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Wirtschaft Karriere
08/21/2021

Wenn Kinder den Anstoß für ein Business geben

Ist es verrückt, sich mit kleinen Kindern selbstständig zu machen? Oder ist es genau die richtige Lebensphase? Mütter und Väter, die den Schritt gewagt haben, erzählen von Anfangsschwierigkeiten, das Leben als Unternehmereltern und großen Plänen.

von Theresa Kopper

Moderne Aussteiger, Ideenjunkies, Tausendsassa – Bezeichnungen, die Beate und Stephan Klein im Zusammenhang mit ihrer Person wohl schon öfters gehört haben. 20 Jahre lange waren die beiden  in der Werbebranche tätig, bevor sie 2006 ihr Geschäft für Kinderausstattung in der Wiener Kirchengasse eröffneten. „Wir hatten  in der Werbung sehr viel erreicht  und es war Zeit für einen neuen Schritt“, erinnert sich Stephan Klein im KURIER-Gespräch. Ideen, sich selbstständig zu machen, hätte es viele gegeben. Da sich ihr Leben zu dem Zeitpunkt aber sowieso um den damals zweijährigen Sohn gedreht hätte, wurde ein Geschäft für Kindersachen daraus. „Wir haben das nicht bewusst geplant, es hat sich so ergeben.“

Bereut haben sie die Entscheidung bis heute nicht, auch wenn es vor allem zu Beginn „Wahnsinn“ war, wie Beate Klein es beschreibt. „Wir  sind gerade nach Wien übersiedelt, ich war hochschwanger und wir hatten einen Zweijährigen. Aber wir hatten den Traum etwas aufzubauen, das auch nachhaltig Bestand hat. Und dafür haben wir viel in Kauf genommen.“

Internationaler Kundenstamm

Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Heute führen die Kleins einen Onlineshop und zwei Geschäfte, neben dem Wiener Stammgeschäft mit rund 600 Quadratmeter Verkaufsfläche auch ein kleineres mit 150 Quadratmetern in Dornbirn. Insgesamt beschäftigen sie derzeit rund 30 Mitarbeiter aus über 10 Nationen. „Wir haben zahlreiche internationale Kunden, die sich natürlich sehr freuen, wenn wir sie in verschiedenen Sprachen beraten können“, sagt Beate Klein, die nicht nur großen Wert darauf legt, eine faire Arbeitgeberin zu sein (während der Pandemie wurde kein einziger Mitarbeiter entlassen), sondern auch darauf, dass ihre Produkte fair hergestellt werden. „Wir haben viele Produktionsstätten unserer Handelspartner besucht und kennen die Mehrzahl der Markeninhaber inzwischen. So können wir auch zu 100 Prozent hinter unseren Produkten stehen.“

Auch sonst setzen die Kleins auf eine ökologischen Linie. „Ausgeliefert wird bei uns beispielsweise mit elektrischen Lastenrädern, Lieferanten-Kartons werden im Online-Versand wieder verschickt und eigene Papierklebebänder helfen bei der Plastikreduktion“, erzählt Stephan Klein. 

Noch viele Pläne

Seit geraumer Zeit setzen sie mit ihren Bio-Basics, ihrer Bio-Wollfleece-Kleidung und Fellsäcken für Kinderwagen zudem auf Eigenproduktionen. „Wir haben unheimlich viele Ideen, um unsere Marke, unser Geschäft weiterauszubauen. Die Eigenproduktion war eine davon, die wir in die Tat umgesetzt haben“, sagt der Unternehmer. Und eine weitere steht bereits in den Startlöchern: „Im September eröffnen wir unser drittes  Geschäft in der Wiener Neubaugasse, in dem sich alles um Interieur und Möbel für die Kleinen drehen wird“, sagt Beate Klein. „Wir werden es Herr und Frau Klein im Hof nennen.“    

Eigentlich gehört Nähen nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Christina Gschwendtner, trotzdem hat es die zweifache Mutter geschafft, ein Mode-Label aus dem Boden zu stampfen, das seit 2019 auf der Erfolgsspur fährt. „Ich bin selbstständige Journalistin, mit Anfang 40 fragte ich mich dann , ob es beruflich schon alles ist, die Geschichten der anderen zu erzählen. Ich wollte meine eigene Geschichte erzählen und vor allem erleben“, sagt Gschwendtner. 

Den Wunsch nach einer eigenen Geschäftsidee hatte sie schon länger. „Als ich merkte, dass meine beiden Mädchen großen Spaß daran haben, sich gleich anzuziehen, ist die Idee eines Mode-Labels mit Matching Outfits für Mütter und Töchter entstanden.“ Und das obwohl Gschwendtner in Sachen Mode eine absolute Quereinsteigerin ist. „Allerdings hat Mode sehr viel mit Ästhetik und Design zu tun. Das lag mir privat immer schon sehr nahe. Trotzdem musste ich mir am Anfang viel Know-how erarbeiten, lernen welcher Stoff für welchen Schnitt geeignet ist und wie man beim Stoffeinkauf richtig kalkuliert. Das war ein Lernprozess, den ich in den vergangenen drei Jahren definitiv optimiert habe.“ 

Sich neu zurecht finden

Das optimale Team zu finden sei ebenfalls nicht ganz einfach gewesen.  „Ich war am Anfang in der Branche natürlich nicht ganz so gut vernetzt. Jemand hat mir dann aber die Wiener Modedesignerin Elisabeth Langer empfohlen. Die Chemie hat sofort gestimmt, heute designt sie meine Kollektionen.“ Geschneidert werden ihre Kleidungsstücke von Aneta Lesniowska, in Szene gesetzt werden sie von Fotograf Tony Gigov. Produziert werden die Stücke in Krakau, um lange Transportwege zu vermeiden. „Es war gar nicht so einfach einen Produzenten in Europa zu finden, der auch meine niedrige Stückzahl produziert. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit meines Labels war mir das aber von Anfang an sehr wichtig“, erklärt die Unternehmerin. Auch bei der Stoffauswahl lässt Gschwendtner den Ökologie-Gedanken nicht aus den Augen. „Ich verwende ausschließlich GOTS-zertifizierte Stoffe, bei deren Herstellung keine Pestizide verwendet werden.“

Autobiografisches Label

Die Mode von Petite Marie ist sehr stark auf ihre eigene Familie  bezogen. Das zeigt sich schon im Namen. Das Label hat sie nach ihrer ältesten Tochter Marie benannt. Außerdem wird jede neue Kollektion – jede einzelne ist nach einer Stadt benannt, zu der Gschwendtner einen persönlichen Bezug hat –  um eine Größe erweitert. „So, dass es eben meine Marie auch noch tragen kann.“ Und so viel wie Marie (7) und Pia (6) „mitarbeiten“, könnte man ihr Unternehmen fast als Familienbusiness bezeichnen. „Meine beiden Mädchen bringen ihre Ideen sehr gerne ein und sind auch bei den Fotoshootings dabei.“

Vor einigen Jahren erwarteten Christian und Marina Schwarzott ein Baby. Soweit nichts Außergewöhnliches. Auch die Suche nach nachhaltigen und schönen Sachen für das Neugeborene fällt unter normales Verhalten von Jungeltern. „Was wir damals aber gemerkt haben ist, dass es zwar vielfältige Marken und Produkte gibt, die unsere Ansprüche erfüllt haben, aber keinen Shop, der all diese Marken auch zentral anbot. So entstand die Idee zu Kyddo“, erzählt Gründerin Marina Schwarzott. Heute, fünf Jahre später, ist Kyddo ein „Hidden Champion“ der heimischen E-Commerce-Szene mit einem zweistelligen Millionen-Umsatz.  

Hohe Ansprüche

Dabei wollte sich Schwarzott am Anfang nach ihrer Karenz nur etwas  dazu verdienen. „Mir wurde allerdings schnell klar, dass eine Rückkehr in meinen alten Job bei der Boston Consulting Group sehr schwer sein würde – lange Arbeitszeiten und viel reisen. Gleichzeitig gab mir die Selbstständigkeit die Freiheit, die Arbeitszeit selbst einzuteilen. Es erschien mir einfacher, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen“, erzählt sie. Schwarzott blieb also dran, hat den Online-Shop und sein Sortiment weiter ausgebaut. Und es lief gut. Der Kundenstamm hat sich vor allem im deutschsprachigen Raum nach und nach vergrößert. Nach dem zweiten Kind ist auch ihr Mann Christian in das Unternehmen eingestiegen. „Und heute bieten wir in unserem Sortiment alles an, was Kinder zwischen null und sechs Jahren brauchen“, sagt er. Verschickt wird international. 

Die Ansprüche, die das Ehepaar Schwarzott bei den von ihnen vertriebenen Produkten verfolgt sind klar: Nachhaltig in der Herstellung, dezent und formschön im Design und qualitativ hochwertig im Material. „Es ist gar nicht so einfach, diese Qualitätsansprüche im Produktedschungel aufzufinden“, erzählt Marina Schwarzott. Rahmenbedingungen liefern dabei vor allem Zertifizierungen und eine intensive Suche nach geeigneten Labels, die Teil des Concept Stores werden. Auch an Eigenmarken arbeitet man derzeit intensiv, „vor allem um unser Sortiment nochmals zu erweitern und im Hinblick auf große Player  auch konkurrenzfähig zu bleiben“, sagt Christian Schwarzott. 

Ein Familienunternehmen

Künftig wolle man zudem nicht mehr nur ausschließlich auf E-Commerce setzen. „Wir planen aktuell auch eine kleine Anzahl von Läden zu eröffnen, in denen Kunden unsere Produkte hautnah erleben können, bevor sie sie kaufen“, sagt Marina Schwarzott, die sehr viel Wert darauf legt, dass die ganze Familie in das Unternehmen eingebunden ist. „Jedes Mitglied ist involviert: Ich bin für den kreativen Teil zuständig, mein Mann beschäftigt sich mit der Strategie und den finanziellen Aspekten. Und unsere drei Kinder testen die Produkte.“ 

Nachwuchs muss kein Karrierehindernis sein. Im Gegenteil: Manchmal kann eine Schwangerschaft oder der Alltag mit Kindern den entscheidenden Impuls geben, sich selbstständig zu machen. Bei Lucia Prummer, Geschäftsführerin von Herzchenklein, war es jedenfalls so. „Als ich damals, vor fünf Jahren, mit meiner ersten Tochter schwanger war, wurde aufgrund eines vorhergehenden Krankenstandes mein Karenzgeld gekürzt. Geld, das ich brauchte. Also musste ich mir etwas überlegen“, erzählt die  Unternehmerin.

Als sie auf der Suche nach Babyerstausstattung nichts nach ihrem Geschmack und vor allem nichts Personalisiertes finden konnte, kam die Idee: „Ich habe begonnen, schlichte und personalisierte Babyprodukte herzustellen und diese über die sozialen Medien zu verkaufen. Damit war Herzchenklein geboren“, erzählt Prummer. 

Ein weiter Weg

Die Resonanz war groß. „Schon nach kurzer Zeit habe ich praktisch rund um die Uhr Bestellungen und Personalisierungswünsche meiner Kunden angenommen. Das war mit einem Baby vor allem zeitlich eine enorme Herausforderung. Gleichzeitig habe ich mich riesig gefreut zu sehen, wie gut meine Produkte angenommen werden.“ So gut nämlich, dass 14 Monate nach der Gründung der Marke ihr Onlineshop folgte. „Das war vor allem zeitlich eine enorme Entlastung. Durch das automatische Bestellsystem musste  ich nicht mehr jeden Kunden persönlich antworten. Obwohl ich die ersten drei Tage nach Freischaltung der Seite dachte, niemand würde bestellen, da keine Nachrichten mehr  eintrafen“, erinnert sich Prummer und lacht.

Heute muss sie solche Befürchtungen nicht mehr haben,  heute führt Prummer neben dem Online-Shop auch ein Geschäft im burgenländischen Breitenbrunn, wo sie neben personalisierten Stücken auch Kleidung, Spielzeug und Möbel für Kinder verkauft. „Für eine Mama, die sich anfangs eigentlich nur mit ein paar selbst gemachten Schnullerketten etwas zum Karenzgeld dazuverdienen wollte, bin ich sehr weit gekommen. Das macht mich schon auch ein wenig stolz.“ 

Ein großes Ziel

Und Prummer ist noch nicht am Ziel.  „Ich möchte, dass Herzchenklein der beliebteste Shop für personalisierte Babysachen in Europa wird.“ Und dafür arbeitet sie weiter hart. Aktuell etwa an einer weiteren, englischen Webseite für die internationale Kundschaft. Und auch nach einem größeren Standort hält Prummer derzeit Ausschau. „Dort möchte ich ein Geschäft mit Café, Spielplatz und Lager eröffnen, eine Herzchenklein Erlebniswelt eben.“ 

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