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Hintergrund
02/23/2015

Rebellen sind unerwünscht – aber ein Gewinn

Querdenker werden häufig mit Querulanten gleichgesetzt. Ein Fehler, sagen Experten.

von Nicole Thurn

Bei Auftritten trägt er stets ein magentafarbenes T-Shirt und Lederjacke, eine Red-Bull-Dose in der Hand und deftige Worte auf den Lippen. Dann tituliert er Mitbewerber gern als "gierige Bastarde" – und die Mobilfunk-Branche als "kaputt und arrogant". John Legere, CEO von T-Mobile US, geriert sich PR-trächtig als Rebell. Als er 2012 an die Spitze des Konzerns kam, rührte er die Branche kräftig mit seinem Geschäftsmodell um.

Diese Art von Rebellentum kommt bei den Kunden gut an. Doch sind provokante Attacken auch gut für die Karriere?

Dem Anschein nach – ja. Denn wer Regeln bricht, wirkt mächtiger, auch wenn er es nicht ist. Das ergaben Experimente des niederländischen Sozialpsychologen Gerben Van Kleef. Er konfrontierte Hunderte Teilnehmer mit Regelbrechern, die es mit der Buchhaltung nicht so genau nahmen, Kellner anstänkerten oder sich, ohne zu fragen, an der Kaffeemaschine bedienten. Das Fazit: Die Regelbrecher wurden als mächtiger bewertet als der brave Rest – weil sie taten, was sie wollten. Ihnen wurde zugetraut, Entscheidungsträger zu sein, Einfluss zu haben und Mitarbeiter zu führen.

Armee der Angepassten

Trotzdem erzeugt die Saturiertheit der Wohlstandsgesellschaft zunehmend Angepasstheit. Wer gut lebt, hat wenig Willen zur Veränderung. Hinzu kommt in der Arbeitswelt: Narzisstische Chefs – eine laut Experten weit verbreitete Spezies – sammeln gern schleimende Ja-Sager um sich, die ihren Zielen dienen. Wer dem Chef in spe im Bewerbungsgespräch Komplimente macht, hat eher Chancen auf den Job, fanden die US- Wirtschaftswissenschaftler Chad Higgins und Timothy Judge, heraus.

Andererseits wäre Unternehmertum ohne Rebellen kaum denkbar. Der Jenaer Psychologe Martin Obschonka fand in einer groß angelegten Studie heraus, dass rebellische Jugendliche später eher Unternehmen gründen als ihre braven Zeitgenossen. Rebellisches Verhalten gehe mit Mut einher – und den bräuchten Unternehmer zuhauf. Das bestätigt der deutsche Personal-Vordenker Jörg Knoblauch: "Viele Manager und Unternehmer haben in jungen Jahren über die Stränge geschlagen", sagt er. Doch spätestens im Alter von 28 sei es in der Regel mit der Rebellion vorbei – die größere Verantwortung im Job verlange nach Anpassung.

Offen für Andersdenker sind Unternehmen nach wie vor selten. Rebellen reduzieren die Angepasstheit von Gruppen, wie psychologische Experimente zeigen – eine Bedrohung für die unternehmerische Ordnung. "Je größer die Firmen, desto mehr Probleme haben sie mit Querdenkern", sagt Jörg Knoblauch. In vier von fünf deutschen Unternehmen ist laut der aktuellen Studie "Innovationskultur" ein Regelbruch sogar "in begründeten Ausnahmefällen" nur "sehr eingeschränkt" möglich. Sogar in den Innovations-Abteilungen macht man lieber Dienst nach Vorschrift. Ein weiteres Ergebnis: Querdenker würden häufig mit Querulanten gleichgesetzt. Dabei könnten sie als Mitarbeiter durchaus ein Gewinn für Unternehmen sein. Denn die sind einem zunehmenden Innovationsdruck ausgesetzt – und umwerfende Ideen kommen selten von angepassten Ja-Sagern.

In der neuen Arbeitswelt dürfte die Ära der angepassten Konzernsoldaten ohnehin bald vorbei sein. In sich selbst organisierenden Teams sind künftig Eigeninitiative und unternehmerisches Denken gefragt – und das verlangt Streitbarkeit, die Fähigkeit, mit Konflikten offen umzugehen und Durchsetzungskraft.

Den Unangepassten rät Experte Jörg Knoblauch: "Lasst euch nicht die Schneid abkaufen, behaltet euch eure Klarheit, euer Rebellentum." Gefällt das dem Unternehmen nicht, bleibt nur eines: Sich ein geeigneteres zu suchen.

„Ich will für falsche Götter keine Fahne schwenken“

Als sozialistischer Schüler-Aktivist organisierte der Deutsche Thomas Sattelberger Proteste gegen das Establishment. Nach Stationen bei Daimler und der Konzerntochter MTU war er Personalvorstand bei der Lufthansa, bei Continental und der Deutschen Telekom, wo er die 30-Prozent-Frauenquote initiierte. Heute engagiert er sich für die Initiative Neue Qualität der Arbeit, ist Aufsichtsratschef von Faurecia Automotive. Seine Autobiografie „Ich halte nicht die Klappe“ (Ecowin) ist soeben erschienen. In Wien war er am Montag bei den „Alpbach Talks“ zu Gast.

KURIER: Ihre Biografie heißt: „Ich halte nicht die Klappe“. Steckte der Rebell schon immer in Ihnen?
Thomas Sattelberger: Als Siebzehnjähriger war ich beim USA-Aufenthalt mit der Antikriegs- und Hippiebewegung konfrontiert. Ich trug als Einziger an der US-Schule einen Anti-Vietnamkrieg-Button. Der Direktor befahl, ihn abzunehmen – ich sagte nein. Bei solchen Themen wollte ich den Mund nicht halten.

Sie wechselten vom sozialistischen Aktivismus zu Daimler. War das nicht Teil des Establishments, gegen das Sie zuvor kämpften?
Ich war einer von ein paar Tausend Aktivisten, am Ende war es ein ideologisches Gefängnis, wir mussten abends Mao-Tse-Tung lesen. Als ich zu Daimler ging, befreite ich mich. Ein zweites Mal tat ich das, als ich 20 Jahre danach dem späteren Daimler-Benz CEO Schrempp kündigte. Das taten damals nicht viele. Er war ein Despot und betrieb eine zunehmend unglaubwürdige Firmenpolitik.

Viele Menschen arrangieren sich mit nervigen Arbeitsbedingungen.
Ich kann und will für falsche Götter keine Fahne schwenken. Auf einer Betriebsversammlung sagte ich ihm einmal, wir sind ein Sanierungsfall. Daraufhin wurde er rot und schrie mich an: Ich führe keine Sanierungsfälle! Niemand darf dem Kaiser sagen, dass er ganz nackt auf dem Pferd sitzt.

Bei der MTU unterbrachen Sie den Vorstandschef, was Sie die Chance auf den Job als Hauptabteilungsleiter kostete. Haben Sie das bereut?
Ich unterbrach ihn, nachdem er 45 Minuten über seinen Hund monologisiert hatte. Als mir die Beförderung verwehrt wurde, dachte ich, ich bin standesrechtlich erschossen. Ich habe gelitten wie eine Sau, bereut habe ich es nie. Dass der über seinen Hund redet, während die Teilnehmer des Führungskräfteprogramms über Führung diskutieren wollten – diesen Preis wollte ich nicht zahlen.

Wie diplomatisch muss man für eine Karriere sein?
Ich bin kein gutes Lernmodell. Ich wollte nie nur Manager werden, sondern verändern. Die Vorstandsfunktionen waren für mich Gestaltungschance. Ich nahm nicht jeden Kampfschauplatz wahr – zu 90 Prozent passte ich mich an. Doch bei kritischen Themen, wo es an meine Werte, Überzeugungen Identität ging, war es mir wichtig. Es ist wichtig, sich nicht zu sehr zu verbiegen.

Wann haben Sie sich verbogen?
Bei der drohenden Conti-Werksschließung in Hannover war ich feige, brauchte lange, um dem Vorstandschef zu sagen, so nicht. Das war für mich mit 57 eine existenzielle Situation. Viele Manager haben eine blinde, naive Loyalität zur Firma. Sie ist für sie wie eine Mutter.

Sie gelten als durchsetzungsfähig und konsequent, aber auch als kompromisslos, rücksichtslos und ruppig. Keine angenehmen Eigenschaften für Mitarbeiter?
Ich würde mich nicht als tollen Hecht in der Mitarbeiterführung bezeichnen. Note: drei minus bis drei plus. Ich war ein extrem fordernder Chef, der die Veränderungsaufgabe in den Mittelpunkt gesetzt hat. Ich war hart im Stil, habe nicht gesagt, „Sie Vollidiot“, aber „Sie haben Mist gebaut“ – nicht unbedingt der Stil geschliffener Konzerne.

Wurde das geduldet, weil Sie fachlich gut waren?
Nein. Mein Vorstandschef bei der Lufthansa mahnte mich, ich solle mein schwäbisches Temperament zügeln. Ich bin angeeckt, habe aber unverblümt die Wahrheit gesagt, Missstände, Verlogenheit klar angeprangert. Denn gegen die herrschende Realität auf leisen Pfoten vorzugehen, führt nicht weit.

Sagen Sie deshalb, in den Chefetagen sollte es mehr Rebellen geben?
Ja. Das Verhalten wird normiert – auch über das Bildungssystem. Wir werden langsam zu dressierten Affen. Die Wahrheit kommt nicht mehr auf den Tisch. Man hat eine vordergründig politisch korrekte Kultur, im Hintergrund aber Zwistigkeiten, Ränkespiele und Intrigen. Doch ein Unternehmen, das Verhaltensregeln nach der katholischen Kirche schafft, haut nicht hin. Ich bin für mehr Ehrlichkeit und Authentizität. Querdenker oder -handelnde sind nun mal nicht pflegeleicht. Wie willst du Nerds in die Konzernkultur bekommen, wenn sie erst den Messer-und-Gabel-Test bestehen müssen?

Haben Sie Rebellen rekrutiert?
Ja, ich habe die jungen Leute ermuntert, für ihre Ideen und für ihr Recht einzutreten. Ich habe sie immer gefragt: Habt ihr genügend Freiheiten? Die Firmen müssen Schutzräume bieten.

Was raten Sie jungen Leuten?
Viele fügen sich mit Ergebenheit in ihr Schicksal. Ich rate, sich alle halben Jahre zu fragen: Bin ich dem, was ich tun wollte, ein Stück näher gekommen? Die Bilanz halte ich für wichtig.

„Angepasste Fredericks schleichen an die Spitze“

Der österreichische Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier appelliert in seinem heute erschienenen Buch „Verleitung zur Unruhe“ (ecowin) an die Jugend, rebellischer zu sein.

KURIER: Sie sagen, die Jugend ist angepasst. Wie kommen Sie darauf?
Bernhard Heinzlmaier:
Ortega Y Gasset hat schon vor fast hundert Jahren darauf hingewiesen, dass der historische Rhythmus abwechselnd Jugend- und Altersepochen hervorbringt. In den 1960ern haben wir eine Kampfgeneration erlebt. Heute leben wir in einer Altersepoche, einer Zeit, in der die Alten und ihre überkommenen Ideen in Politik, Wirtschaft und Kunst das Steuer in der Hand haben und sich die Jugend gerne den greisen Menschen und ihren Ideen unterwirft. Bestes Beispiel dafür sind die Schulen und Universitäten, vor allem aber die Fachhochschulen, in denen die Kommandopädagogik der Greise herrscht. Zackig werden Inhalte vermittelt und dann abgeprüft. Selbstdenken und Kritik ist dort unerwünscht. Wer mit dieser Grundhaltung Karriere zu machen versucht, der macht Karriere durch Anpassung.

Wie sieht das dann aus?
Die angepassten „Fredericks“, der adrette Durchschnitt, schleichen fast unbemerkt in modisches Tuch gehüllt an die Spitze von Politik und Wirtschaft. Das Einzige, was diese Leute wirklich können, ist, sich gut anzuziehen und zu lächeln. Sie sind der biedere Anhang von Angela Merkel und François Hollande, genau so wie sie, dezent bis zur Unauffälligkeit, immer bereit sich wegzuducken und niemals bei der Artikulation einer eigenen Meinung zu erwischen. Die Mehrheit ist vergreist und bürgerlicher als ihre bürgerlichen Großeltern.

Was hat der Rebellionsgeist der 1968er für Gesellschaft und Arbeit gebracht?
Zum Beispiel, dass die alten Nazis geoutet wurden, die sich klammheimlich wieder in Entscheidungspositionen von Politik und Wirtschaft gebracht hatten. Durch die 1968-Bewegung ist es aber auch zu einer Hinterfragung der „protestantischen Ethik“ in der Arbeitswelt gekommen. Die Arbeit wurde nicht mehr als puritanische Pflicht hingenommen, die man ohne Murren zu absolvieren hatte. Mit einem Mal trat an Stelle des Mottos „Wir leben, um zu arbeiten“ dessen Umkehrung. Arbeiten, um sich eine selbstverwirklichte, individualistische Existenz finanzieren zu können. Das war das vorübergehende Ende der „arbeitszentrierten“ Gesellschaft. Das dominierende Lebensideal war eher das des hedonistischen Aussteigers, als das des pflichtbewussten Malochers.

Wie sehen Sie das heute?
Heute sind wir zurück in der Arbeits- und Leistungsgesellschaft. Die Arbeit ist wieder Zentrum des Lebens und der persönlichen Identitätskonstruktion der Menschen. Die Menschen sind heute wieder gerne Sklaven der Arbeit, vor allem die Jugend. Sie unterwirft sich einer Start-up- und Gründerideologie, die im massenhaften Burn-out und in der Zerstörung der letzten Reste von Humanität gipfelt.

Inwiefern sollten junge Menschen in der Karriere unangepasster sein?
Der französische Philosoph Montaigne meinte, dass man seine Arbeit gut, aber nicht zu gut machen sollte. Also, dass man sich niemals mit der Arbeit überidentifizieren und sich immer ein persönliches Hinterzimmer offenhalten sollte. Mehr denn je ist es heute wichtig, den jungen Menschen klarzumachen, dass Karriere alleine nicht der Weg ins Glück bedeutet. Beruflicher Erfolg kann ein Element der Lebenszufriedenheit sein, aber es ist auch ein gelungenes privates Leben notwendig, um Sinn und Erfüllung zu finden.

Sie sagen, man soll intelligent rebellieren – wie geht das?
Wenn man als Einzelkämpfer losstürmt und dem Chef die eigene Wahrheit ins Gesicht schreit, dann wird man wohl scheitern. Also würde ich empfehlen, sich mit anderen zusammenzuschließen. Und es sind auch subversive Strategien gefragt. Also wenn ich drauf komme, dass mein Arbeitgeber Billiglohnsklaven in Pakistan beschäftigt, dann würde ich nicht mit dem Chef sprechen, sondern die Öffentlichkeit über soziale Netzwerke einschalten – so, dass keiner merkt, dass ich der Whistleblower bin.


Was raten Sie jungen Menschen, die Karriere machen wollen?
Ich würde niemandem zur Karriere raten. Ich glaube, dass die Karriere-Ideologie eine Unterwerfungs-Ideologie ist. Der ganze Mensch soll der ökonomischen Verwertung zugeführt werden. Abgesehen davon würde ich jungen Menschen dazu raten, dass Optimum für sich aus ihrem Arbeitsverhältnis herauszuholen, sich nicht zu sehr mit dem Unternehmen zu identifizieren.

Warum nicht?
Man sollte sich in der Arbeit niemals emotional binden, denn dadurch verliert man den nüchternen Blick auf den eigenen Vorteil. Dann muss man auf jeden Fall seinen Marktwert kennen. Junge Leute am Arbeitsmarkt sollten sich unternehmerischer verhalten als die Unternehmer selbst. Nur: Gehört man zur Massenware am Arbeitsmarkt, dann hat man diese Möglichkeiten nicht. Dann muss man sich eben nach außen hin anpassen. Dann hat man immer noch die Freiheit, seinen Geist freizuhalten von den Ideologien der Management- und Motivationstrainer.

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