Wirtschaft | Karriere
16.05.2017

Zurück nach der Karenz: Keine Schonung für Mamas

Frauen, die nach der Karenz in den Job zurückkehren, wollen wertgeschätzt werden und nicht abgestellt, sagt Psychologin und Coach Barbara Widerhofer.

Plötzlich ist man Mama – ja, die neun Monate davor kündigen das definitiv an. Vorbereitet ist man auf diese Flut an neuen Gefühlen und Anforderungen nicht. Ebenso ist das mit dem Wiedereinstieg in den Job: Plötzlich ist man wieder da. Und irgendwie weiß niemand so recht, wie sich alles ausgehen soll. Dabei wäre es einfach: Bedürfnisse abklopfen, Flexibilität, keine Schonung. Und: mehr echte Kinderverantwortung von den Männern, sagt Barbara Widerhofer, selbst Mama von zwei Buben.

KURIER: Wie muss eine Mutter heute sein?

Barbara Widerhofer: Vielseitig. Sie muss geduldig sein. Ausflippen ist nicht drin. Was ich in dem Spannungsfeld Arbeit, Haushalt und Familie phasenweise schwierig finde.Viele Frauen haben auch den Anspruch, eine coole Mama zu sein, wollen zeigen, dass sie zwar ein Kind haben, aber noch immer die Alten sind. Das ist unmöglich. Und dann beginnt man zu arbeiten und ist irgendwie zurück, aber nicht so ganz. Und man ist gerne in der Arbeit und verlässt trotzdem ungern am Morgen das Haus. Eine Mama muss Ambivalenzen aushalten.

Ambivalent ist außerdem, dass 94 Prozent der Führungskräfte Familienfreundlichkeit für wichtig erachten, doch das eigene Unternehmen oft weit weg davon ist.

Aber hier tut sich etwas – wenn auch nicht in dem Tempo, in dem wir es gerne hätten. Wichtig wäre die Einstellung im Unternehmen, dass Frauen nun mal Kinder bekommen und dass es ein absoluter Unsinn ist, sie deswegen vom Arbeitsmarkt auszuschließen. Denn eine Frau, die ich nach der Karenz fair behandle, ist eine der loyalsten Mitarbeiter. Man weiß auch, dass Teilzeitkräfte effizienter sind als Vollzeitkräfte. Insofern sind das nicht minderwertige Arbeitskräfte, sondern Leute die in kurzer Zeit viel zustande bringen. Mütter, die zurückkommen, wollen, genauso wie alle anderen Mitarbeiter auch, einen wertvollen Beitrag leisten. Nicht geschont werden, sondern verantwortungsvoll einbezogen werden.

Welche Maßnahmen sind familienfreundlich?

Flexible Arbeitszeitmodelle. Gleitzeit. Teilzeitführungspositionen. Home Office. Auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen. Und Männer müssen darin bestärkt werden, sich in der Zeit, in der die Kinder unter sechs Jahre alt sind, im Job zurückzunehmen.

Müssen Männer mehr in die Pflicht genommen werden?

Ja, auch von den Frauen. Aber dafür müssen sie Revier abgeben. Denn oft hat die Frau selbst dann die Verantwortung, wenn es eine partnerschaftliche Beziehung ist und der Mann viel Zeit mit den Kindern verbringt. Fragen Sie mal einen Mann, welche Schuhgröße sein Kind hat oder wann die nächste Mutter-Kind-Pass-Untersuchung ansteht.

Müssen Männer zur Karenz verpflichtet werden?

Ich tu mir mit Müssen schwer. Viele Frauen wollen bei ihren Kindern Zuhause bleiben. Dieses Nichthergebenwollen hat aber manchmal eine Perfektions- und Kontrollseite. Ich ermutige dazu, hinzuschauen, wie viel man an sich rafft, obwohl man eh schon genug hat.

Wann ist die beste Zeit für Kinder, damit sich auch Karriere ausgeht?

Aus dem Bauch heraus würde ich sagen mit 35. Viele Mütter, mit denen ich arbeite, haben große Sprünge in ihrer Karriere gemacht, bevor sie Kinder bekommen haben. Andere starten erst danach durch – meist in neuen Bereichen. Oder früh Kinder bekommen und dann Karriere machen. Aber das Leben ist ja nicht immer so planbar.