© Andrea Hlinka

Werner Tiki Küstenmacher
09/28/2012

"Wir müssen uns Inseln schaffen"

Werner Tiki Küstenmacher mag Inseln und die Selbstständigkeit. Ein Gespräch mit dem Erfinder des Simplify-Konzepts.

von Andrea Hlinka

Herr Küstenmacher, entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber wir müssen mit dem Toncheck beginnen", mahnt  eine der Organisatorinnen der Veranstaltung.Werner Tiki Küstenmacher blickt nach rechts und sagt ihr entspannt ins Gesicht: "Ja, gleeeeiiiich." Der Mann lebt, was er predigt. Vor mehr als zehn Jahren wurde der Theologe, Autor und Karikaturist mit seinem Buch "Simplify Your Life" berühmt.  

KURIER: Sie haben 2001 einen Bestseller geschrieben – es geht um Entrümpelung und Entschleunigung. Hat sich die Thematik  seither  geändert?

Werner Tiki Küstenmacher:  Nicht wirklich. Es kommen ständig neue Erfindungen auf den Markt, aber die Probleme der Menschen bleiben dieselben. Ich sehe nach wie vor  die Müdigkeit der Leute.

Wonach sehnen sich die Menschen Ihrer Meinung nach?

Nach einem anderen Leben. Sie hätten es gerne ruhiger. Aber ich denke, dass wir das im Grunde  gar  nicht wollen.  Sonst wären wir längst kürzergetreten. Viele haben sogar Angst davor. Wenn sich jemand nach Simplify sehnt, dann ist er eigentlich gut dran. Die Leute, die das zwangsweise schon haben, hätten es gern ein bisschen geschäftiger. Sehen Sie sich Arbeitslose an.

Oder Pensionisten, die in ein Loch fallen, nachdem sie aus dem Arbeitsleben ausgetreten sind.

Ich glaube, die große Herausforderung unserer Zeit ist, das Leben gleichmäßig zu bebauen. Es gibt eine Rushhour des Lebens: Da muss man die  Ausbildung machen, dann einen Partner finden, dann gibt es den Beruf – da muss alles gegeben werden.  Dieser grässliche Stress am Anfang mit  Partnerschaft kontra Beruf  – das ist doch grausam. Ich höre von Top-Leuten,  dass  der Mann oder die  Frau nicht mitgespielt hat und sie dann diese Entscheidung treffen mussten. Das ist doch furchtbar.

Gemeinsam durchhalten ist die Devise?

Man muss Prioritäten setzen und auch Verständnis haben. Aus der Burn-out-Forschung wissen wir, dass der größte Burn-out-Faktor die Beziehung ist, nicht der Job an sich. Frauen und Männer halten Unglaubliches aus, wenn ihr Partner zu ihnen sagt: "Super. Das ist gut, dass du das machst." Aber wer hört das heute schon? Wir hören nur: "Muss das sein, dass du heute schon wieder so lange arbeitest? Du bist am Wochenende schon wieder weg?" Da muss man ein größeres Herz  und  Verständnis haben.

Vielleicht passt aber auch die Beziehung nicht?

Ja, klar, das glauben wir alle. Wir glauben, dass der  gegenwärtige Partner das   alles nicht versteht,  aber dass es irgendwo da draußen  einen gibt, der viel besser wäre. So einfach ist das nicht.   

Sie zeichnen, Sie schreiben, sind Theologe und haben Familie – wie ist sich das  alles ausgegangen?

 Ich bin mein eigener Chef. Ich bin selbstständig. Aber ich war auch eine Zeit lang angestellt. Die Phase war rückblickend betrachtet ganz furchtbar.    

Nicht jeder kann sich selbstständig machen. Aber wie können wir es schaffen, den hohen Anforderungen im Job gerecht zu werden?

Was wir immer mehr brauchen sind Inseln. Wir sollten uns Inseln schaffen, wo wir mal nicht erreichbar sind. Auch in manchen Firmen kommt langsam die Einsicht, dass es Tage geben muss, wo es keine Meetings gibt, wo man die Mailbox des Handys Anrufe entgegennehmen lässt. Und das alles nur, um zur eigentlichen wertschöpfenden Arbeit zu kommen. VW hat etwa eingeführt, dass das mittlere Management  am Abend und an Wochenenden kein Diensthandy mehr verwenden kann.

Sollten sie das nicht freiwillig machen können?

Man hat es probiert. Es ist in dem Sinn auch keine Zwangsaktion, sondern eine Solidaraktion.  

Macht es wirklich produktiver und effektiver?

Ich bin total davon überzeugt, dass es gut ist, ohne Unterbrechung arbeiten zu können. Viele können das ja auch gar nicht mehr. Sie unterbrechen sich dann selbst. Ich merke es bei mir: So nach zehn Minuten denke ich mir "Jetzt könntest du dir eigentlich einen Kaffee machen." Und ich bin fest davon überzeugt, dass Raum und Zeit zusammenhängen und es Orte gibt, an denen man produktiver ist. Und häufig ist das nicht das Büro.

Vereinfacher: Werner Tiki Küstenmacher

Leben Werner Tiki Küstenmacher wurde 1953 in München geboren. Seit seiner Kindheit ist er  als Karikaturist tätig. Nach dem Studium der evangelischen Theologie machte er eine journalistische Zusatzausbildung beim Münchner Merkur und dem Bayerischen Rundfunk. Bis heute hat er mehr als 100 Bücher veröffentlicht.

Simplify Mit seinem 2001 erschienenen Buch "Simplify Your Life" wurde er berühmt. Küstenmacher wurde 2009 in die "Hall of Fame" der German Speakers Association (GSA) aufgenommen. Seit  Jahren ist er Sonntagmorgen mit seiner Videokolumne im ZDF zu sehen. Am Wochenende holte ihn die Junge Wirtschaft zu ihrer Bundestagung nach Graz

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