"Sie verändert einen"

Erzählcafe…
Foto: KURIER/Rainer Eckharter Im Erzählcafé der WUK-Bildungsberatung geben Arbeitsuchende einander Tipps – der Austausch hilft gegen allzu viel Tristesse und Isolation.

Arbeitslosigkeit hat zahllose Gesichter. Spurlos vorbei geht sie an niemandem. Vier Betroffene erzählen einander bei Keksen und Kaffee von bitteren und wertvollen Erfahrungen.

Wenn Manfred an seine derzeitige Arbeit denkt, denkt er an Mangold, Melanzani und Minigurken. Und an seine Rückenschmerzen. "Gärtnern, das ist nichts mehr für mich", sagt der 51-Jährige. Manfred ist auch gar kein Gärtner. Er war viele Jahre lang gewöhnt, Mitarbeiter zu führen und Abteilungen zu managen. Eineinhalb Jahre auf Jobsuche und 170 Bewerbungen später ist er ernüchtert: "Ich würde auch um die Hälfte meines früheren Gehalts arbeiten. Sie nehmen aber immer die Jüngeren." Also arbeitet er in einem Gartenprojekt, das Arbeitslosen Beschäftigung bietet. Manfred sagt: "Ich brauche kein Arbeitstraining, ich brauche einen Job." Wie es danach, im April, weitergehen soll, weiß er nicht. Positiv bleiben, sich motivieren, "ich hab noch 14 Jahre bis zur Pension."

Wir sitzen im Besprechungszimmer der WUK-Bildungsberatung in Ottakring, bei Keksen und Filterkaffee. Die Berater Matthias und Nesli stellen das "Erzählcafé" vor. Die Sonne scheint durchs Fensterglas, die Stimmung ist erst heiter, bald nachdenklich. In der Kennenlernrunde erzählen die Teilnehmer über ihre Kündigungen. Manfred ahnte es nach der Firmenfusion, als sein neuer Chef ihn nicht mehr grüßte, auf seinem Parkplatz ein anderer parkte und sein Team geschlossen auf Urlaub ging. Peter erzählt, dass sein Job als Museumsaufseher endlich von 30 auf 40 Stunden pro Woche aufgestockt wurde – nach 15 Jahren. Vor drei Wochen wurde er gekündigt. "An meinem 49. Geburtstag", lächelt er bitter. Er überlegt, in die Altenpflege zu gehen, "wie meine Frau".

Fakt: Jeder vierte Arbeitslose war im Jänner über 50, das sind rund 113.000.

Freiwillig im Einsatz

Die 27-jährige Petra arbeitet wie Manfred im Gärtnerei-Projekt. Nach eineinhalb Jahren Gemeindearbeit machte sie die Lehre zum Einzelhandel Baustoffe am Berufsförderinstitut (bfi). Job fand sie aber keinen – obwohl sie in einem Monat hundert Bewerbungen schrieb. "Zurückgekommen ist meist nichts, oder eben nur Absagen", erzählt sie stockend. Sie will zuversichtlich bleiben, "Freunde helfen mir, geben mir Informationen zu offenen Stellen weiter. Um "nicht nur daheim zu sitzen", engagiert sich Petra bei der Feuerwehr. Sie rückt aus, wenn ihre berufstätigen Kollegen lieber im Bett bleiben. "Mir ist es egal, wenn ich um fünf Uhr früh zum Brandeinsatz fahre, ich schlafe danach halt weiter", sagt sie.

Fakt: 7,8 Prozent der Lehrabsolventen waren 2015 ohne Job.

Wiedereinstieg

Doris, Mutter zweier Kinder und nach der Babykarenz seit November auf Jobsuche, macht sich selbst viel Druck. Früher hat sie in der Theaterbranche gearbeitet. Nach dem ersten Kind löste sie das Dienstverhältnis mit ihrem Arbeitgeber einvernehmlich. Die permanente Sorge, wie geht es weiter, zehrt an ihr. Nach der Babykarenz absolvierte sie einen Lehrgang zur Kulturvermittlung, um ihre Jobchancen zu erhöhen. Ob das der Fall ist, daran zweifelt sie. Ihre Stimme bricht, als sie vom inneren Druck erzählt. Tränen fließen, Berater Matthias eilt hinaus, um Taschentücher zu holen.

Fakt: Jede dritte Frau will sich nach der Karenz beruflich neu orientieren.

Geldfrage

Die Arbeitslosigkeit hat alle Teilnehmer verändert. "Ich bin heute gesellschaftskritischer", sagt Manfred. Wortreich kritisiert er die Bürokratisierung des Arbeitsmarktservice ("es gibt weder einen Arbeitsmarkt, noch gibt es einen Service"), erzählt von den 79 Euro, die ihm künftig im Monat nach Abzug der Alimente bleiben. Wenn Freunde beim Glas Wein über den Skiurlaub in Lech diskutieren, geht er heim. Urlaub wird die Lebensgefährtin wohl ohne ihn machen. "Vielleicht kommt sie nicht mehr zurück", murmelt er. Geld ist für alle ein großes Thema. Peter vergleicht Prospekte nach Preisen, Doris achtet auf jeden Cent, Petra spart beim Weggehen.

Dann rät Berater Matthias den Teilnehmern zu Initiativbewerbungen, der verdeckte Arbeitsmarkt sei groß. Auch wenn eine schnelle Lösung nicht am Tisch liegt: Am Ende wirken alle froh, sich vieles von der Seele geredet zu haben.

Arbeitslos? Hier finden Sie neue Perspektiven und Rat

Starthilfe

1. WUK-Bildung und Beratung

Kostenlose Beratung und Kompetenz-Workshops für Arbeitssuchende. Nächstes Erzählcafé: 15. März, 9.30–11.30 Uhr,  haliastr. 85, 1160 Wien. Infos auf www.wuk.at und www.bildungsberatung-wien.at.


2. abz Frauenberufszentrum Wien 

Kostenlose Coachings und Workshops für arbeitsuchende Frauen. www.abzaustria.at.


3. Einstellungssache 50plus

Eine AMS-Kampagne  und Firmen räumen mit Vorurteilen gegen Ältere auf. www.einstellungssache50plus.at.

(kurier) Erstellt am
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