Kristina Tsvetanova und Slavi Slavev sind das Start-up Blitab – sie stellen ein Tablet für Blinde her

© /Claudia Gannon

Reportage
10/27/2014

Start-ups auf Millionenfang

Um groß zu werden, brauchen Start-ups Millionen. 17 Gründer auf Investorensuche in London.

von Andrea Hlinka

Anna Banicevic und Sinan Masovic treten als letzte vor die Investoren. Sinan ist unauffällig, aber Anna mit ihrem schelmischen Lächeln müsste gewöhnlich die Blicke auf sich ziehen. Doch die Investoren verziehen keine Miene – elf Unternehmenspräsentationen in drei Stunden haben sie bereits gesehen. Das ermattet. Doch dann sagt Anna in perfektem Englisch etwas genial Größenwahnsinniges: "Wir sind Zizoo und wollen booking.com für Boote werden. Der Markt ist 42 Milliarden Euro schwer." Das bringt Investorenaugen zum Glänzen.

Groß werden

Es ist ein Spiel, das sie oft geübt haben und perfekt beherrschen – Zizoo und die anderen elf Start-ups, die vergangene Woche nach London gereist sind, auf der Suche nach Investoren. Rund 20 sind im Rahmen der Pitching Days ins Österreichische AußenwirtschaftsCenter London gekommen, angelockt von der Aussicht, ein lukratives Investment zu machen. Die Investoren sind optisch leicht von den Gründern zu unterscheiden: Sie tragen Anzüge, die von der Präzision ihres Schneiders erzählen. Die Gründer hingegen laufen in Sneakers herum und sind positiv aufgeregt. Der größte Unterschied aber ist: Die einen haben, die anderen brauchen das Geld. Viel Geld.Die Gründer von Rublys, einem Start-up, das mit virtuellen Rubellosen arbeitet, haben bereits 1,7 Millionen Euro in Finanzierungsrunden eingesammelt – und wollen weitere fünf Millionen Euro für ihre Expansion.

Kristina Tsvetanova und Slavi Slavev, das Start-up Blitab, brauchen 300.000 Euro, um den Prototypen ihres neuartigen Tablets für Blinde zu bauen – für das sie unter anderem den Social Impact Award 2014 erhalten haben. Im November startet Blitab eine Crowdinvesting-Kampagne. Das medizinische Start-up Miracor, das Herzinfarktpatienten das Leben erleichtert und verlängert, will 1 bis 3 Millionen Euro in der dritten Finanzierungsrunde einsammeln. Summen wie diese suchen Gründer in Österreich vergeblich. Denn obwohl die Gründerszene fleißig wächst, bleibt die der Investoren überschaubar.

Land der Start-ups

In Großbritannien, speziell in London, ist die Situation eine völlig andere: rund 15.000 Mitglieder zählt alleine die UK Business Angel Association, wie Chief Executive Jenny Tooth erzählt. Österreich hat wenige Hundert Privatinvestoren. Wieso das so ist? Der Grund ist nicht nur darin zu suchen, dass London allein so viele Bewohner hat wie ganz Österreich. Für die Explosion an Gründungen und Investoren in Großbritannien ist eine politische Weichenstellung in den 90er Jahren verantwortlich: Seither ist es erstaunlich einfach und lukrativ in Start-ups zu investieren. Und das Risiko – der Staat springt zu einem großen Teil ein, wenn das Investment schiefgeht – ist enorm gering (siehe Interview unten).

Die Folge: Die Stadt bebt, ist aufgeladen mit der Energie und den Visionen von Zigtausenden Gründern. Sie suchen Geld. Investoren die nächste Revolution. Was das nächste große Ding ist, die gewinnbringende Idee, kann niemand sagen. Denn kein Investor hat den ultimativen Riecher. Für alle und überall gilt die Regel: Von zehn Investments ist nur eines erfolgreich. Drei sind Zombies und sechs bereits begraben.

Die Bühnen für das Spektakel in London: 24 Co-Working-Spaces, neun Inkubatoren, zehn Accelerators und jede Menge Pitching-Events – allein am Donnerstag, dem Abend der Pitches im AußenwirtschaftsCenter London, waren es fünf Veranstaltungen.

Die nächste Revolution

Während der Pitches im AußenwirtschaftsCenter London notieren sich die Investoren Unklarheiten und Summen neben das Katalog-Profil der österreichischen Start-ups. Und sie googeln in der Sekunde, wenn ihnen das Unternehmen gefällt. Eva Weidinger, Technologiebeauftragte des AußenwirtschaftsCenter, beendet jeden Pitch gnadenlos mit dem Läuten einer Kuhglocke. Jetzt haben die Investoren wenige Minuten die Möglichkeit, Fragen zu stellen – Fragen, gelten in der Start-up-Welt als gutes Zeichen.

Am Ende der zwölf Pitches gibt es Wein und Bier und Fingerfood vom Speck Mobile, einem österreichischen Catering in London. Im Small Talk zeigen sich die Investoren ehrlich beeindruckt von den Start-ups, die sie hier gesehen haben: "Sie sind großartig. Sehr weit und sehr professionell. Sie können sich mit britischen messen", sagt ein älterer Privatier, der sich in Zurückhaltung übt und anonym bleiben möchte. Auch Privatinvestor Chris Sandilands ist begeistert, ebenso Deepali Nangia vom Angel-Netzwerk Wild Blue Cohort. Doch ob und wie viel sie investieren, wollen oder können sie an diesem Abend noch nicht.

Am nächsten Tag berichten einige Start-ups, etwa Updateme, eine der interessantesten Innovationen im News-Bereich, bereits Anfragen für ein Folgegespräch bekommen zu haben. Auch Anna und Sinan von Zizoo haben bereits am Freitag Gespräche mit Investoren – sie sind schon im Plug and Play Accelerator von Axel Springer. Interesse zieht andere Interessierte an. Ein Prinzip, das auch in der Start-up-Welt gilt.

Gründen ist Lebenserfahrung

KURIER: Wie groß ist die Investorenszene in Großbritannien?
Anthony Clarke: Ich schätze es gibt zwischen 20.000 und 30.000 Business Angels. Jährlich investieren Business Angels und Venture-Capitalists rund 1,5 Milliarden Pfund in Start-ups in der Early Stage.

Was raten Sie Start-ups, die in Großbritannien Fuß fassen wollen?
Sie müssen darauf achten, dass ihre Unternehmen so aufgebaut sind, dass Investoren die Steuervergünstigungen bekommen. Sonst investieren wir nicht. Smarte Entrepreneure gehen den Weg so weit es geht alleine. Bis sie etwas Handfestes haben, das sie herzeigen können. Es gibt Tonnen von Leuten, die versuchen, Investoren für Träume zu bekommen. Sie werden sie nicht kriegen.

In welcher Höhe befinden sich die Steuervergünstigungen?
Wenn ich 10.000 Pfund investiere, bekomme ich 3000 Pfund von der Steuer zurück. Wenn die Unternehmung scheitert, bekomme ich noch einmal 3000 Pfund zurück. Aber: Wenn meine 10.000 zu 100.000 Pfund werden, zahle ich keine Steuern – nichts. Das heißt, dass Investments nach unten gut abgesichert sind und der Gewinn alleine mir gehört. Daher haben wir einen sehr liquiden Angel Markt.

Wo sind die Nachteile?
Die Bewertung der Start-ups, vor allem im Tech-Bereich, ist meiner Meinung nach zu hoch. Manche haben vor einem halben Jahr gegründet und wollen Millionen wert sein.

Eine potenzielle Blase?
Vielleicht vonseiten der Start-ups. Jeder will Entrepreneur sein. Die Gefahr liegt darin, dass sie ihr Unternehmen nie auf den Boden bringen. Auf der anderen Seite: Das ist Lebenserfahrung. Man lernt mehr als in jeder Business School.

Start-ups, Investoren und Millionen Kunden

Für die Organisation der Pitching Days sorgten die Junge Wirtschaft (JW), die Außenwirtschaft Austria, die Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft (aws) und Eva Weidinger, Technologiebeauftragte des AußenwirtschaftsCenter London.
17 Start-ups sind nach London gereist, zwölf haben gepitcht. Dabei war: Immobiliensuchmaschinezoomsquare; Marketing-Gastro-AppIkangai, das Start-up mit der Smart-Home-Solution,Flatout; die Social-Intranet-PlattformHotelkit; Updatemi, die neue Art der Nachrichten; das Medizintechnik Start-upMiracor;Rublys, eine App mit virtuellen Rubellosen; das erste Tablet für Blinde,Blitab;Heliovis, das die Energie der Sonne nützt; die Online-WeiterbildungsdatenbankCourseticket; die virtuellen BootsvermittlerZizoo;Qgate, das Lebensräume mit dem Smartphone verbindet;Gymneus, dessen Geräte die Leistung von Kunden in Fitnesscentern messen; MIM.365, eine Software, die ein weltweites Monitoring von Maschinen ermöglicht;Sphares, das Cloudservices verbindet; Lost & Found-Start-upLocca und Open-Source-NetzwerkPlayerhunter.
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