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Wirtschaft Karriere
08/22/2020

Warum Corona die Digitalisierung der Arbeitswelt beschleunigt

Autor Michael Opoczynski über die Zukunft der Jungen, die Angst vor der Digitalisierung und die Frage, ob sie Fluch oder Segen ist.

von Ornella Wächter

KURIER: Ihr Buch trägt den Titel „Restposten. Sind unsere Jobs noch zu retten?“. Welche Antworten haben Sie in Ihrer Recherche gefunden?

Michael Opoczynski: Ich glaube, dass die Mehrzahl nicht zu retten ist. Alle Berufe, die auf Routine-Tätigkeiten beruhen, sind ersetzbar durch billigere, roboterisierte Lösungen. Aber es betrifft nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern auch solche, die Hochschul-Abschlüsse erfordern. Wer heute jung ist, kann nicht mehr denken, ich habe einen Abschluss, das reicht, ich behalte meinen Job. Hinter ihm drängt der Roboter, man muss schneller sein, besser sein. Routinearbeit hat keine Zukunft, nur das maßgeschneiderte Angebot.

Sie schreiben von einer neuen Zeitrechnung, die nach Corona kommt. Was meinen Sie damit?

Das sage ich mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Die Menschen werden in Zukunft anders arbeiten, man wird nicht mehr ein Leben lang in derselben Firma sein. Ich glaube, die Zeit der Großbetriebe mit den 20.000, 50.000 Mitarbeitern läuft ab. Kleinere Betriebe mit weniger Mitarbeitern werden mehr Chancen haben.

Michael Opoczynski war mehr als zwanzig Jahre lang Leiter und Moderator der ZDF-Sendung WISO und ist Autor zahlreicher Sachbücher und Ratgeber. In seinem neuen Buch „Restposten“ schildert er die Folgen der Digitalisierung in der Arbeitswelt. 

„Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Arbeitsmarkt, ich habe in meinen Sendungen nicht nur Arbeitslosenzahlen kommentiert, sondern auch die Entwicklung der Arbeit – das Thema hat mich  nie losgelassen“, erzählt der Autor im KURIER-Gespräch.

Die Corona sei für ihn  ein Wendepunkt in der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. „Sie ist ein Brandbeschleuniger – aber auch eine Chance.“

Die Wirtschaftslage ist angespannt, Betriebe investieren wenig bis gar nicht – wird das den radikalen Wandel nicht eher bremsen?

Es kann sein, dass er verlangsamt wird, aufgehalten wird er aber nicht. Ein amerikanischer Wissenschaftler hat vor Corona geschrieben, das Installieren von autonomen Fahrsystemen in LKW kostet 40.000 Dollar, der LKW-Fahrer verdient derzeit 30.000 im Jahr. Sobald der Roboter billiger ist als der Mensch, ist er da. Das wird auch in Zeiten, in denen die Wirtschaft durchhängt, passieren. Man würde sogar sparen. Das ist bei Unternehmen immer ein wichtiges Motiv.

Es gibt Studien, die warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und andere Studien, die von Millionen neuen Jobs sprechen. Es wirkt, als wüsste eigentlich niemand, was passiert. Ist das Thema deshalb so mit Angst besetzt?

Ich habe viel recherchiert, mit vielen Wissenschaftlern gesprochen und ja, mir ist immer diese Angst begegnet. Und immer hieß es, ja, es werden Arbeitsplätze wegfallen, aber auch neue hinzukommen. Aber wenn man wissen will, was für Jobs da kommen, wird geschwiegen. Ich glaube, ich bin da auf etwas gestoßen. Denn darauf gibt es noch keine Antworten.

Sie haben ein paar der neuen Arbeitsformen aufgezählt: Jobplattformen, die Einzelaufträge vermitteln und eine wachsende Zahl von Freelancern, die diese abarbeiten gegen prekäre Bezahlung. Ist das ein Teil der Zukunft?

Die unterste Kategorie sind die sogenannten Clickworker. Die sitzen vor dem PC und erledigen die einfachsten Arbeiten per Mausklick – und sind damit sogar einem Roboter untergeordnet. Amazon Turk beispielsweise bietet solche Jobs an. Für Arbeitnehmer in Europa ist das keine Beschäftigung von der man leben kann. Es sind auch nicht mehr nur Grafiker oder Programmierer von der wachsenden Solo-Selbstständigkeit betroffen. Auch Ingenieure oder Architekten erhalten mittlerweile über Online-Plattformen Aufträge. Die zunehmende Selbstständigkeit ist im Kommen – das Problem ist nur, dass sie oft keine Rücklagen für schwere Zeiten haben. Viele denken nicht an morgen, das ist ein kritischer Punkt.

Gewisse Tätigkeiten aber werden nie aussterben. Ein Programm wird niemals ein Essay schreiben können, ein selbstfahrendes Taxi kann den Menschen nicht beim Einsteigen helfen.

Ja, aber die selbstfahrenden Taxis sieht man schon heute auf den Straßen in Arizona. Da lässt Uber bereits Probefahrten machen, ohne Fahrer. Und wenn jemand Hilfe braucht, wird ein spezielles Fahrzeug geschickt. Auch Schreibprogramme werden von Medienunternehmen bereits verwendet. Das zeigte sich, als während Corona in zwei deutschen Medien Vorberichte zur Fußballbundesliga veröffentlichten, die zu dem Zeitpunkt bereits abgesagt wurden. Ich habe mit vielen, emotionslosen Experten gesprochen, die sagen: das ist die Zukunft. Mir macht so eine Perspektive Angst.

Sie sagen es selbst: Programme sind fehleranfällig. Befördern sich nicht auch viele als smart gelobte Dinge wie Sprachassistenten, Kunden-Roboter an Bahnhöfen selbst ins Abseits?

In der Tat. Wir alle haben Erfahrung mit Programmen, die nichts taugen oder sogar Schlimmes anrichten. Aber es gibt auch viele Fälle, wo künstliche Intelligenz gut funktioniert. Etwa im medizinischen Bereich. Der medizinische Roboter lernt laufend über Krankheitsbilder dazu, dazu hätte der Mensch gar nicht die Zeit.

Ihr Buch richtet sich auch an junge Berufseinsteiger – welches Bild werden sie von der Zukunft haben, wenn sie Ihr Buch gelesen haben?

Ich hoffe, dass sie sagen, das Buch hat mir die Augen geöffnet. Ich muss fit sein, ich muss lernen, ich muss besser sein, als die Maschinen die gelernt haben, zu denken. Wenn jemand gelernt hat, zu lernen, wird er es immer weiter tun. Wenn das übrig bleibt, brauchen Junge keine Angst haben.

Nachdem Sie sich nun lange und intensiv mit der Digitalisierung der Arbeitswelt beschäftigt haben – ist sie Bedrohung oder Segen?

Früher war das Waschen von Wäsche eine mühsame Arbeit. Die Einführung der Waschmaschine war ein Segen und kein Fluch. Ich glaube, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt genauso zum Segen werden kann, wenn sie Arbeitnehmern nützt und nicht nur dem Konzern. Wir sollten sie nicht hinnehmen wie einen Fluch. Wir müssen sie gestalten.

Buchtipp

Restposten: Sind unsere Jobs noch zu retten?

Von der Digitalisierung bis zur Corona-Krise: Michael Opoczynski schildert, wie radikal unsere Berufe  in den nächsten Jahren wegbrechen werden und wie radikal sich unsere Arbeitswelt in den nächsten Jahren verändern wird. Mit seinem neuen Buch  rüttelt er wach, zeigt aber auch auf, wie es anders geht. Restposten erschien am 20. August im Benevento Verlag. 

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