerpräsident Ruck bedeutet die Entwicklung, dass die Umsätze und Gewinne pro Verkaufsfläche sinken. Nahversorger würden verschwinden, die Leerstände wachsen. Auch das Angebot, so beklagte Ruck, würde immer einheitlicher werden.

Widmungsstopp

Er sprach sich unter anderem dafür aus, einen Widmungsstopp für großflächige Verkaufsflächen in Betriebs- und Industriegebieten zu erlassen. Auch eine Revitalisierungsoffensive für Erdgeschoßzonen in Einkaufsstraßen wurde gefordert. Kritik übte er daran, dass nötige Oberflächensanierungen etwa in der Favoritenstraße nicht durchgeführt würden - ideal wäre gewesen, dies gleichzeitig mit dem Bau des Hauptbahnhofs zu bewerkstelligen, befand er.

Einzelhandel machte weniger Umsatz, schuf aber neue Jobs

Der österreichische Einzelhandel hat 2014 erneut Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Inflationsbereinigt (real) sanken die Umsätze der Branche um 0,5 Prozent, selbst unter Berücksichtigung des dynamischen Onlinegeschäfts waren die Erlöse rückläufig. Handelsobfrau Bettina Lorentschitsch sieht dennoch das Positive: "Der Handel ist der Jobmotor in Österreich", sagte sie am Dienstag vor Journalisten.

Die Zahl der Einzelhandels-Beschäftigten stieg um 1,3 Prozent oder 4.200 Personen auf rund 326.100. Das Wachstum liege über dem Gesamtbeschäftigungswachstum, so Lorentschitsch beim Jahrespressegespräch in Wien. Fast die Hälfte der Beschäftigen im Einzelhandel arbeitet jedoch Teilzeit.

Branchensieger

Branchensieger waren erneut Drogerie- und Parfümeriegeschäfte mit realen Umsatzzuwächsen von 4,5 Prozent. "Den kleinen Luxus gönnen sich die Menschen nach wie vor", meinte die Handelsobfrau. Auch Elektrohändler (+2,7 Prozent) sowie Uhren- und Schmuckgeschäfte (+2,9 Prozent) zählten im vergangenen Jahr zu den Gewinnern. Ein leichtes reales Plus ging sich auch in der Bekleidungsbranche (+1,0 Prozent) aus.

Alle anderen Branchen erzielten reale Umsatzrückgänge, am höchsten waren sie im Sportartikelhandel (-2,5 Prozent). Das Wetter spielte den Sporthändlern im Vorjahr übel mit - sowohl im 1. als auch im 4. Quartal lag zu wenig Schnee. Reale Umsatzeinbußen gab es auch im Möbelhandel (-1,9 Prozent), Bau- und Heimwerkerhandel (-1,7 Prozent) sowie im Lebensmittehandel (-1,3 Prozent).

Bundesländer rückläufig

Abgesehen von Salzburg, Vorarlberg und Kärnten, die von Grenztouristen profitierten bzw. auf ein niedriges Niveau aufsetzten, waren die Umsatzentwicklungen in den restlichen Bundesländern rückläufig. Vor allem die Wiener Händler litten - unter anderem an einem starken Rückgang der kaufkräftigen russischen Touristen.

Das Geschäft im Internet entwickelte sich einmal mehr dynamisch. Die Brutto-Umsätze erhöhten sich um rund 200 Mio. Euro auf 3,1 Mrd. Euro. Das entspricht knapp 5 Prozent des gesamten Einzelhandelsvolumens. Die KMU Forschung Austria ermittelt allerdings keine Umsätze, die Österreicher auf ausländischen Webseiten wie Amazon oder Zalando ausgeben. Hier kämen noch einmal rund 3 Mrd. Euro Umsatz dazu.

Das Christkind lieferte 2014 keine wahnsinnig großen Packerln: Der Umsatz im Weihnachtsgeschäft stieg leicht um 0,5 Prozent auf 1,617 Mrd. Euro.

Optimismus für 2015

Für 2015 ist Lorentschitsch "eine Spur optimistischer als die Wirtschaftsforscher", wenngleich sie einräumte, dass sich der Handel negativer Einflüsse von außen nicht verwehren könne. Bei den realen Umsätzen werde man sich hoffentlich der Nulllinie nähern oder vielleicht ein leichtes Plus erzielen. In Richtung Regierung plädierte die Handelsobfrau: "Es darf keine neuen Steuern geben." Sinnlos seien auch Vorschriften, die viel Geld kosten und Unternehmer unter Generalverdacht stellten - wie die von der SPÖ zur Bekämpfung von Steuerbetrug vorgeschlagene "Registrierkassenpflicht". "Wie soll das auf Märkten funktionieren"?, fragte Lorentschitsch.