In zwei Fertigungsstraßen und mit Hilfe von zwei vollautomatischen Einspeichmaschinen sollen bis Ende 2021 bereits 115.000 Wooom-Fahrräder endgefertigt werden

© Woom Bikes

Interview
04/17/2021

Zurück nach Europa: Warum Woom künftig Fahrräder in Polen produziert

Woom lässt seit Kurzem seine Kinder-Fahrräder in Polen produzieren – künftig sollen Roboter mitarbeiten. Geschäftsführer Guido Dohm über "verrückte" Pläne.

von Ornella Wächter

KURIER: Das gute Radfahr-Wetter lässt zwar auf sich warten, die Nachfrage nach Rädern bleibt hoch. Wie lang muss ich warten, wenn ich heute ein Kinderfahrrad bei Woom bestelle?

Guido Dohm: Es können mehrere Wochen sein, je nach Modell und Farbe. Ich bin fast dankbar für das schlechte Wetter. Aufgrund der enormen Lieferverzögerungen, mit denen die ganze Branche zu kämpfen hat, würden unsere Telefondrähte ansonsten glühen. Bei drei Grad will keiner mit den Kindern biken gehen. Wir hatten in der Spitzenzeit über 70.000 Kundenanfragen.

Im Vorjahr wurden sie von der Nachfrage überrascht – konnten Sie 2021 besser reagieren?

Nur bedingt. Früher gab ein Händler seine Bestellungen im Juni ab, im Dezember wurden sie ausgeliefert. Wenn wir das heute so machen würden, könnten wir sie erst 2023 ausführen. Das Geschäftsmodell hat sich komplett verändert, Lieferzeiten der Zulieferer haben sich extrem verlängert – für Schaltwerke von 90 auf 600 Tage. Aber: Planungsmäßig ist das Jahr 2022 für uns schon Geschichte, genau wie die erste Hälfte von 2023. Denn all das, was wir nicht schon längst beauftragt hätten, könnte bis 30.6.2023 auch nicht mehr produziert werden.

Sie wissen jetzt schon, was Sie 2022 verkaufen werden?

Ich könnte Ihnen den prognostizierten Jahresumsatz auf den Euro genau sagen. Das möchte ich nicht unbedingt tun. Die Nachfrage ist höher als unsere Kapazität. Also gehen wir davon aus, dass das Lager leer sein wird, wenn wir aus dem Weihnachtsgeschäft rausgehen. Zum Jahreswechsel wird kaum mehr ein Rad im Lager sein. Jedes einzelne Rad, das für diesen Zeitraum produziert wird, ist bereits fix verplant.

Es werden also mehr als die 230.000 Räder sein, die 2020 verkauft wurden?

Signifikant mehr. Wir gehen davon aus, dass wir eine Wachstumsrate von mehr als 50 Prozent pro Jahr in den nächsten vier Jahren darstellen können.

Woom hat seit Jänner 2021 ein neues Werk in Polen, wo für den europäischen Markt die Endmontage stattfindet. Das heißt, noch werden die Komponenten aus Asien nach Europa verschifft?

Ein Teil kommt noch aus Asien, zum Beispiel die Schaltwerke von Shimano, auch die Rahmen kommen aus Asien. Die Felgen produzieren wir vor Ort, hier wurde in Automatisierung investiert.

Warum ein Standort in Polen?

Unter anderem Zeitersparnis und Umweltschutz: Statt die Komponenten 30 Tage auf See von Asien nach Europa zu verschiffen, können sie innerhalb der EU per Lkw transportiert werden.

Woom hat früher in Tschechien produziert. Warum gab man den Standort auf?

Unser Partner war nicht mehr in der Lage, genügend Stückzahlen zu fertigen. Wir haben klein angefangen, aber irgendwann konnte unser Assemblierer nicht mehr mit uns mitwachsen.

Sie planen, mit Zulieferern in Europa zu entwickeln und zu produzieren. Viele Hersteller sagen, in Europa fehlt dafür das Know-how.

Wir wollen unsere Rahmen für europäische Absatzmärkte gern in Europa schweißen und lackieren lassen. Das würden wir aber nicht so darstellen können wie in Asien. Dort werden acht Monate in die Ausbildung von Schweißern investiert, damit Aluminium-Rahmen fehlerfrei geschweißt werden können. In Europa finden Sie nicht genügend Fachkräfte dafür. Mein Ansatz ist: Wenn man in Europa eine Rohkarrosse für Autos von Robotern vollautomatisiert zusammenschweißen lassen kann, müsste das auch für Kinderfahrräder realisierbar sein.

Sie wollen mit der Automobilindustrie zusammenarbeiten?

Ja und mit der Luftfahrt. Wenn diese Zulieferer Bauteile für Boeing oder Airbus liefern, die so groß sind wie meine Handfläche, können sie auch Kurbeln oder Vorbauten für uns herstellen. Darüber hat man nur bislang nicht gesprochen.

Mit wem gibt es Gespräche?

Mit dem Who-is-Who der Zulieferer von beispielsweise Audi, Porsche und BMW.

Rechnet sich das betriebswirtschaftlich?

Kinderfahrräder komplett zu polnischen Lohnkosten montieren zu lassen, ist drei bis vier Mal teurer als in Asien. Wenn wir aber die menschlichen Talente mit den Möglichkeiten der Automatisierung kombinieren, können wir uns auch einen europäischen Produktionsstandort leisten.

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