Mut ist anlassbezogen: ein Klippenspringer kann bei Finanzentscheidungen weniger Risikobereitschaft zeigen

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Wirtschaft | Karriere
07/27/2019

Woher kommt der Mut zum Sprung ins kalte Wasser?

Hirnforscher und Neurologe Thomas Klausberger über sichere und riskante Entscheidungen.

KURIER: Wovon hängt Risikobereitschaft ab?

Thomas Klausberger: Risikobereitschaft ist mal höher, mal niedriger und hängt von Erfahrungen ab. Für meine Tochter ist das Springen vom Dreimeter-Brett eine Herausforderung, weil sie es noch nie gemacht hat. Andere springen einfach, weil sie wissen, es passiert nichts. Es gibt keine Risikobereitschaft oder Mut bezogen auf eine Sache. Mutige Entscheidungen sind anlass- und bereichsbezogen. Manche treffen riskante finanzielle Entscheidungen, trauen sich aber beim Bergsteigen weniger.

Welche Faktoren beeinflussen Risikobereitschaft noch?

Emotionen. Bei der Entscheidung, auf einen Skywalk zu gehen, treffen Angst und Neugier aufeinander. Einerseits hat man Angst, herunter zu fallen aber man ist auch neugierig, weil man hinunterschauen will.

Woran erkennen Hirnforscher, ob jemand volles Risiko eingeht oder lieber auf Nummer sicher geht?

Ein zentrales Ergebnis unserer Forschung war, dass sich anhand der neuronalen Aktivität im präfrontalen Cortex des Gehirns vorhersagen lässt, welche Aktion als Nächstes gesetzt wird. Bleibt die Aktivität spezifischer Neuronen niedrig, wird bei der nächsten Gelegenheit wieder Risiko genommen. Wenn die Aktivität dieser Nervenzellen aber stark ansteigt, dann wird als Nächstes die Sicherheitsvariante gewählt.

Ruft die Angst, einen Job zu verlieren, dieselbe Hirnaktivität davor, wie die Angst, einen Skywalk hinunter zu fallen?

Nicht ganz. Der Hippocampus ist bei der Angst, eine Schlucht hinunter zu fallen, stärker involviert, als bei der Angst, einen Job zu verlieren. Aber in beiden Fällen wird unser Hirn angstbezogene Aktivitäten zeigen, weil es mögliche Konsequenzen durchspielt.

Trauen sich Ältere weniger zu als Jüngere?

Ja, denn je älter man wird, desto weniger leicht lernt man auch dazu. Ein erfahrener Mensch weiß, welche Entscheidungen sicher sind. Alles läuft stabiler ab, man ist in Entscheidungen weniger innovativ. Jüngere hingegen sind flexibler und eher bereit, Bekanntes aufzugeben, um Neues zu erlernen.