Wirtschaft | Karriere
03.08.2015

Wann es für Mitarbeiter Zeit ist, zu gehen

Sie sind unzufrieden im Job, trauen sich aber nicht, etwas zu verändern? Mit dieser Entscheidunghilfe wissen Sie, was zu tun ist.

Das Phänomen könnte man mit dem Begriff " Mikadoeffekt" betiteln: Mitarbeiter glauben, wenn sie sich bewegen, haben sie verloren.

So beschreiben Personalberater die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt: Unzufriedene Mitarbeiter verharren lieber in ihrer Position, anstatt sich zu verändern. Auch wenn es für sie dort längst nicht mehr passt. "Es gibt eine hohe Anzahl innerer Kündigungen", beobachtet Manager-Coach Johannes Thun-Hohenstein. Das sei auf allen Ebenen zu beobachten. Auch Karrierecoach Elfriede Gerdenits bestätigt: "Viele spielen mit dem Gedanken, zu wechseln, die Angst davor ist aufgrund der schlechten Wirtschaftsnachrichten aber so groß, dass sich das nur wenige trauen." Das Verbleiben in einem Job, der nicht mehr glücklich macht, ist vor allem auf die hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen (siehe Grafik unten). Die Abstiegs- und Existenzangst ist groß. Zu riskant scheint es, just jetzt den Schritt nach außen zu wagen.

Aber Personalisten und Karriere-Coaches relativieren: Stimmt schon, das Klima auf dem Arbeitsmarkt sei rau – aber das war es immer. Bei den Jungen schätzt Gerdenits das Wechselrisiko als nicht besonders hoch ein und auch das Mittelfeld, die 30- bis 40-Jährigen, hätten eine gute Ausgangssituation beim Jobwechsel. Die Frage sei viel mehr: Wie empfindet man selbst diesen Wind, der ja auch viel Neues, Anderes, Besseres bringen kann? Sieht man ihn als Herausforderung und hat eine spielerische Leichtigkeit, damit umzugehen? Oder empfindet man ihn als Bedrohung, als unangenehmen Faktor, der die Komfortzone stört?

Die Einschätzung des Arbeitsmarktes sei also immer auch eine Frage der eigenen Bewertung und wie das zu einem selbst gerade passt. Gleichzeitig – und auch das räumen Karriereexperten ein – ist die Brutalität des Marktes in manchen Branchen ungleich stärker geworden. Vor allem für Ältere ist der Jobwechsel nicht einfach.

Wie entscheiden?

Was also tun, wenn die Unzufriedenheit über die aktuelle Jobsituation immer größer wird, der Mut und die innere Bereitschaft für eine Veränderung aber fehlen?

"Die Indizien für Bleiben oder Gehen liegen in der Person", sagt Johannes Thun-Hohenstein. Letztlich komme niemand daran vorbei, bei sich selbst anzusetzen. Gerdenits: "Es gibt die, die immer neugierig sind, die ihre Zukunft gelassen und optimistisch betrachten. Und die anderen, die nur Probleme sehen. Wenn die Unzufriedenheit mit der Persönlichkeitsstruktur zu tun hat, ist ein Wechsel auch keine Hilfe. Dann nimmt man diese Unzufriedenheit garantiert in den nächsten Job mit."

Als Mitarbeiter mit Wechselgedanken sollte man sich die essenziellen Fragen stellen (siehe Grafik oben) und ehrliche Antworten zulassen: Was ist mein Ziel? Was ist der Sinn meines Tuns? Wozu mache ich das? Was hindert mich, mich zu verändern und was erwarte ich von einer Veränderung?

Die Sinnfrage ist dabei entscheidend: Burn-out komme laut Coach Thun-Hohenstein vielfach nicht von zu viel Arbeit, sondern davon, dass Betroffene in ihrem Tun keinen Sinn mehr sehen. "Denn wer nicht weiß, wofür er gebraucht wird, dem fehlt jeglicher Ansporn, für den wird die Arbeit sinnlos." Ein Umstand, den etwa staatliche Betriebe in der Vergangenheit bewusst herbeigeführt hätten, indem sie Mitarbeiter in sogenannte Jobcenter abschoben. Ohne Aufgabe und ohne Sinn – mit dem Ziel, sie loszuwerden.

Das Risiko eines Wechsels hänge letztlich immer vom Leidensdruck ab, so Gerdenits. "Wenn es mir wirklich schlecht geht, dann kann es mit einem Wechsel ja nur besser werden. Ist man aber nur wegen einiger Teilaspekte unglücklich, sollte man sich die Frage stellen, ob und wie man diese verändern könnte."

Bleiben ...

Durchaus der größere Fehler kann das Bleiben sein – dann, wenn sich die Sinnfrage nicht mehr beantworten lässt, wenn die Umstände zu verkorkst und unveränderbar sind.

Bleiben ist nur dann richtig, wenn die Frage nach dem Sinn der Arbeit positiv beantwortet werden kann. "Dafür muss das Wertebild des Einzelnen mit dem des Unternehmens in großen Teilen zusammenpassen", sagt Thun-Hohenstein. Dazu gehören der Umgang mit den Menschen, mit dem Budget, mit der Wahrheit. Ausharren und Ruhigbleiben ist dann eine gute Strategie, wenn man imstande ist, im Beharrungsbedürfnis eine Chance zu sehen. Das muss aber auch heißen, dass man nicht stehen bleibt, sondern etwas aus dem Bestehenden macht; nicht aufgibt, sondern umgestaltet. Elfriede Gerdenits: "Ausharren kann etwas Positives sein, wenn es ein bewusster Entschluss ist. Nicht gut ist es, wenn das Ausharren aus Resignation geschieht, es im Job keinen Antrieb mehr gibt. Diesen Personen wird das Gehen dann oft vom Arbeitgeber abgenommen – mit einer Kündigung."

... oder gehen

"Wer im Job zufrieden ist, liest keine Stellenanzeigen. Das ist wie in privaten Beziehungen: wer glücklich ist, schaut sich nicht woanders um", sagt Johannes Thun-Hohenstein. Beginnt man aber, sich woanders umzusehen, muss man hinterfragen, warum und was dahintersteckt. Hier ist umfassende Selbstreflexion gefragt. Wie geht es mir in meinem Job wirklich? Was missfällt? Das Gras wirkt woanders immer grüner – aber wie ist es tatsächlich? Und gibt es Stellschrauben, an denen man drehen kann, damit es besser wird?

Es liegt in der Selbstverantwortung des Einzelnen, zu überlegen, warum man einen Job macht und ob man ihn (noch) gut macht. Nur, wenn man reflektiert, sich einen Sachverhalt von allen Seiten mit allen Vor- und Nachteilen ansieht, kann man zu einer guten Entscheidung kommen. Es zählen die Hard Facts – Position, Gestaltungsspielraum, Arbeitsklima, Verantwortung, Kollegen, Vorgesetzter, Sinn – "je mehr Fakten zu einem Job analysiert werden, desto besser weiß die goldene Magengrube, wohin man gehört und wohin man möchte. Dafür muss man sich aber selbst spüren, muss sich selbst kennen", erklärt Johannes Thun-Hohenstein.

Abschließend noch ein entscheidender Punkt: Wir suchen im Job, so wie in allen Lebensbereichen, nach Zufriedenheit. Allerdings: "Es gibt Menschen, die mit fantastischen Bedingungen nicht umgehen können, weil sie mit sich selbst nicht zufrieden sind", sagt Elfriede Gerdenits. Bevor man also über Gehen oder Bleiben entscheidet, sollte man sich überlegen, wo die Unzufriedenheit genau liegt. Die Antwort findet sich nicht immer zwangsläufig im Job.

Jobwechsel: So organisieren Sie das

Eine genaue Empfehlung, nach wie vielen Jahren es in einem Unternehmen genug ist, gibt es nicht. Für Einsteiger ist es völlig in Ordnung, wenn sie anfangs alle zwei, drei Jahre den Job wechseln. "Dann, in den 30ern, sollte eine gewisse Stabilität einkehren, sollten die Dienstverhältnisse länger werden, weil alles andere als Sprunghaftigkeit ausgelegt wird", erklärt Elfriede Gerdenits. Drei bis vier Jahre sind dann das Minimum. Ein Problem sind extrem lange Dienstverhältnisse: "15, 20 Jahre bei einer Firma zu bleiben, ist nicht mehr zeitgemäß", weiß Gerdenits. Vor allem, wenn es in dieser Zeit keine nennenswerten Karriereentwicklungen gab, seien diese Kandidaten unvermittelbar.

Wer sich aus einem bestehenden Dienstverhältnis nach einem neuen Job umschaut sollte laut Personalberater Bernhard Otti:

-Die Bewerbungen über eine private eMail-Adresse laufen lassen und diskret und verschwiegen sein.

-Sich ein Netzwerk bei Personalberatern aufbauen, seine Unterlagen dort deponieren – mit dem Signal der Wechselbereitschaft.

-Für Bewerbungsgespräche immer Randtermine ausmachen: 8 Uhr morgens oder ab 17 Uhr abends.

-Erst kündigen, wenn der neue Vertrag fixiert und unterschrieben ist.

-Nur kündigen, wenn man ein besseres Angebot hat – also mehr Gehalt und mehr Wirkungsbereich. Denn jeder Firmenwechsel birgt ein Restrisiko.