Zukünftige Juristen, Journalisten, Techniker, Ärzte oder so ähnlich auf einem Festival in Deutschland.

© EPA/HENDRIK SCHMIDT

Verträumt
08/28/2013

„Als Jurist werd ich stinkreich“

Die Studienwahl wird von Irrtümern gelenkt. Die vier häufigsten Fehlannahmen

von Andrea Hlinka

Sie war 19 Jahre alt, hatte sich vor wenigen Tagen am Juridicum inskribiert und verkündete beim Festival auf der Toilette: „Ich werde Rechtsanwältin, und dann werde ich stinkreich“. Stimmt schon, Jus-Absolventen verhungern nicht. Aber nur Wenige machen die große Kohle.

Jus-Absolventen machen das große Geld Inzwischen ist Jus ein Massenstudium: Mit 4488 ordentlichen Erstsemestrigen war es im Wintersemester 2011/’12 das beliebteste Studium. Anwälte verdienen viel, heißt es. Und man hat zudem viele Möglichkeiten, kann beim Staat, in einer Kanzlei, in Unternehmen, in einer NGO unterkommen. Diese zwei Umstände locken ausgebrannte und orientierungslose Maturanten an wie ein Stand mit Gratisbier.

Stimmt schon, Jus-Absolventen verhungern nicht: Ein Konzipient in einer kleinen Kanzlei kann bis zu 30.400 Euro brutto pro Jahr verdienen, ein Anwalt mit fünf bis zehn Jahren Berufserfahrung 151.600 Euro. Am besten verdienen, einer Tabelle von Pedersen & Partners nach, Senior Partner in großen Anwaltskanzleien: 785.000 Euro pro Jahr.

Wer dort hin will, muss jedoch Bestnoten haben, BWL- und Fremdsprachen beherrschen. Und einige Jahre lang eine Rund-um-die-Uhr-Woche ertragen. Ein Grund, wieso Juristen und Naturwissenschaftler meist noch fünf Jahre nach Studienende kinderlos sind, wie eine Studie zeigt.

Publizistik-Studierende werden Journalisten In den ersten Vorlesungen stellen Publizistik-Professoren gerne die Frage: „Wer von Ihnen will Journalist werden?“ Meist hebt die Mehrheit überzeugt die Hand. Der Professor schüttelt den Kopf, sagt: „Da muss ich Sie leider enttäuschen. Für den Großteil wird das ein Traum bleiben.“ Autsch.

Tatsache ist: Die wenigsten Journalisten haben Publizistik studiert. Die wenigsten haben überhaupt studiert: Nur 34 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Tendenz aber steigend.

Auch die Unis kommunizieren deutlich, dass Publizistik und Kommunikationswissenschaft keine Berufsausbildung ist, sondern ein wissenschaftliches Studium. Eine Berufsausbildung für Journalismus bekommt man am ehesten an einer FH oder Medienakademie. Um als Journalist unterzukommen, ist eine Kombination aus Generalistentum und Spezialisierung perfekt: Etwa Journalismus an der FH studieren und an der Uni ein Studium, etwa Wirtschaft oder Jus, um sich zu spezialisieren.

Naturwissenschaften und Technik sind langweilig „Technik check ich nicht, ITler sind Nerds und Naturwissenschaften interessieren mich nicht“ – so die gängigsten Antworten von Maturanten auf die Frage, warum sie solch ein Studium ausschließen. Fünf Argumente zum Gegenbeweis: 1. ITler sind Rockstars. Mark Zuckerberg etwa hat Informatik studiert und ist der jüngste Milliardär aller Zeiten. 2. Wer will sein eigener Boss sein, in einem Facebook- oder Google-Office arbeiten, mit Gratis-Sushi, Drinks, Spielplätzen und Entspannungsräumen? Eben. 3. Ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium bringt am meisten Sicherheit: Sechs Monate nach Studienabschluss beträgt die Beschäftigungswahrscheinlichkeit der Absolventen der TU Wien 84 Prozent und jene der TU Graz und der Montanuni je 80 Prozent. Der Schnitt aller Unis liegt hingegen nur bei 71 Prozent. 4. Die Technik- und IT-Branche ist die lukrativste: 37.847 Euro pro Jahr verdient ein Master-Absolvent eines technischen Universitätsstudiums in seinem ersten Job. 5. Den Nobelpreis kann man nur in Chemie, Physik, Medizin, Literatur oder für Bemühungen um den Frieden bekommen.

Tierärzte spielen mit Tierbabys Niemand ist immun gegen kleine flauschige Pfötchen und Hundeblick. Wie dressiert seufzen und quieken Kinder und Erwachsene, wenn tollpatschige Tierbabys im Zoo oder auf der Straße herumtorkeln. Manche, vor allem Mädchen, entschließen sich in diesen entzückten Momenten: „Ich werde Tierärztin.“

Das Universitätsstudium Veterinärmedizin findet aber nicht im Streichelzoo statt. Man spritzt, schneidet auf, extrahiert, steht im Labor, lindert Schmerz oder tötet. Nach zwölf Semestern ist das Studium frühestens abgeschlossen. Dann kann man eine Praxis aufmachen, in Forschungseinrichtungen arbeiten oder sich im Tierschutz engagieren. Interessante Jobperspektiven, aber nur selten süß und flauschig. Zudem nicht gut bezahlt: Im ersten Berufshalbjahr beträgt das monatliche Bruttogehalt 1900 Euro.

Jobaussichten für Akademiker: Nach wie vor gut

Zwischen 2004 und 2010 hat die Zahl der Erwerbstätigen in Österreich um 9,4 Prozent zugenommen. Die Zahl der erwerbstätigen Hochschulabsolventen hat im gleichen Zeitraum um fast 27 Prozent zugenommen.

Insgesamt entstehen laut Prognose des Wirtschaftsforschungsinstitut zwischen 2010 und 2016 zusätzliche 170.000 Stellen (plus 5,3 Prozent) für unselbstständig Beschäftigte, für 52.100 Stellen werden Personen mit akademischer oder vergleichbarer Qualifizierung benötigt.

Absolventen geben sich heute jedoch nicht mit jedem Job zufrieden: Sie wollen Sinn und Spaß an der Arbeit. Laut einer Umfrage des trendence Instituts Anfang des Jahres unter 5800 österreichischen Technik- und Wirtschaftsstudierenden sind ihnen interessante Aufgaben am wichtigsten. An Stelle zwei folgt die persönliche Entwicklung, Anerkennung, nette Kollegen, Aufstiegsmöglichkeiten, Weiterbildung und Work-Life-Balance. Ein hohes Einstiegseinkommen, Status und Prestige sind für die Jungen – laut trendence – hingegen irrelevant

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