Karlheinz Töchterle, FH Technikum Wien, Besuch

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Plagiatsaffären
02/26/2013

Töchterle: "Andere Standards? Ausrede!"

Waren Unis früher lockerer? Soll Abschreiben verjähren? "Nein", sagt Minister Töchterle.

von Philipp Hacker-Walton

Deutschlands Bildungsministerin Annette Schavan trat unlängst zurück, nachdem ihr Doktortitel wegen Plagiats aberkannt worden war. Wissenschaftsminister Töchterle im Interview über seine Ex-Kollegin, Abschreib-Affären – und das Gefühl, plagiiert zu werden.

KURIER: Wie haben Sie Affäre Schavan verfolgt?

Karlheinz Töchterle: Mir tut es leid, sie als Kollegin verloren zu haben. Ich habe die Zusammenarbeit mit ihr sehr geschätzt. Unabhängig von ihrem Fall ist ganz klar: Wissenschaftliches Arbeiten heißt, dass man wissenschaftliche Fortschritte erzielt und nicht nur von anderen abschreibt. Das ist das wissenschaftliche Ethos. Moralisch gesehen begeht man damit Diebstahl geistigen Eigentums. Im Fall von Frau Schavan muss man differenzieren. Sie hat sich in den Geisteswissenschaften und dort in einem Feld bewegt, wo man auf Basis einer Fülle bestehender Literatur agiert. Da ist es oft nicht leicht, eigenständig zu argumentieren. Dennoch bleibt unbestritten, dass man fremdes Gut als solches zu kennzeichnen hat.

Immer wieder werden Arbeiten – vor allem von Politikern – überprüft, die Jahrzehnte alt sind. Schavan hat ihre Dissertation 1980 geschrieben. Andere Dinge wären da längst verjährt.

Bei Verbrechen dient die Verjährung dazu, einen Menschen irgendwann von der Schuld zu entlasten – das hat etwas für sich. Andererseits: Einen erschlichenen Titel führt man zu Unrecht. Warum sollte Unrecht nach 40 Jahren Recht werden? Wenn Arbeiten von Politikern ausgegraben werden, drängt sich aber schon der Verdacht auf, dass es den Aufdeckern nicht unbedingt nur um wissenschaftliche Redlichkeit geht, sondern dass es andere, politische Motive gibt.

Als Verteidigung heißt es: Früher gab es andere Standards, man kann nicht alte Arbeiten nach heutigen Maßstäben beurteilen.

Das sehe ich als Ausreden. Die Maßstäbe, die ich genannt habe – wissenschaftliches und moralisches Ethos – sind zeitunabhängig. Das gilt seit Jahrhunderten. Gleichwohl ist immer abgeschrieben worden.

Auch von Ihren Werken?

Ja, wenn auch nicht in wissenschaftlichen Arbeiten. Aber es hat mich maßlos geärgert. Man fühlt sich bestohlen.

Welchen Vorwurf kann man bei einem Plagiat dem Betreuer der Arbeit machen? Er gibt immerhin auch seinen Sanktus.

Ganz aus der Verantwortung entlassen darf man die Betreuer nicht. Das beginnt bei der Themenstellung: Wenn man Wald-und-Wiesen-Themen gibt, die tausend Mal schon in ähnlicher Form traktiert worden sind, ist die Gefahr groß, dass Studenten den Slalom durch die Sekundär-Literatur nicht schaffen. Das Problem ist, dass wir keine Sanktionskultur für Betreuer haben.

Was wäre eine faire Strafe?

Meines Erachtens genügt, wenn bekannt ist, dass jemand eine Arbeit betreut hat, die solche Fehler aufweist. Das wirft einen Schatten in der Wissenschaft und ist dem Renommee alles andere als dienlich.

In Wien prüft eine eigene Agentur die Arbeiten

In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren mehrere Plagiatsaffären mit Rücktritten hochrangiger Politiker: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verlor Doktortitel und Ministeramt 2011, ebenso erging es nun Bildungsministerin Annette Schavan. FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wurde 2011 der Doktortitel entzogen, sie trat als FDP-Vorsitzende im EU-Parlament und als dessen Vizepräsidentin zurück. Österreichs EU-Kommissar Johannes Hahn wurde im Vorjahr ebenfalls vorgeworfen, bei seiner Dissertation großflächig abgeschrieben zu haben – er behielt jedoch seinen Titel und blieb im Amt.

Seit einigen Jahren werden in Österreich alle Abschlussarbeiten mittels Plagiatssoftware überprüft. Über eine Titel-Aberkennung entscheiden die Unis, sie können sich von der Agentur für wissenschaftliche Integrität Gutachten und unverbindliche Empfehlungen holen. 2010 prüfte die Agentur elf, 2011 insgesamt 30 Verdachtsfälle.

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