Wendy Kopp, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von Teach for all, einem globalen Bildungsnetzwerk im Interview am 14.08.2014.

© KURIER/Gilbert Novy

Interview
08/26/2014

Top-Talente in Problemschulen

Wendy Kopp wartete nicht, bis das Bildungssystem sich ändert. Mit ihrer Initiative "Teach for All" schickt sie weltweit High Potentials als Lehrer in Problemschulen.

von Nicole Thurn

Sie wurde in einer Zeit zum Social Entrepreneur, als der Begriff in den USA gerade aufkam. Vor 25 Jahren beschloss Wendy Kopp, mit ihrer NGO "Teach for America" brillante Uni-Absolventen als Lehrer für sozial benachteiligte Schüler einzusetzen. Heute ist die Initiative Teil des Netzwerks "Teach for All" in 34 Ländern. In Österreich startete "Teach for Austria" 2012.

Ihr Engagement für Bildungsgleichheit hat die 47-Jährige in die US-Elite katapultiert: Das Fortune Magazine listete die New Yorkerin auf Platz 25 der einflussreichsten Führungspersönlichkeiten der Welt. In bis zu drei Länder reist sie jedes Monat, um ihre Organisationen zu besuchen. Mit dem KURIER sprach Kopp auf einer "Teach for All"-Konferenz in Wien.

KURIER: Sie sind Mutter von vier Kindern. Was müsste sich an deren Schulen ändern?Wendy Kopp: Sie besuchen öffentliche Schulen. Ich wünschte, sie würden mehr gefordert werden.

Interessant – wir in Österreich halten das US-Bildungssystem für sehr fordernd und leistungsorientiert.

Was, wirklich? Ich denke das nicht. Vergangenes Jahr ist ein Buch erschienen, das den Weg von Austauschschülern aus den USA nach Polen, Südkorea und Finnland beschrieb (Anm.: Amanda Ripley: The Smartest Kids in the World). Zurück in den US-Schulen langweilten sie sich zu Tode. Derzeit wird in den USA auch viel über die Übernahme internationaler Bildungsstandards debattiert, die kritisches Denken forcieren sollen.

Sie schrieben Ihre Bachelorarbeit über die Idee von "Teach for America". Wie kamen Sie darauf?

Als Public-Policy-Studentin machten mich die Ungleichheiten in den USA betroffen. Die Vereinigten Staaten wollen ein Platz für gleiche Chancen für alle sein, dennoch bestimmt der Geburtsort über die Bildung eines Kindes. Dann gab es all diese Investmentbanken und Konzerne, die uns Absolventen für zwei Jahre anwerben wollten. Ich dachte: Warum werden wir nicht genauso aggressiv umworben, um zwei Jahre in benachteiligten Regionen zu unterrichten? Unsere Energie könnte in Schulklassen gebündelt werden und damit könnte eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten entstehen.

Wie haben Sie "Teach for America" gegründet?

Ich habe meine Abschlussarbeit an 30 CEOs geschickt und zwei von ihnen getroffen. Zudem habe ich meine Idee einigen Menschen aus der Bildungsbranche vorgestellt. Sie unterstützten sie, sagten aber, dass Studierende das nie tun würden. Ich sah das anders. Also startete ich eine Recruiting-Kampagne an hundert Colleges. Damals gab es einen Lehrermangel. 2500 Leute bewarben sich in vier Monate – unglaublich. Ein Jahr später hatten wir 500 Lehrer.

Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung der Initiative?

Die Bildungspolitik erschwerte vieles. Ich hatte das, wovon ich dachte, ich würde es im dritten Jahr haben, erst im 20. Jahr. In der Aufbauphase war es hart, finanzielle Hilfe im Privatsektor zu finden. Wir haben einige Nahtoderfahrungen gemacht (lacht).

„Viele unserer Alumni arbeiten später auf anderer Ebene daran, Bildungschancen zu schaffen.“

Ihre Teilnehmer unterrichten in Schulen, wo Gewalt und Konflikte herrschen. Wie gehen sie damit um?

Die Kinder wachsen in unfassbar instabilen Umgebungen auf, doch die Schulen sind meist ein sicherer Hafen. Die Junglehrer brauchen aber gutes Urteilsvermögen.

Welche Fähigkeiten brauchen sie?

Sie müssen vor allem echte Beziehungen zu den Kindern und ihren Familien knüpfen.

Was tun sie nach den zwei Jahren?

Viele unserer Alumni bleiben im Klassenzimmer oder werden Schuldirektoren oder politische Entscheidungsträger. Sie arbeiten auf anderer Ebene daran, für Kinder gleiche Bildungschancen zu schaffen. Wir brauchen diese kritische Masse an Menschen, um Bildungschancen für alle zu ermöglichen.

2007 haben Sie "Teach for All" gegründet. Warum das?

Vor neun Jahren baten uns Social Entrepreneurs aus 13 Ländern um Hilfe. Sie wollten unser Modell in ihre Länder bringen. Das führte zur Idee, eine eigene Organisation zu gründen. Die Alumni teilen Lösungen für Bildungssysteme über alle Grenzen hinweg, das beschleunigt die Entwicklung enorm.

Ihre bisherigen Erkenntnisse?

Viele Menschen sehen Bildungsungleichheit als unlösbares Problem. Aber wir haben die Chance, viel zu verändern. Das sieht man in den Klassenzimmern: Hat man hohe Erwartungen an die Kinder und unterstützt sie, leisten sie Hervorragendes. Zweitens: Leadership ist die Lösung. Wir brauchen aber noch viele Top-Talente, die ihre Energie dafür bündeln wollen.

Wie werden sie dazu motiviert? Das Lehrer-Gehalt ist nicht so hoch wie in einem Konzern.

Viele junge Menschen auf der ganzen Welt wollen etwas bewirken. Sie müssen sich auch nicht ihr ganzes Leben dazu verpflichten, es reichen zwei Jahre. Sie können immer noch Manager oder Banker werden.

Was raten Sie Menschen, die soziale Unternehmer werden wollen?

Wartet nicht darauf, dass ihr genug Geld verdient habt, um etwas zu verändern – denn es braucht Jahre. Schaut euch nach Verbündeten um – ihr braucht Leute, die Ja zu eurer Idee sagen.

Die Lehrermacherin

Wendy Kopp gründete 1989 „Teach for America“. Heute gibt es jährlich rund 50.000 Bewerber. 2007 folgte das globale Netzwerk „Teach for All“, an dem heute 34 Länder beteiligt sind. Kopp schrieb die Bücher: „One Day, all Children“ (2001) und „A Chance to make History“ (2011).

Teach for Austria

Seit 2012 bildet die NGO „Teach for Austria“ im Sommer Absolventen diverser Studienrichtungen aus – im Herbst starten 35 Junglehrer für zwei Jahre an Schulen in Wien und Salzburg. 2013 wurden 5500 Schüler an Mittelschulen und Polytechnischen Schulen unterrichtet.

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