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Wirtschaft Karriere
11/30/2019

Warum wir wieder mehr reden müssen

Wir tippen, schreiben und chatten. Wie eMail und Chats die Kommunikation verändern und wann reden besser ist.

von Ornella Wächter

Manchmal braucht es die Übertreibung, um das Gemeinte besonders deutlich hervorzuheben. Die Karikatur der Maslow’schen Bedürfnishierarchie, die seit ein paar Jahren im Netz kursiert, macht das. Die pyramidenförmige Darstellung, ein Klassiker der Psychologie, zeigt, wie Internet und Handyaufladen zu unseren tiefsten Grundbedürfnissen geworden sind.

Erst dann folgen physiologische, wie Hunger und Durst – einst bildeten diese Dinge die erste Stufe. Dass ein Mensch heute im Alltag eher auf Nahrung als auf Smartphones verzichten kann, das konnte Abraham Maslow in den 1940-ern nicht ahnen. Es steckt ein Körnchen Wahrheit in der Karikatur. Sie zeigt, wie abhängig Menschen von Smartphones geworden sind.

Smartphones als Universalwerkzeug

Kommunikationsexperten wie Peter Vorderer von der Universität Mannheim sprechen gar von einem Universalwerkzeug. „Sie wurden zu einer wichtigen, fast notwendigen Voraussetzung, um kommunizieren zu können – privat wie beruflich“, so Vorderer, der in seiner Forschung Psychologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften verbindet.

Was feststeht, ist: Digitale bzw. Online-Kommunikation durchzieht unseren gesamten Alltag, unser gesamtes Berufsleben. Und weil Textnachrichten den großen Vorteil haben, schnell verfasst und abgeschickt zu werden, wird heute viel getippt, gechattet und gepostet. Auf Smartphones, Laptops, Computer oder Tablets. Über Facebook, Whatsapp, Telegram und neuerdings zunehmend über Signal.

Josef Pichlmayer, Chef der IT-Sicherheitsfirma Ikarus erklärt:

Signal ist die bisher einzige Messaging App, die eine tatsächliche Ende-zu-Ende Verschlüsselung anbieten und daher während der Übertragung nicht abgegriffen werden kann. Die Nachrichten laufen nicht über einen Server, sondern gehen tatsächlich nur  vom Sender zum Empfänger und können nur von ihnen entschlüsselt werden. Sehr sicher!

Auch Telegram bietet die Möglichkeit zur echten Ende-zu-Ende Verschlüsselung. Dafür muss man aber einen Geheimen Chat öffnen. Anderenfalls laufen die Unterhaltungen über  den Server der Betreiber und könnten dort mitgelesen werden.  Es gibt  aber zusätzlich die Möglichkeit, Chatverläufe nach einer Stunde komplett löschen zu lassen. Eher sicher!

Whatsapp gilt schon als etwas weniger sicher, denn Daten laufen trotz angeblicher Ende-zu-Ende-Verschlüsselung über den Betreiber-Server und sind theoretisch reproduzierbar. Außerdem  gehört Whatsapp zu Facebook. „Es ist zwar spekulativ aber es könnte zwischen Whatsapp und Facebook zum Datenaustausch kommen“, sagt  Experte, Josef Pichlmayer. Grundsätzlich ist es aber ohne  SIM-Karten-Duplikat oder Zugriff auf das Endgerät für Übeltäter und Strafvollzug schwer zu knacken – Whatsapp hält die Daten unter Verschluss.

Slack ist die App für  den Arbeitsalltag, weil man besser als mit vielen anderen  Anbietern Dateien teilen und  senden kann. Diese laufen allerdings immer über den Betreiber-Server und werden nicht verschlüsselt. Weniger sicher.

eMails sind im Vergleich zu anderen Kommunikationsdiensten meistens  weniger  sicher: Ohne  Verschlüsselung ist man ungeschützt. Denn auch wenn man selbst für Schutz sorgt,  liegen die Mails immer auch beim Empfänger – und dessen Anbieter- und oder Betreiberserver.

Wenn man nicht sicher stellen kann, dass die Infrastruktur sicher ist, hilft die sicherste App nichts. „Also bitte nichts Illegales schriftlich besprechen. Nur persönliche Gespräche sind sicher “, empfiehlt Pichlmayer

eMail-Kommunikation: essenziell im Job

In der Geschäftswelt sind es nach wie vor eMails, die sich hartnäckig an der Spitze im Ranking berufsbezogener Kommunikationstools halten, zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens HMP und der IMC Fachhochschule Krems. Seit den 1980-er Jahren sind sie essenzieller Bestandteil beruflicher Kommunikation.

Einer Umfrage des deutschen Digitalverbands Bitkom zufolge gehen im Schnitt 21 Mails pro Tag im beruflichen Postfach ein – drei Mal mehr als noch vor vier Jahren. Aber auch Chats werden im Arbeitskontext immer beliebter, berichtet Studienleiter Michael Bartz.

Viele würden Chats als angenehmeres „Anklopfen“ empfinden und weniger invasiv als Telefon-Anrufe oder eMails, so der Leiter des New World of Work Forschungszentrums an der IMC Fachhochschule Krems. „Wird ein unternehmensinterner Chat eingeführt, verlagert sich 15 Prozent der eMail-Kommunikation quasi über Nacht auf dieses Tool.“

Die Vorteile von schriftlicher Kommunikation liegen auf der Hand: Sie belegt und protokolliert Besprochenes, hält schwarz auf weiß Vereinbarungen fest und sie ermöglicht, Informationen an mehrere Menschen gleichzeitig zu versenden. Was die Sicherheit der Kommunikationstools angeht – hier gibt es große Mankos.

Denn: Es wird nämlich nicht nur auf firmeninternen Kanälen kommuniziert. Häufig bilden sich auch externe Whatsapp-Gruppen, in denen Berufliches besprochen wird. „Das geht an der offiziellen Firmen-IT vorbei und ist hochgradig gefährlich“, so Bartz. Dass großteils digital kommuniziert und dabei über heikle Themen bedenkenlos gechattet wird, ist „gesamtgesellschaftlich erlernt“, so der Experte. „Digitale Kommunikation ist über alle Altersgruppen und Milieus hinweg voll akzeptiert.“

Heißt das: Reden war gestern, heute wird getippt?

Nicht ganz. Obwohl Textnachrichten in der Kommunikation derart dominant sind, sind persönliche Gespräche für die meisten Arbeitnehmer nach wie vor der Grund, vom Büro aus zu arbeiten. Trotz aller Flexibilität, die durch Telearbeit und Homeoffice geboten wird.

Aus dem aktuellen Report der HMP und der IMC FH Krems ging hervor: Arbeitnehmer möchten nicht mehr als 1,2 Tage unterwegs arbeiten. „Der Flurfunk fehlt, die gelegentlichen Gespräche am Gang. Und die meisten wissen, Präsenz im Büro ist der Karriere zuträglicher“, so Studienleiter Bartz. Ein weiterer Grund sei auch, dass Zusammenarbeit über persönliche Absprache besser funktioniere. Ein gutes Brainstorming im Team kann auch vom besten Organisationstool nicht ersetzt werden.

Kommunikationspsychologe Josef Sawetz erklärt:

Für den Erfolg einer Kommunikation und der  Beziehung zum Kommunikationspartner ist die Wahl des richtigen Kanals aber elementar.

Persönlich aber zeitintensiv: In einer heiklen Situation, etwa wenn es ein komplexes, sachliches Problem gibt und man Missverständnisse dringend vermeiden muss oder wenn es um ein Problem mit einer Person geht, zu der man eine langfristige gute Beziehung pflegen möchte: In diesen Fällen greift man besser auf das zeitintensive persönliche Gespräch zurück. Weil Zeit teuer ist, zeigt man dem Gegenüber dadurch, dass die Situation und der Gesprächspartner einem selbst wichtig sind. Das trifft auf jegliche Kommunikation im Job zu: zwischen Kollegen, zum Kunden und zu Angestellten. Kanäle: Treffen, Videotelefonie und Telefonat.

Kurz und schriftlich: Bei der Kommunikation mit Menschen, die einem wichtig sind, für die das kommunizierte Thema aber nicht sehr relevant ist, zeigt man Respekt, indem man das zeitschonendste Medium für die Kommunikation nutzt: eine Textnachricht. Auch bei nicht drängenden Angelegenheiten mit Kommunikationspartnern, zu denen man keinen engen Kontakt pflegt, greift man deswegen zur Instant Message oder eMail – es schont und respektiert die Zeit des Gegenübers.

Wer nicht sofort antwortet, ist erklärungsbedürftig

„Trotzdem“, betont der Mediensoziologe Peter Vorderer, „die allgegenwärtige Möglichkeit zu kommunizieren, hat unser Verhalten und unsere Erwartungen in der Arbeit und im Alltag stark beeinflusst.“ Ein Rückzug aus dem permanent verfügbaren Raum scheint für viele unmöglich.

„Wer heute über einen bestimmten Zeitraum nicht erreichbar ist, nicht auf Nachrichten reagiert, ist sofort erklärungsbedürftig und muss begründen, warum.“ In der Forschung wird dieses Phänomen kryptisch „POPC“ genannt.

„Der Mensch“, erklärt Vorderer, „denkt, fühlt, erlebt und handelt in der Erwartung, ‘permanently online, permanently connected’ zu sein. Jedes Kommunikationsloch muss gefüllt, auf jede Nachricht reagiert werden. „Wir reagieren aus der Situation heraus, reflektieren viel weniger, da der Moment des Innehaltens fehlt“, so Vorderer.

Reden ohne Ablenkung wird schwieriger

Übertragen auf unseren Arbeitsalltag bedeutet das vor allem Druck. Selbst, wenn zwei Menschen ein wichtiges Gespräch unter vier Augen führen möchten, passiert das kaum mehr in Abwesenheit eines Smartphones. Meist liegt es gleich mit auf dem Tisch und das Gespräch wird sofort unterbrochen, wenn eine neue Nachricht aufscheint.

„Ich glaube, den meisten ist nicht klar, wie sehr das in unsere persönlichen Beziehungen hineinspielt.“ Direkte, persönliche und vor allem ungestörte Gespräche sind nach Fazit vieler Experten im Alltags-, Arbeits- und Studienkontexten eine Situation, auf die sich nur mehr wenig Menschen völlig einlassen können.

Ungestörte, persönliche Gespräche gewinnen damit einen unglaublichen Wert. Denn Zeit ist ein Gut, das rar geworden ist. Und die Zeitfenster, die in der Omnipräsenz des Smartphones noch offen sind, werden mit jedem neuen Kommunikationskanal kleiner.