Macht der Vergleich unglücklich? Oder ist er Ansporn?

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Konkurrenzkampf
05/02/2016

Vergleich dich. Lieber nicht

Sich mit anderen zu vergleichen, frustriert, jedoch: Der Vergleich kann auch die Augen öffnen und motivieren. Wir haben Pro & Contra beleuchtet.

von Nicole Thurn, Magdalena Vachova

Pro Vergleich: Dadurch finden wir Orientierung und Stärke. Und den Mut, neue Schritte zu wagen.

Bei Fußballprofi Neymar ist es Lionel Messi. Er ist die Messlatte, auf die der junge Kicker auf seinem Weg nach oben immer hinauf blickte. In Beiträgen spricht er von seinem heutigen FC Barcelona-Kollegen als Vorbild. Ein Vorbild, in dessen Fußstapfen er kicken möchte. Facebook-Macher Mark Zuckerberg hat Microsoft-Gründer Bill Gates. Unter anderem ist Gates reichster Mann der Welt, engagiert sich für Umwelt und Gesellschaft. Zuckerberg bewunderte das in Interviews.

Man sieht es an diesen Beispielen – und horcht man gut in sich hinein, erkennt man es auch bei sich selbst: Der Vergleich ist an jemanden gebunden, den man bewundert, respektiert und – wenn auch vielleicht nur unbewusst – gut findet. "Man vergleicht sich mit Menschen mit gleichen Wertvorstellungen, ähnlichen Fähigkeiten und einem Handeln, mit dem wir uns identifizieren können", erklärt Wirtschafts- und Arbeitspsychologin Judith Lederer-Uher.

Der US-Sozialpsychologe Leon Festinger, Begründer der Theorie des sozialen Vergleichs, fand 1954 heraus: Menschen haben das grundlegende Bedürfnis nach einer stabilen und korrekten Wahrnehmung ihrer Person, sie suchen nach Informationen über die eigenen Fähigkeiten und Einstellungen. Und sie finden diese Informationen über sich selbst durch die Beobachtung der anderen. Beispiel: In der Schule gab es auf die Schularbeit einen Dreier. Die Enttäuschung war groß. Dann erfuhr man: Der Rest der Klasse bekam ein Genügend. Frust wich der Freude.

Der Vergleich mit anderen zeigt uns, wo wir stehen, und dient uns auch als psychologischer Reibebaum. Denn wir nutzen ihn, um unser Selbstwertgefühl zu steigern. Die Wissenschaft erklärt das so: Aus Vergleichen mit anderen Personen kann man Fehler von Gescheiterten vermeiden, ihre mutigen Schritte imitieren und einschätzen, ob man große Aufgaben meistern könnte. Das Messen mit anderen kann zum Motivator werden, zu besserer Leistung anspornen oder die Augen für neue Möglichkeiten öffnen.

„Lernen aus Erfolgen anderer Mitarbeiter ist sinnvoll, wenn ich mir meiner Fähigkeiten bewusst bin und durch den Vergleich erfahre, wo es noch Entwicklungsbedarf gibt.“
Judith Lederer-Uher, Arbeitspsychologin

Die Tools für den Vergleich verwendet jeder automatisch je nachdem, wie er sich gerade fühlt. "Beim abwärts gerichteten sozialen Vergleich messen wir uns mit Menschen, denen es schlechter geht als uns – dadurch wird unser Selbstwert aufgewertet. Beim aufwärts gerichteten orientieren wir uns an Menschen, die mehr erreicht haben", erklärt Lederer-Uher. Das kann bei gesundem Selbstwertgefühl beflügeln und gar zu Höchstleistungen antreiben. Sich an großen Aufgaben und an bereits Geleistetem zu orientieren, kann auch helfen, im Job weiterzukommen. "Lernen aus Erfolgen der anderen Mitarbeiter ist sinnvoll, wenn ich mir meiner Fähigkeiten bewusst bin und durch den Vergleich erfahre, wo es noch Entwicklungsbedarf gibt", erklärt Lederer-Uher. "Im besten Fall folgt eine Leistungsverbesserung und man kann über sich hinauswachsen. Wenn ich nicht weiß, wo ich stehe, kann ich auch nicht an mir arbeiten. Somit ist der Vergleich in allen Lebenslagen da", so die Expertin.

Diese Erkenntnis hat das Wiener Start-up Whatchado zur Geschäftsidee gemacht: Anhand eines Matching-Tests generiert das System eine Palette an schillernden Karrierewegen von Menschen, die gleich ticken, dieselben Eigenschaften haben wie man selbst. "Im Leben sollte man immer seinen eigenen Weg gehen", erklärt Gründer Ali Mahlodji. "Sich aber Gleichgesinnte zu suchen, mit denen man sich vergleichen kann, zeigt einem, ob man die richtigen Fortschritte macht." Das Messen mit anderen muss also nicht in Lethargie, Verzweiflung und Depression münden. Im Gegenteil. Neymar arbeitete sich an Messi hoch. Und Zuckerberg ist heute nur halb so alt wie Gates, ebenfalls Gründer eines Internet-Riesen und schon auf Platz sechs der reichsten Menschen der Welt. Und wer treibt Sie an?

- Magdalena Vachova

Man ist sich selbst der beste Maßstab

Wir leben in einer Optimierungsgesellschaft. Du solltest besser, erfolgreicher, der tollere Chef, die souveränere Bewerberin sein, flüstern Ratgeber, posaunt die Werbung. Solange man damit bei sich bleibt und nicht in die Erfolgssucht verfällt, ist das in Ordnung. Doch die Misere beginnt, wenn wir neidisch auf den Nachbarn, den Kollegen, den Konkurrenten schielen: Weil er (oder sie natürlich) noch viel besser, erfolgreicher und toller ist als wir. Mit diesem Seitenblick fällt auch das größte und polierteste Ego in sich zusammen wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht.

Zerstörerisch

Laut dem US-Anthropologen Christopher Boehm ist Neid unter bestimmten Affenarten bereits seit sieben Millionen Jahren verbreitet. Boehm sieht darin ein Werkzeug der Evolution. Eines, das viel zerstören kann. Neid vergiftet Beziehungen und verringert den Selbstwert. Neid benötigt eines, um gedeihen zu können: den Vergleich mit anderen. Das beginnt in der Kindheit, wenn andere fürs Bessersein belohnt werden. Und es endet online auf Facebook. Eine Studie der TU Darmstadt zeigt, dass die Plattform der Selbstdarstellung den Vergleich mit anderen fördert – was bei jedem dritten Befragten zu Neid und Unzufriedenheit führte. Um die eigenen Gefühle der Minderwertigkeit zu kompensieren, stellt man sich online besser da als man ist. Man gibt mit dem letzten Urlaub an, obwohl das Hotel schäbig, der Strand verdreckt und die Stimmung mies war, oder man referiert über seinen ach so produktiven Arbeitstag. Man schürt den Neid der anderen mit dem Ziel: dass man sich selbst besser fühlt.

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels. Viele meiner Klienten kennen ihre Stärken nicht, schauen nur darauf, was andere machen. Nicht sie selbst, die anderen sind der Maßstab für ihren Erfolg.“
Verena Merkatz, Arbeitspsychologin

In ihrer Praxis empfängt die Wiener Arbeitspsychologin Verena Merkatz regelmäßig Führungskräfte und karriereorientierte Menschen. Sie sagt: „Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels. Viele meiner Klienten kennen ihre Stärken nicht, schauen nur mehr darauf, was andere machen. Nicht sie selbst, die anderen sind der Maßstab für ihren Erfolg. Sie wissen gar nicht mehr, was sie an sich selbst mögen, weil sie nur die anderen vor Augen haben.“ Mit Coaching führt sie die Menschen zur Erkenntnis, dass nur der Vergleich mit sich selbst lohnend ist. „Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen, die aus einem selbst kommen. Die zentrale Frage ist: Was will ich in meinem Leben erreichen? Und nicht: Was erreichen die anderen und wie komme ich dorthin?“ Gerade Menschen mit geringem Selbstwert tendieren dazu, sich mit anderen zu vergleichen, die besser, schöner, erfolgreicher sind. Ihr Fazit: Ich bin nicht gut genug. Solche Menschen sind abhängig von der Anerkennung der anderen, sagt Merkatz. Und begeben sich auf Selbstwert-Talfahrt in Richtung Depression.

Du bist, was du hast

Eine Ursache dafür liegt in unserer Konsumgesellschaft, die den Wert eines Menschen an dem misst, was er hat: Auto, Haus, Markenuhr und iPhone. „Hast du nichts, bist du nichts“, wird von Werbung und Elite suggeriert. Hat der andere mehr, will man das auch haben – um den eigenen Selbstwert zu steigern.
Sieht man bei den sogenannten Erfolgsmenschen genauer hin, zeigt sich oft: Wo Zufriedenheit vorherrschen sollte, bleibt meist nur der schale Geschmack kurzer Befriedigung. Das Weiterstreben nach dem noch größeren Erfolg, der noch besseren Leistung wird von einer inneren Getriebenheit befeuert, die von der Angst herrührt, nicht zu genügen. Dazu trägt die Wirtschaft maßgeblich bei. „Wenn eine Abteilung ein Ziel erreicht, wird sofort das nächste, höhere Ziel festgelegt“, sagt Merkatz. Das Höher, Besser, Schneller wird eingefordert, „bis Psyche und Körper sagen, jetzt ist Schluss“. Innehalten, bei sich bleiben und authentisch sein, hilft raus aus der Abwärtsspirale des Vergleichs, so die Psychologin. Dann kann man sich dem zuwenden, was man wirklich will. Und was einen zufrieden macht.

- Nicole Thurn