Roboter, die neuen Kollegen und Mitarbeiter

2030 wird es mehr Roboter auf der Welt geben als Menschen – sie ersetzen Jobs. Neue werden geschaffen.

Henry ist 1,70 Meter groß und 75 kg schwer – sein grüner, birnenförmiger Körper rollt kaum hörbar über den blanken Flur – ein pummeliges Comic-Glühwürmchen, das die Arme über dem Kopf verschränkt.

Henry ist ein Hilfsroboter: Er entdeckt Gefahrenquellen und am Boden liegende Gegenstände – auch gestürzte Menschen. Er reagiert auf starrende Blicke, dann fährt er hin und stellt sich vor. Für zwei Wochen dreht Henry – Roboter des internationalen Forschungsprojekts Strands – im Testbetrieb seine Runden im Haus der Barmherzigkeit (HdB) in Wien. Fünf von ihm gibt es auf der Welt. Es ist zu erwarten, dass solche Roboter als mobile Assistenten bald tatsächlich die Pflege unterstützen. Christoph Gisinger, Institutsdirektor im HdB, schwächt ab: "Bei hochwertiger Pflege geht es vor allem um Intuition und Einfühlungsvermögen. Kein Roboter wird dazu je in der Lage sein."

Bislang ist auch eine fünf Zentimeter hohe Türschwelle ein Hindernis für Henry. Aber: Noch nie ging technologische Entwicklung schneller als in unserer Zeit. Zudem hat sich der Mensch schon oft geirrt. 1943 sagte etwa der IBM-Vorsitzende Thomas Watson: "Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt." Es kam anders. Heute gibt es fast keinen Bereich mehr, wo Computer nicht zum Einsatz kommen. Auch die Zahl der Roboter steigt in rasantem Tempo: "Die Anzahl der Roboter im Verbrauchersegment verdoppelt sich derzeit ungefähr alle neun Monate, die Anzahl von Firmen- und Industrierobotern alle zwölf bis 18 Monate. Das bedeutet: Im Jahr 2030 wird es mehr Roboter auf der Welt geben als Menschen", erklärte Dave Evans, Chef-Futurologe des IT-Konzerns Cisco in einem manager magazin Interview vor wenigen Monaten. Daten der International Federation of Robotics stützen seine Vorhersage. Sicher ist, dass Maschinen Jobs ersetzen – das taten sie schon immer.

47 Prozent der Jobs

Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, zwei Forscher der Oxford University haben in der Ende 2013 publizierten Studie "The Future of Employment" untersucht, wie leicht unsere Jobs computerisiert werden können. Die Ergebnisse basieren auf der eingehenden Analyse von 700 Berufen: 47 Prozent aller Jobs könnten demnach in den nächsten 20 Jahren in den USA verloren gehen. Es sind nicht nur stupide Routine-Arbeiten betroffen, gefährdet sind Jobs in der Transport- und Logistikbranche, in der Baubranche, in der Verwaltung und Produktion – die Palette reicht also vom Steuerberater bis zum Taxi-Fahrer.

Moderne Unternehmen arbeiten längst in diese Richtung, Beispiele gibt es viele: Etwa Amazon, das kein Geheimnis daraus macht, dass es Beschäftigte in nur wenigen Jahren durch Roboter ersetzen will – aber gut, Amazon hat den Ruf, seine Beschäftigten sowieso wie Roboter zu behandeln. Oder General Electric. Der Konzern setzt seit Kurzem Roboter ein, die zur Wartung Windturbinen emporklettern. 2010 stellte Google sein fahrerloses Auto vor, das mittlerweile eine Million Kilometer auf Kaliforniens Straßen zurückgelegt hat. Auch in europäischen Ländern, darunter Österreich, werden autonome Autos getestet, etwa von Mercedes. Um sie auch tatsächlich einsetzen zu können, wurde vor zwei Wochen der Artikel 8 der Wiener Konvention von 1968, mit der Straßenverkehrsregeln weltweit vereinheitlicht werden, geändert. Darin stand, "jeder Führer muss dauernd sein Fahrzeug beherrschen oder seine Tiere führen können". Nun wurde festgelegt, dass Systeme zum automatisierten Fahren zulässig sind, wenn sie jederzeit vom Fahrer gestoppt werden können. Wir sind auf dem Weg. Wie schnell die Technisierung der Gesellschaft vor sich geht, ist eben nicht nur eine Frage der Technik und der Ausbildung sondern auch der Regeln, der Gesetzgebung und vor allem der gesellschaftlichen Akzeptanz.

Grund zur Sorge?

Roboter verlangen wenig, kennen "Work-Life-Balance" nicht, fordern nicht, langweilen sich nicht, brauchen kein Gehalt, keinen Urlaub, keine Pension und Sozialversicherung – Lohnnebenkosten würden für die Unternehmen zu Reparatur und Forschungs- & Entwicklungsausgaben werden.

Doch der Mensch gewinnt mit seiner kreativen und sozialen Intelligenz. Eine Maschine ist zuletzt immer nur so gut, wie der Mensch, der sie programmiert. Techniker und Wissenschaftler, Manager, Schauspieler, Sozialarbeiter und viele andere werden nicht von Maschinen ersetzt, nur unterstützt und geschützt. "Der Wandel vernichtet Jobs, aber es entstehen auch laufend neue", sagt AMS-Chef Johannes Kopf im Interview (siehe unten). Die Arbeit wird uns deshalb nicht ausgehen. Kopf glaubt auch nicht daran, dass wir in Zukunft nur noch zehn Stunden pro Woche arbeiten werden, weil Maschinen den Rest erledigen. Ein Gedanke, der nicht neu ist: Der Soziologe Rudi Dutschke und der Politologe Bernd Rabehl meinten schon 1967, dass der technische Fortschritt die Erwerbsarbeit in Zukunft auf fünf Stunden pro Tag reduzieren wird. Es kam anders. Sicher ist: Um zu jenen zu gehören, die einen Job haben, ist Bildung das oberste Prinzip. Hoch Qualifizierte werden es immer leichter haben.

KURIER: Zerstört technischer Fortschritt Arbeitsplätze?
Johannes Kopf:
Das ist eine alte Diskussion, die mit den Maschinenstürmern, einer Protestbewegung in der Industriellen Revolution, begonnen hat: Arbeiter wurden durch Maschinen ersetzt und die wurden daraufhin von den Maschinenstürmern zerstört. Die Frage, die man sich immer wieder stellt, ist: Geht uns die Arbeit aus? Die Reaktionen auf die Frage gehen von „Jö, wir müssen nicht mehr arbeiten“ bis zur Verteilungsproblematik. Denn, wer hat den Erfolg des nicht Arbeitens? Jener, der die Maschine besitzt. Die andere Seite, die dann keine Arbeit mehr hat, ist existenziell bedroht.

Geht uns die Arbeit aus?
Nein. Noch nie haben so viele Menschen gearbeitet wie heute. Der Wandel ist eine Herausforderung. Aber völlig unabhängig ob ich es will oder nicht, er ist nicht aufhaltbar. Wenn man den technologischen Wandel nicht mitmacht, ist man nicht konkurrenzfähig. Es werden nämlich auch Arbeitsplätze verschwinden, wenn der Unternehmer die Maschine nicht kauft, weil dann die Firma nicht überleben wird. Der Wandel vernichtet Jobs, aber es entstehen auch laufend neue Jobs, an die wir nie gedacht haben, zum Beispiel App-Entwickler.
Welche Arbeiten werden in den nächsten Jahren wegfallen?
Es gibt verschiedene Trends: Ökologisierung, Globalisierung, Technologisierung, Tertiarisierung (Umwandlung der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, Anm.) – alle diese Trends erfordern eine höhere Qualifikation. Die Jobs für Niedrigqualifizierte werden sehr schnell weniger. Das Problem ist, dass die freigesetzten Arbeitskräfte nicht auf die neuen Jobs passen.

Da müsste das AMS ansetzen.
Da muss das Bildungssystem, das Bildungsministerium ansetzen und Neugierde, Freude am Lernen, kreatives Denken vermitteln. Die Hälfte unserer Arbeitslosen hat nur einen Pflichtschulabschluss, wir müssen unsere Kurse niedrig ansetzen.

Welche Ausbildung hat Zukunft?
So hart es klingt: Es ist besser, die falsche Ausbildung zu machen als keine. Gut Ausgebildete werden es immer leichter haben – für alle anderen kann es schwierig werden.

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