Niels Jent und Regula Dietsche

© gilbert novy

Diversity
12/09/2013

Unterschiede machen besser

Gelähmt, blind, Professor: Mit dem Vorurteil, Behinderte wären „blöd“, räumt Nils Jent auf. Mit Regula Dietsche forscht er über Vielfalt in Teams.

von Nicole Thurn

Nils Jent öffnet die Augen. Dennoch bleibt alles schwarz. Er spürt seinen Körper nicht, nicht,worauf er liegt. Er will seine Hand heben. Sie bewegt sich nicht. Seine Lippen wollen ein Wort formen, aus seinem Mund kommt kein Ton.

Nils Jent war 18 Jahre alt und stand vor der Matura, als er nach einem Motorradunfall aus dem Koma erwachte. Zwei Mal war sein Herz stehen geblieben. Seither ist er großteils gelähmt, sprechbehindert und blind.

In seinem Lebenslauf hat der heute 51-jährige Wissenschaftler vermerkt: „Zwei Mal geboren: am 25. Februar 1962, am 26. Mai 1980“. In seiner Biografie „Dr. Nils Jent. Ein Leben am Limit“ spricht er auch vom Leben A – als frisch verliebter, fröhlicher Maturant. Und vom Leben B – als Mann mit schwerwiegender Behinderung, der sich und der Welt beweisen musste, dass er doch noch vieles kann. Dass sein Kopf sein Kapital ist.

Das wurde damals auch den Ärzten der Rehaklinik in Bellikon klar, als der Junge, den man vorschnell als geistig behindert einstufen wollte, einen Arzt nach dem anderen im Schach besiegte. Das Schachspiel hatte er erst dort gelernt, bereits erblindet, rein aus dem Gedächtnis. Und es wurde auch vielen klar, als Nils Jent im Alter von 27 Jahren seine Matura als Klassenbester nachholte, um Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen zu studieren. Und danach auch noch das Doktoratsstudium anschloss. Alles ein Kraftakt. Er lernte Tag und Nacht, mit dem einzigen Sinnesorgan, das ihm geblieben war – dem Gehör. Seine Mutter und seine Studienkollegen sprachen den Lernstoff auf Kassetten – bis zum Doktortitel waren es 2500. Nils Jent hörte jede genau drei Mal, dann musste das Gelernte sitzen – „ein Gedächtnistraining par excellence“, sagt er heute im Rückblick. Woher nahm er seine Motivation, wo andere längst aufgegeben hätten? „Die Alternative wäre ein handwerklicher Beruf in einem Heim gewesen“, sagt er. Korbflechter, wenn es nach dem Berufsberater gegangen wäre. „Mit Händen, die kaum einzusetzen sind“, erklärt er, „glauben Sie mir, das motiviert enorm.“

Nils Jent sagt, wenn er ein Tier wäre, dann eine Schildkröte. Seine Zähheit, seine Überlebenskunst und seine notgedrungene Langsamkeit habe er mit dem Reptil gemeinsam. In seiner St. Gallener Wohnung hat er eine Schildkrötensammlung ausgestellt. Seiner Frustrationstoleranz hat er es zu verdanken, dass er viele Barrieren überwinden konnte – auch Diskriminierung. Einmal beschwerte sich ein Professor im Vorbeigehen: „Wo kommen wir denn hin, wenn nun auch die Behinderten studieren dürfen?“

In die Forschung

Es bliebt nicht beim Studieren. Seit 2002 leitet Nils Jent das Diversity Center für Führung und Personalmanagement der Universität St.Gallen. Inzwischen ist der Mann mit dem verschmitzten Witz Direktor der Angewandten Forschung am Center for Disability and Integration. 2012 wurde ihm der Professorentitel verliehen.

Ohne Hilfe, betont er, hätte er vieles nicht geschafft. Vor drei Jahren warb er die Diversity Managerin Regula Dietsche von einer großen Schweizer Bank ab. Gemeinsam forschen sie zur personellen Vielfalt in Unternehmen. Auf Augenhöhe. Vergangene Woche wurden beide für ihre Forschungsarbeit mit dem TARA-Award des Vereins „Life goes on“ in der Wiener Hofburg ausgezeichnet. „Ich bin kein Held, ohne dem Miteinander wäre ich nicht hier“, sagte er vor dem bewegten Publikum.

Im Interview sprechen beide über ihre Zusammenarbeit, was personelle Vielfalt den Unternehmen bringt und wie Teams am besten funktionieren. Nils Jent beantwortete die Fragen aufgrund seiner Sprachbehinderung per eMail.

KURIER: Herr Dr. Jent, Sie leben trotz Ihrer Behinderung allein. Wie schaffen Sie das?

Nils Jent: Allein das Sich-Ankleiden ist eine hervorragende Geduldsübung. Allerdings lasse ich mich auch vom Behindertentaxi chauffieren und nutze die Spitex (mobile Betreuung, Anm.), die mir den Kühlschrank füllt und die Wohnung in Schuss hält. So gesehen bin ich mehr der Manager als der operativ Tätige – das liegt durchaus in meinen Kernkompetenzen.

Warum wollten Sie Doktor werden – und zu Diversity forschen?

Nils Jent: Einerseits natürlich aufgrund meiner Eigenerfahrung. Andererseits wollte ich mit dem Vorurteil aufräumen, dass Behinderte irgendwie „blöd“ wären. Ich kann in meiner Rolle als Professor und Behinderter Botschafter für einen Wahrnehmungswandel in unserer Gesellschaft sein. Regula und ich leben ja vor, was im Miteinander möglich ist. Der Nutzen des Miteinanders ist größer als der Nutzen jedes Einzelkämpfers zusammen.

Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

Regula Dietsche: Wir setzen unsere Kompetenzen zusammen so ein, dass der größte Benefit herausschaut. Ich schreibe den ersten Entwurf eines wissenschaftlichen Artikels, weil ich sehr schnell bin. Der Feinschliff ist Nils’ Stärke: Er kann stundenlang am Text, am Konzept feilen.

Nils Jent: Wir wechseln uns je nach Aufgaben in der Führungsverantwortung ab.

Was braucht ein diverses Team, um gut zusammenzuarbeiten? Nils Jent: Es ist sehr wichtig, die besonderen Befähigungen, die Stärken und Schwächen voneinander, aber auch von sich selbst, gut zu kennen. Das setzt eine reflektierte Selbstführung jedes Arbeitspartners voraus.

Sie haben das Modell „Diversity Optima“ entwickelt. Was sagt es aus?

Nils Jent: Wir propagieren heterogene Arbeitspartnerschaften beispielsweise zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen. Die Teams werden von einem Mitglied unterstützt und geleitet. Seine primäre Aufgabe ist es, dass die besonderen Befähigungen der Mitglieder voll zum Tragen kommen. Erst der Nutzen und das Optimieren der Vielfalt macht aus einem Team eine Arbeitspartnerschaft.

Wieso ist Diversity für Unternehmen wichtig?

Regula Dietsche: Wenn Sie eine vielfältige Kundenstruktur haben, müssen Sie diese Buntheit auch im Unternehmen abbilden. Andernfalls verlieren sie Kunden, können bei Veränderungen am Markt nicht schnell genug agieren. Diversity ist viel diskutiert. Wieso tun sich die Unternehmen in der Umsetzung so schwer?Nils Jent: Organisationen neigen dazu, die innere Komplexität zu reduzieren. Das beißt sich diametral mit dem gezielten Einbau von Vielfalt.

Regula Dietsche: Viele Unternehmen schreiben sich auf die Fahne, Diversity-Management zu betreiben. Das ist löblich. Allerdings sind viele sozialromantische Diversity-Übungen darunter. Diversity-Kompetenz ist zwingend Führungskompetenz, da braucht es Trainings. Und Behinderung wird nach wie vor als Defizit gesehen. Erst wenn auf die Ressourcen geachtet wird, darauf, was Bewerber gerade aufgrund ihrer Behinderung gut können, sind wir einen echten Schritt weiter.

„Essenzen des Wahrnehmens“

1. Ich habe eine Aufgabe, denn eine unbegreifliche Kraft holte mich zurück.2. Erst das Loslassen des Bisherigen und Erhofften macht frei und offen, neue Wege zu gehen.3. Das Jetzt ist die Quelle der Energie.

4. Der Weg ist das Ziel. Kleine Schritte gelingen leichter als große. 5. Suche die Energie in dir selbst, bewahre deine Selbstverantwortung.

6. Arbeite an dir – das fördert deine Selbstentwicklung.

7. Das Miteinander ist essenziell. Achtsamkeit, Entschleunigung und Ressourcenorientierung versetzen Berge. (*von der Red. gekürzt; Bech Lone Verlag, €12,90)

Unternehmen umgehen die Anstellung

Drei Viertel der österreichischen Unternehmen vermeiden es, Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Ausgleichstaxe müsse daher erhöht werden, forderten die Arbeiterkammer (AK) und die Behinderten-Vertretung ÖZIV am „Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung“ am Dienstag. Mit der Zahlung der „Ausgleichstaxe“ in der Höhe von 238 bis 355 Euro – je nach Betriebsgröße – können Unternehmen die Pflicht umgehen, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen.

Mit der Lockerung des erhöhten Kündigungsschutzes im Jahr 2011 wollte der Gesetzgeber die Unternehmen motivieren, Menschen mit Behinderung einzustellen. Bei Arbeitsverhältnissen nach dem 1. 11. 2011 kann ein begünstigt behinderter Arbeitnehmer in den ersten vier Jahren im Unternehmen gekündigt werden – davor war es nach sechs Monaten möglich.

Laut AK hat diese Maßnahme wenig verbessert: Mehr als ein Drittel der behinderten Menschen am Arbeitsmarkt sind arbeitslos. Im vergangenen Oktober waren um fast 28 Prozent mehr Betroffene ohne Job als im Oktober 2012. Jeder Fünfte ist armutsgefährdet.

633.000 Menschen in Österreich leben mit einer Behinderung. Knapp 100.000 gelten als „begünstigt behindert“ – bei ihnen hat das Bundessozialamt einen Behinderungsgrad von mehr als 50 Prozent festgestellt. Zwei Drittel von ihnen sind in Beschäftigung. Für die berufliche Integration hat die Regierung heuer 170 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.


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