Wirtschaft | Karriere
11.11.2017

Welche Auswirkungen hat #metoo auf sie, ihn und die Zusammenarbeit?

Die Sexismus-Debatte läuft weiter: Die Fronten zwischen den Geschlechtern sind verhärtet, die Rollen vergeben: Er, der Lüsterne; Sie, das Opfer. Was kommt jetzt und welche Auswirkungen hat #metoo auf sie, ihn und die Zusammenarbeit? Eine Annäherung.

Ihr Selbstbild

Sie ist schwach, weil sie in einem hierarchischen System abhängig vom Wohlwollen der (mehrheitlich männlichen) Vorgesetzten ist. Deshalb steckt sie ein, nimmt Grenzüberschreitungen hin und verdrängt Übergriffe oft jahrzehntelang. Ändert #metoo etwas daran? „Ich glaube, das war ein guter und wichtiger Schritt“, sagt Veronika Wöhrer, Soziologin der Uni Graz. „Und ich denke nicht, dass Frauen dadurch stärker in die Opferrolle gedrängt werden, sondern es ist vielmehr ein Weg aus der Opferrolle heraus.“ Denn die gesellschaftliche Debatte tritt eine Menge los. Viele Frauen, auch zahlreiche Prominente, bekennen sich – das habe Konsequenzen.

Einerseits für die Frauen selbst, die nun darüber nachdenken, was ihnen schon diesbezüglich passiert ist. Aber auch für viele Männer, die jetzt überlegen müssen, was sie tun, was sie sagen und wo die Grenzen liegen. „Das zeigt, dass es Sinn hat, diese Vorfälle an die Öffentlichkeit zu bringen“, betont Wöhrer. Denn die öffentliche Debatte stärkt Frauen.

Bei den Männern werde andererseits ein stärkeres Bewusstsein geweckt. „Ihnen wird nun zunehmend bewusst, wo die Grenzen liegen, ab wann etwas für das Gegenüber unangenehm ist. Ob es jetzt um Sex im Austausch für eine Filmrolle geht oder um anzügliche Bemerkungen: Die Gemeinsamkeit ist, dass dabei eine persönliche Grenze überschritten wird“, sagt Wöhrer. Das muss Männern klar werden. Und dass ein Vielleicht kein Ja ist, und ein Nein auch wirklich Nein bedeutet, spricht Wöhrer das im Vorjahr in Deutschland novellierte Sexualstrafrecht an: Täter, die sich über den erkennbaren Willen von Opfern hinwegsetzen, machen sich seither strafbar. Anlass für die Novelle waren die Silvester-Übergriffe in deutschen Städten.

Sein Selbstbild

Er erkennt nicht, wo ein Flirt endet und wo die Belästigung anfängt. Er nutzt seine Machtposition aus. Er geht zu weit. So wird der Mann, der Kollege, der Chef seit Wochen in den Medien dargestellt. „Dabei wird leider häufig ausgeblendet: Der Großteil der Männer verhält sich anständig und rechtschaffen“, sagt Diplompsychologe und Buchautor („Mama Trauma“) Werner Dopfer. Er sagt aber auch: „Wir dürften auf keinen Fall ignorieren, dass Gewalt tendenziell eher vom Mann ausgeht. Er ist in der Regel der Täter.“

Wie sollen Männer mit diesem Stigma umgehen, wo doch längst nicht alle Teil des Problems sind? „Mutige und selbstkritische Männer können das Erleben der Frau nachvollziehen und sind oft sehr betroffen. Sie stellen sich der Diskussion und suchen einen wertschätzenden Umgang. Sie sind überzeugt, dass Vielfalt im Team produktiv und spannend ist.“ Viele würden sich jetzt trauen, Grenzen zu besprechen und akzeptieren, dass sich etwas verändern muss.
An extremen Fällen wie Donald Trump sehe man allerdings, dass es so ein Verhalten auch weiterhin gibt. Dopfer rechnet vor, dass archaische Muster, die sexuelle Übergriffe antreiben, erst in 25 Jahren fallen. Bis dahin werde es Männer geben, die nichts aus der Debatte lernen. „Sie schaden sich damit aber selbst, verlieren Akzeptanz und katapultieren sich ins Aus. Die will dann keiner mehr“, so Dopfer. Die nächste Generation der Arbeitenden habe ein völlig anderes Verständnis in Bezug auf die Geschlechter. „Die Männer kommen hier in keine übergeordnete Rolle mehr, die Frauen in keine untergeordnete. Sobald diese neue Generation im Berufsleben dominiert, könnte es einen weiteren Schub der Gleichberechtigung geben.“

Wie geht es weiter?

Im Falle einer Belästigung im beruflichen Umfeld ist die Gleichbehandlungsanwaltschaft Anlaufstelle. „Betroffene wenden sich an uns, sie werden kostenlos und vertraulich beraten“, sagt Sandra Konstatzky, Juristin der Gleichbehandlungsanwaltschaft. In diesem Gespräch würden Details erfragt, um zu klären: Liegen genug Beweise vor? Steht es Aussage gegen Aussage? Auch die Glaubwürdigkeit wird hinterfragt. „Nach über 25 Jahren Beratungserfahrung erkennen wir strukturelle Muster, wie Vermeidungsstrategien von Frauen, wenn sie bereits über einen längeren Zeitraum sexuell belästigt wurden“, so Konstatzky. Dann werde geklärt, ob die Frau bereits den Arbeitgeber informiert hat und ob der Belästiger Bescheid weiß.

Konstatzky: „Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Dieser muss aktiv werden und Betroffene schützen.“ Den meisten Frauen gehe es nicht um Schadenersatz, sondern darum, die Belästigung zu stoppen. Der Arbeitgeber müsse das gewährleisten. Er könne den Mann abmahnen, versetzen oder im äußerste Fall sogar entlassen. Denn „es geht bei Belästigungen um einen Machtübergriff, der auch eine Entlassung rechtfertigen kann.“ Das Arbeitsgericht klärt dann, ob diese zu Recht erfolgt sei.

Doch wie soll die Zusammenarbeit von Männern und Frauen vor diesem Hintergrund funktionieren? „Wenn Unternehmen Vorfälle ernst nehmen und diese nicht als Kavaliersdelikte sehen, dann verbessert sich auch die Unternehmenskultur“, glaubt Konstatzky. #metoo zeige auf, dass es für Unternehmen unausweichlich ist, sich diesem Problem zu stellen. Weil es dafür keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr gibt und um gut ausgebildete Frauen nicht zu verlieren.

Wer hat die Macht?

War vor der #metoo-Dabatte der Mann der Starke, wird aus der Debatte die Frau als Mächtigere hervorgehen, ist Machtanalytikerin Christine Bauer-Jelinek überzeugt. Aber: „Das Machtgefälle wird dadurch nicht etwa ausgeglichen. Es wird ganz umgedreht.“ Frauen könnten durch die allgemeine Aufmerksamkeit, die das Thema zurzeit erfährt, darin bestärkt werden, nun ihrerseits Macht zu missbrauchen. „Die Frau kann sich beschweren und selbst, wenn nach zwei Jahren Prozess herauskommt, dass hier keine Belästigung stattgefunden hat: Der Ruf und wahrscheinlich auch die Karriere des Mannes sind ruiniert. Die Beschwerdeführerinnen haben zurzeit ein Totschlaginstrument in der Hand. Da muss sicher die Rechtslage überprüft werden.“ Die Expertin mahnt: „Sonst haben wir bald amerikanische Verhältnisse, wo ein Mann eine Frau alleine nicht mehr im Auto zu einem Termin mitnimmt, weil er sich vor Anschuldigungen schützen will.“

Dass die Frau an Macht gewinnt, habe klarerweise auch positive Seiten: Bei schlechtem Benehmen und geringfügigeren Belästigungen von Kollegen oder Vorgesetzten werde sie nun eher selbst in der Lage sein, eine Interaktion und deutliche Signale zu setzen.

Was die Debatte ebenfalls verändert, ist laut Bauer-Jelinek: „Im Job wird in Zukunft sehr viel Spontaneität verloren gehen – für beide Seiten. Witze zu machen diente immer schon der Entspannung und Frauen haben hier auch gerne mitgeblödelt und ihrerseits durchaus anzügliche Bemerkungen gemacht. Das wird jetzt wohl problematischer werden. Wenn wir uns alle überdurchschnittlich kontrollieren, misstrauen und anzeigen, wird das wohl nicht zu einem besseren Klima im Berufsleben beitragen.“

Das kennt doch jede Frau

Seit Oktober gibt es #metoo. Das Thema läuft mit voller Wucht auf allen Kanälen. Weltweit, von Hollywood bis Wien, berichten Frauen von den (sexuellen) Entgleisungen der Männer. Wobei man differenzieren muss. Es gibt die Tatbestände nach dem Strafgesetzbuch: §218 sexuelle Belästigung, §201 Vergewaltigung, §202 geschlechtlichen Nötigung. Körperliche Übergriffe, die eine Anzeige, ein Gerichtsverfahren, und eine Strafe zur Folge haben müssen.

Und es gibt die anderen Fälle, die jede Frau kennt. Blöde Sprüche, blöde Witze, blöde, herablassende Aussagen. Manchmal ganz lustig, aber oft eben nicht. Sie sind Teil der unangenehmen Männergesellschaft und man lernt als Frau, damit umzugehen. Das Reaktions-Repertoir reicht von Überhören über Entgegnen bis Weglächeln. Manchmal dreht man sich besser um und geht. Einigen Frauen fällt das leichter, einigen schwerer. An manchen Tagen ist man schlagfertiger als an anderen. Oft sind solche Sprüche egal, manchmal tun sie weh.

Daraus leitet man als Frau einiges ab. Man spürt und weiß: manche Männer machen ihr Spiel. Sie sind ein eingeschworener Zirkel, wie man ihn aus der Frauenecke so nicht kennt. Oft bekommt man das Gefühl, man wird in den Kreis, wo die Entscheidungen getroffen werden, nicht vorgelassen. Also sucht man als Frau einen eigenen Weg. Kämpft um Sichtbarkeit und Anerkennung. Leistet. Will allein durch die gute Arbeit gesehen werden – und wird trotzdem oft auf das Äußere reduziert.
Letztlich scheitern viele Frauen am Machtgefüge in der Gesellschaft. Die Wirtschaft, die hohen Posten, die Politik und die vielen Entscheidungen in allen Bereichen – alles mehrheitlich in Männerhand. Da ist man als Frau fast immer Zweite.

#metoo: Was sich hier gerade entlädt, hat einen tiefen, gesellschaftlichen Hintergrund. Es zeigt, wie die Gesellschaft gestrickt ist und wer Macht über wen ausübt. Und wenn #metoo einen Effekt hat, dann hoffentlich den: Dass die Protagonisten ihre Rolle überdenken und ihr eigenes Tun reflektieren. Und dem weiblichen Gegenüber ein adäquates Maß an Wertschätzung und Respekt entgegenbringen.

-Sandra Baierl, sandra.baierl@kurier.at