Wirtschaft | Karriere
24.02.2018

Rauchpause im Job: Gibt es dicke Luft?

Dicke Luft am Arbeitsplatz: Vier Unternehmen zeigen, wie sie mit dem Thema umgehen.

Der Konsum von Zigaretten ist eine Sucht, der passionierte Raucher regelmäßig nachgehen müssen. Weil in Unternehmen meistens Rauchverbot herrscht, sind Raucher gezwungen, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, um an die Zigarette zu kommen. Je nach Suchtpotenzial kann das stündlich oder sogar halbstündlich notwendig sein. Rauchpausen, die Nichtrauchern fremd sind.

Sollen Raucher ihrem Laster überall nachgehen dürfen? Wie sollen Nichtraucher geschützt werden? Diese Frage beschäftigt aktuell ganz Österreich. Während die Regierung an einem neuen Rauchergesetz feilt, das Gastronomen freistellt, ob sie Raucherbereiche wollen oder nicht, sammelte die Ärztekammer mit der "Don’t smoke"-Initiative mittlerweile weit mehr als 300.000 Stimmen gegen eine Aufweichung des Nichtraucherschutzes. "Wir sind eines der letzten Länder der EU, wo es kein Rauchverbot gibt", so Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer zum KURIER. "Wir verurteilen nicht Raucher, sondern wollen Gastronomie-Mitarbeiter schützen."

Die Rollen in der Debatte sind klar verteilt: Ein Viertel der Österreicher raucht laut Statistik Austria täglich, fünf Prozent gelegentlich, ein Viertel hat mit dem Rauchen aufgehört, 45 Prozent sind Nichtraucher. Während der Raucheranteil in den meisten Ländern sinkt, tut sich in Österreich wenig, zeigt der "Health at a Glance"-Bericht der OECD.

Wie gehen Firmen mit dem Thema um?

Auch in Arbeitsstätten prallen die Bedürfnisse von Rauchern und Nichtrauchern aufeinander. Rechtlich müssen Arbeitgeber dafür sorgen, dass Nichtraucher vor dem Qualm geschützt werden. Sobald Nichtraucher und Raucher in einem Zimmer sitzen, ist Rauchen untersagt. Das gilt auch für alle Räume, wo sich Kunden aufhalten. In Werkshallen darf hingegen geraucht werden, wenn nicht mit gefährlichen Arbeitsstoffen hantiert wird.

Ein umstrittenes Thema ist die Rauchpause während der Arbeit. Klar ist: Raucher haben kein Recht darauf. Arbeitgeber können ein generelles Rauchverbot aussprechen. Mitarbeiter dürfen dann nur in der gesetzlichen Pause, das sind 30 Minuten nach sechs Stunden Arbeit, ihrem Laster nachgehen. Doch wie handhaben das die Firmen? In mehr als zwei Dritteln der Unternehmen wird geraucht, nur ein knappes Drittel untersagt Rauchen am Arbeitsplatz, so eine Erhebung von Spektra. In der Praxis nehmen die meisten Betriebe Rauchpausen der Mitarbeiter stillschweigend hin, nur wenige sind gänzlich rauchfrei. Manche Betriebe bieten Raucherzimmer an, andere ziehen die Rauchpausen von der Arbeitszeit ab. Mitarbeiter müssen dann mehrmals am Tag für die Dauer einer Zigarette ausstempeln. "Werden trotz berechtigter Anordnung des Arbeitgebers beharrlich Rauchpausen gemacht ohne auszustempeln, kann dies einen Entlassungsgrund verwirklichen", sagt Nicolaus Mels Colloredo, Partner bei PHH Rechtsanwälte. Zwar wird es von den Kollegen meist toleriert, dass Raucher regelmäßig ihren Arbeitsplatz verlassen. Doch immer öfter wird die Arbeitszeit, die ein Teil der Belegschaft mit Rauchen verbringt, zum Thema. Denn Raucher sind öfter krank als abstinente Kollegen – nämlich drei Tage mehr im Jahr – und aufgrund der Rauchpausen auch weniger produktiv. Für jede Zigarette fallen rund 15 Minuten Arbeitszeit weg, bei vier Zigaretten am Tag macht das eine ganze Stunde. Ein Raucher kostet dem Unternehmen deshalb rund 4612 Euro mehr pro Jahr als ein Nichtraucher, so das Ergebnis einer Studie der Ohio State University. Doch die Kurzpausen, die Raucher mehrmals am Tag brauchen, brauchen sie für ihre Produktivität, so das Ergebnis einer Studie der Uni Zürich. Und die inoffiziellen Meetings in der Raucherecke fördern den verbalen Austausch.

Entwöhnungsprogramme

Immer mehr Betriebe unterstützen Mitarbeiter durch Entwöhnung-Programme, so sie mit dem Rauchen aufhören wollen. Andere vergeben Sonderprämien an Nichtraucher – auch das ist ein indirekter Anreiz, die Zigarette für immer zu entsorgen. So belohnt der deutsche Reiseveranstalter Alltours Nichtraucher mit 250 Euro Prämie pro Jahr. Ein Marketingunternehmen in Tokio schenkt den Nichtrauchern sechs zusätzliche Urlaubstage. Die Aktion trägt bereits Früchte: Vier Mitarbeiter haben seither mit dem Rauchen aufgehört.

Vier Unternehmen zeigen, wie sie mit dem Thema umgehen

Rauchverbot bei Sandoz: Geraucht wird bei der Generikafirma nur in der PauseRauchen ist auf dem Produktionsgelände von Sandoz verboten. Mitarbeitende können in den Ruhepausen außerhalb des Firmengeländes an dafür eingerichteten Plätzen rauchen. „Wir setzen seit Jahren auf aktive Unterstützung zur Raucher-Entwöhnung im Rahmen des konzernweiten ‚Be healthy‘-Programms für Gesundheit und Wohlbefinden“, so Sandoz.

Gehalts-Bonus bei Dolphin: Mitarbeiter, die nicht mehr rauchen, werden belohnt Mehr Gehalt für jene, die mit dem Rauchen aufhören: Diese Aktion hat Dophin Technologies 2007 gestartet und jenen, die es geschafft haben, 100 Euro im Monat mehr gezahlt. „Mitarbeiter, die seit dieser Zeit noch bei uns ist, bekommen das immer noch“, sagt Chef Harald Trautsch. Raucher sind im Betrieb in der Minderheit und müssen vor die Tür, wenn sie ihrem Laster frönen.

Rauch im Hof bei der Telekom: Rauchentwöhnung, wenn Mitarbeiter das wollen„Bei A1 herrscht in allen Büros Rauchverbot. Für Rauchpausen gibt es Innenhöfe mit Überdachungen. Die Dauer der Pausen obliegt den KollegInnen. Wir unterstützen alle, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Dafür haben wir die Gesundheits-Initiative „Fit im Job“, die auch mit Raucherentwöhnungsprogrammen zur Seite steht“, sagt Sprecherin Sigrid Bachinger.

Entwöhn-Hilfebei REWE: Strenge Regeln und Hilfe bei der Entwöhnung „REWE gestattet das Rauchen in Raucherkabinen. In unseren Filialen ist das Rauchen in den Verkaufsräumen strikt untersagt. Auch in den Aufenthaltsräumen sind Mitarbeiter angehalten, nicht zu rauchen. Im Rahmen unserer betrieblichen Gesundheitsförderung bieten wir Entwöhnungsprogramme an“, sagt REWE-Sprecher Paul Pöttschacher.

Psychiater, Künstler und Top-Manager diskutieren über leistungssteigernde Drogen

Sucht ist nichts Abstraktes, jeder Mensch hat süchtige Anteil in sich“, erklärt der Innsbrucker Psychiater und Suchtexperte Reinhard Haller. „Pest und Cholera sterben als Krankheit aus. Angst und Depression sind heute die Volkskrankheiten. Aber Süchte sind stark im Kommen, stehen schon an dritter Stelle der häufigsten Erkrankungen“, erklärt der Fachmann. Das Fatale an einer Sucht: „Man kann sich nicht in die goldenen Hände der Ärzte begeben, sich mit Medikamenten gesund machen lassen. Eine Sucht kann man nicht heilen, man kann sie nur selbst beherrschen.“

Diskussion

Die Ausführungen von Reinhard Haller standen am Anfang einer spannenden Diskussion an der Sigmund Freud PrivatUniversität vergangene Woche. Die Top-Manager Hans Peter Haselsteiner (Strabag) und Janet Kath (Interio) diskutierten mit Sänger und Künstler Konstantin Wecker und ORF-Journalist und Coach Elisabeth J. Nöstlinger-Jochum über Süchte. Solche nämlich, die leistungsgetriebene Menschen funktionieren lassen, wie etwa Alkohol (bis zu einem gewissen Grad) oder aufputschende Medikamente.

Hans Peter Haselsteiner, dessen Strabag-Konzern 75.000 Menschen beschäftigt, sieht das Problem Sucht als eines, das auch den Arbeitgeber tangieren muss. „Bei unserer Betriebsgröße haben wir alles im Unternehmen – alle Formen von Sucht, sogar Mörder. Ich glaube, wir müssen ein entspannteres Verhältnis zur Sucht finden. Die auf Leistung getrimmte Gesellschaft ist brutal und scheidet ‚Schwache‘ sofort aus“, kritisiert Haselsteiner. In seinem Konzern würden Menschen mit einem gravierenden Suchtproblem eine Freistellung bekommen, mit einem Wiederkehrrecht in den Job. „Weil man kann diesen Menschen nicht die letzte Konstante, ihre Arbeit, nehmen“, sagt Haselsteiner.

Künstler Konstantin Wecker, dessen Sucht nach „dem Antidepressivum Kokain“ in den 1990er-Jahren für Aufsehen sorgte, will den Unterschied des Drogenkonsums von früher zu heute wissen: „Damals hatte das nichts mit der Arbeit zu tun. Wir wollten uns selbst spüren, das innere Paradies finden, das uns ohne Drogen verwehrt geblieben wäre.“ Damals haben ihn die Drogen für Monate ins Gefängnis brachte: „Das war meine Rettung“, sagt Wecker, „sonst wäre ich an den Drogen gestorben.“ Heute würde man Drogen nehmen, um die Leistung zu steigern, um etwas an sich zu verbessern.

Ärzte besonders gefährdet

Tatsächlich hätten Leistungsträger ein größeres Suchtpotenzial. Laut Psychiater Reinhard Haller gibt es fünf Prozent Süchtige in der armen Bevölkerung, zwölf Prozent unter den Führungskräften und 70 Prozent unter Ärzten. Auch unter Piloten sei der Suchtanteil besonders hoch. Die Gründe: Leistungsdruck. Und: Wir haben heute ein unglaublich großes Angebot und eine hohe Verfügbarkeit von Drogen. „Der größte Superstar unter den Drogen ist der Alkohol. Der kann viel, ist überall zu haben, gesellschaftlich akzeptiert und auch nicht nur schlecht“, sagt Haller. Suchtmittel würden zuerst entspannen und kreativ machen. Die Sucht beginne dort, „wo ich das Suchtmittel nicht mehr beherrsche, wo das Suchtmittel mich beherrscht“.