Wirtschaft | Karriere
29.08.2016

Reif für den Neuanfang

Wer im zweiten Anlauf den richtigen Job finden will, muss einige Hürden nehmen: der Einstieg erfolgt auf der untersten Stufe, finanzielle Abstriche sind üblich. Warum es sich dennoch lohnen kann.

"Should I stay or should I go?" fragen sich viele Mitarbeiter. Laut OECD steckt in Deutschland jeder Vierte im falschen Job, für Österreich gilt wohl eine ähnliche Quote. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele schlagen von Anfang an nicht die für sie passende Richtung ein, nehmen den erstbesten Job an – mit dem sie sich zunächst arrangieren. Andere hören auf Eltern und Freunde, aber viel zu wenig darauf, was ihnen wirklich liegt und sie interessiert. Auf der anderen Seite mangelt es an individueller Berufsberatung. Die Folge in vielen Fällen: Tiefe Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation, mit der eigenen Rolle im Betrieb und echte Überwindung vor jedem neuen Arbeitstag.

Es ist fast nie zu spät

Doch es ist (fast) nie zu spät. Auch noch nach Jahren der Spezialisierung auf eine bestimmte Nische kann man sich beruflich neu orientieren. Manchmal reicht es, an kleinen Schrauben zu drehen: Der Wechsel in eine andere Abteilung oder die Neuverteilung von Aufgaben – und der Arbeitnehmer ist wieder motiviert. Fast nie macht es Sinn, alles hinzuschmeißen und eine Bar in Mallorca zu eröffnen. Die Entscheidung für einen Umstieg ist keine Laune, sondern reift meist über viele Jahre. Wenn es so weit ist, sollte man sich gut vorbereiten, Fachveranstaltungen besuchen, Menschen in dem konkreten Bereich kontaktieren und Beratungsgespräche oder Coachings in Anspruch nehmen. Was jedem Quereinsteiger klar sein muss: Das Gehalt verändert sich mit einem Wechsel meist nach unten, da man wieder von vorne startet. Der Weg wird steiniger und schwieriger, je länger man vorher einen Job ausgeübt hat. "Wer ein gewisses Gehaltsniveau erreicht hat, will davon wahrscheinlich nicht mehr runter. Es benötigt Mut, seine Komfortzone zu verlassen", sagt die Personalberaterin Manuela Lindlbauer. Doch es hängt auch von der Branche ab, wie gut der Umstieg gelingt. "Ein guter Sales Manager wird sich in verschiedenen Branchen bewähren können. Auch die Kenntnisse von Online-Marketing-Spezialisten werden in verschiedenen Bereichen gesucht", nennt Lindlbauer Beispiele. "Schwieriger ist es in Berufsfeldern, die ein sehr enges Fachwissen verlangen, wie in der Medizintechnik."

Der Neuanfang ist eine finanzielle Belastung

Oft verharren Betroffene im ungeliebten Job, weil sie sich einen beruflichen Neuanfang finanziell nicht leisten können. Unterstützung für Ausbildungen gibt es beim AMS und beim waff. Das Change-Programm des AMS ist spezialisiert auf Berufstätige mit Veränderungswunsch in Branchen, wo viele offene Stellen zu besetzen sind. Da in Wien viele Kindergärtner gesucht werden, übernimmt die Stadt die Ausbildungskosten und gibt auch eine Jobgarantie. Konkret geht es um die fünfsemestrige Ausbildung zum diplomierten Kindergartenpädagogen im BAKIP-Kolleg. Jeder ab 18 Jahren kann sich dafür bewerben, es gibt keine Altersgrenze. Matura, Berufsreifeprüfung oder Studienberechtigungsprüfung sind Voraussetzung. Der waff wiederum unterstützt berufstätige Frauen, die umsteigen wollen – in welche Richtung, bleibt ihnen überlassen. "Den Betroffenen wird ein Coach, der sie bezüglich der beruflichen Neuorientierung berät, zur Seite gestellt", sagt Gabriele Philipp vom waff. Bis zu 90 Prozent der Ausbildungskosten, höchstens 3700 Euro, werden gefördert, allerdings darf das Einkommen 1800 Euro netto im Monat nicht überschreiten. In vielen Fällen sind die Betroffenen in der neuen Branche besser aufgehoben, wie die Beispiele von Katrin Gamper und Simon Widén (siehe Artikel rechts) zeigen. Und viele Arbeitgeber schätzen die Erfahrungen, die Quereinsteiger im bisherigen Berufsleben gemacht haben.

Von 20 bis 30 Jahren

Im diesem Alter beruflich umzusatteln ist nicht ungewöhnlich. Noch ist es nicht zu spät für Plan B oder C. In dieser Altersgruppe sind viele noch ungebunden und kinderlos und eine berufliche Kurskorrektur noch einfach umzusetzen. Das zeigt auch das Beispiel von Katrin Gamper. Sie hat Archäologie studiert, nach dem Studium hat die 28-Jährige projektbezogen gearbeitet. Auf diese Weise hat sie nie ausreichend verdient, da es ihr nicht gelungen ist, eine dauerhafte Anstellung zu bekommen. Mithilfe des waff hat sie sich zur Konditorin umschulen lassen und den Lehrabschluss gemacht. Heute arbeitet sie in der Kurkonditorei Oberlaa und hat im Juni ihre Meisterprüfung erfolgreich abgelegt. Ihr Ziel: Sie will sich als Zuckerbäckerin selbstständig machen.

Von 30 bis 40 Jahren

Obwohl man schon einiges an Arbeitserfahrungen gesammelt hat, hat man noch 25 bis 35 Berufsjahre vor sich. Allerdings sind die Kinder vielleicht noch klein, wer in dieser Situation dann auch noch Alleinverdiener ist, kann eine finanzielle Durststrecke schwer verkraften. Dass es klappen kann, zeigt das Beispiel von Simon Widén. Er hat Politikwissenschaften studiert und anschließend zehn Jahre lang als Rezeptionist in einem Hotel gearbeitet, nebenbei als Pfadfinderführer kleine Kinder betreut. Dabei ist der Plan in ihm gereift, die Ausbildung zum Kindergärtner – finanziell unterstützt durch die Stadt Wien und das AMS – zu absolvieren. Seit drei Jahren arbeitet er nun in einem Kindergarten in Ottakring – und ist beruflich angekommen.

Mit 50 Jahren

Wer in diesem Alter die Branche wechselt, muss deutliche finanzielle Abstriche in Kauf nehmen. Dafür hat man aber die Chance, noch einmal etwas Neues zu lernen – und eine berufliche Herausforderung anzunehmen. Vielleicht hat man in diesem Alter einen finanziellen Polster angespart. Dieser erleichtert es, den Mut für einen beruflichen Neuanfang aufzubringen – trotz vieler finanzieller Verpflichtungen wie Familie, Ratenzahlungen für das Haus und vieles mehr. „Wenn man bereit dazu ist, für den Quereinstieg die Extrameile zu gehen, dann ist es nie zu spät, auch die erforderliche Ausbildung nachzuholen“, betont Personalberaterin Manuela Lindlbauer. Das gelingt vor allem dann, wenn es sich nicht um ein Medizinstudium handelt, sondern um einen Kurs oder Kurz-Lehrgang.