"Viele Investoren investieren lieber in ein erstklassiges Team mit einer mittelguten Idee als umgekehrt", sagt Georg Fürlinger

© KURIER/Gerhard Deutsch

Interview
10/11/2014

Wien muss kein Silicon Valley sein

Lernen können wir trotzdem vom amerikanischen Gründergeist, sagt Experte Georg Fürlinger.

von Nicole Thurn

Silicon Valley gilt als Nabel der Start-up-Welt. Was wir vom Unternehmergeist der Amerikaner lernen können und welches Umfeld Start-ups brauchen, erzählt Experte Georg Fürlinger. Aktuell hat er am Buch "Abseits von Silicon Valley" mitgeschrieben (Hg. Thomas Funke). Die These: Start-ups brauchen ein bestimmtes Umfeld, um erfolgreich zu sein. Und: Silicon Valley lässt sich nicht kopieren.

KURIER: Jede Woche hört man von neuen Gründerevents, von Ideenwettbewerben. Wird Österreich zum Start-up-Land?

Georg Fürlinger: In Österreich tut sich viel, aber wir sind vergleichsweise noch in einer frühen Phase. Da ist noch einiges mehr an Energie und tatkräftigen Unternehmen notwendig. Es ist wichtig, Bewusstsein zu schaffen, daher haben wir auch das Buch geschrieben.

Beim Unternehmergeist gibt es regionale Unterschiede, schreiben Sie. Entstehen Orte wie Silicon Valley, weil es dort bereits viele Unternehmen gibt, oder ziehen sie Unternehmer erst an?

Das ist ein ständiger Kreislauf. Gewisse Städte fungieren als Magneten. Motivierte Menschen tauschen sich gern mit anderen motivierten Leuten aus, es zieht sie an solche Orte.

In Ost- und Westamerika gibt es offenbar Unterschiede.

Eine Erklärung für den Unternehmergeist in Kalifornien stammt aus der Kolonialzeit. Die Siedler, die vom Osten in den Westen zogen, waren risikofreudige Individualisten, die ihre Chance in der Ferne suchten. Im Wilden Westen merkten sie, dass sie sich zusammentun mussten, um zu bestehen.

Was sind die Herausforderungen für Start-ups hier und in den USA?

In Österreich ist das Sicherheitsdenken stark ausgeprägt. In Amerika herrscht das "Dream big" vor – die Idee, dass man als Person etwas verändern kann. In Österreich wird das eher belächelt. In den USA zählt der Mentoring-Gedanke: Im Silicon Valley habe ich Gründer mit erfahrenen Unternehmern zusammengebracht. Diese einflussreichen Persönlichkeiten nahmen sich Zeit für die nächste Generation.

Das Gründerteam ist wichtiger als das Produkt, heißt es im Buch.

Viele Investoren investieren lieber in ein erstklassiges Team mit einer mittelguten Idee als umgekehrt. Es geht weniger um die Idee, sondern um die Vision, etwas zu verändern. Die Motivation des Entrepreneurs, die Vision zu erfüllen, muss stark sein. Dafür probiert er mehrere Ideen aus.

Was unterscheidet Start-ups im Silicon Valley von österreichischen?

Die Amerikaner schaffen es, komplexe Sachverhalte einfach und spannend zu präsentieren. Die Österreicher verlieren sich gern in Details. Manche erzählen dem Investor alle Einzelheiten zum Produkt, lassen aber den Markt außen vor.

Und was ist in den USA beim sozialen Umgang miteinander anders?

Man lernt anders als bei uns in den USA schnell Leute kennen, wie in der U-Bahn. Andererseits geht es meist weniger tief. Die Persönlichkeit ist in Amerika sehr wichtig. Ständig hört man: "Oh, I love your personality!" Gefragt sind extrovertierte Leute mit innerem Drive, funny, smiling, offen. Bei uns ist man schnell der Zappelphilipp. Andererseits gibt es in den USA das "Duck-Syndrom": Auf der Oberseite des Wassers ist alles super, darunter wird heftig gestrampelt. Über die harte Arbeit wird kaum geredet.

Wird übers Scheitern geredet?

Die Fehlerkultur ist eher rückwirkend vorhanden: Man redet leichter über das Scheitern, wenn man erfolgreich ist.

Fehlerkultur klingt ja nett. Aber beim Scheitern hängen Existenzen dran. Wie geht man in den USA damit um – ohne Auffangnetz?

Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist dort ausgeprägter. Unser Sozialsystem hat hier Stärken, fördert Unternehmertum aber nicht unbedingt.

In den USA kannst du in drei Tagen eine Firma gründen – bei uns ein bürokratischer Hürdenlauf.

In Amerika gründet man schneller, schließt aber auch schneller. Die politische Ebene ist nur ein Faktor. Man muss Ideen, Talente und Kapital zusammenbringen. Kopieren kann man das Silicon Valley nicht.

Was kann man davon lernen?

Offenheit – gegenüber anderen Personen und Ideen. Mentoring. Und Informalität: In Amerika ist man schnell im Austausch mit anderen. Starke Hierarchien hemmen Innovation, Nähe fördert sie.

Diese Nähe wird in den sogenannten Co-Working Spaces und Hubs für Gründer in Wien bereits gelebt.

Ja, sie sind sehr wichtig, nicht nur wegen der Office-Infrastruktur und dem WLAN, sondern wegen der Community. Hier können sich Gleichgesinnte über Probleme und Ängste austauschen und Partnerschaften eingehen.

Sie haben das Projekt "Erasmus für Jungunternehmer" mitorganisiert. Was bringt es Gründern, ins Ausland zu gehen?

Man kommt zurück mit einem Haufen Ideen. Ins Ausland zu gehen, fördert Toleranz, Anpassungsfähigkeit und Kreativität – Fähigkeiten, die ein Unternehmer braucht. Das will auch das Projekt leisten.

Start-up-Helfer

Georg Fürlinger (31) studierte an der WU Wien IBWL und verbrachte ein Semester in Australien. Für die Dissertation forscht er am Austrian Institute of Technology über Spin-offs an Universitäten in Europa und den USA. Er unterrichtete am New Yorker Institute of Technology Entrepreneurship und Management. Für das StartX-Programm der Stanford University baute Fürlinger die Mentor Labs auf, wo Gründer im Silicon Valley auf erfahrene Unternehmer treffen. Er ist Co-Autor von „Abseits von Silicon Valley“ (Hg. Thomas Funke, FAZ-Verlag, € 29,90, ab sofort erhältlich).

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