Wirtschaft | Karriere
07.04.2017

Nur die Lauten machen Karriere? Mitnichten

Oft setzen sich nicht die Besten durch, sondern die Lautesten. Doch das Zeitalter der Zurückhaltenden beginnt, ist Karriereberater Martin Wehrle überzeugt.

Das Ideal unserer Zeit sind Selbstdarsteller, laute, selbstbewusste und extrovertierte Menschen. Wir leben in einer Lärmgesellschaft. Jene, die etwas stiller sind und lieber nachdenken, bevor sie etwas sagen, haben es schwerer. Doch mittlerweile gibt es eine Gegenbewegung. "Menschen, die sehr laut ihre Leistungen anpreisen, bekommen zunehmend Schwierigkeiten", sagt Martin Wehrle, Deutschlands bekanntester Karriereberater, Buchautor und Journalist. Es geht zum Beispiel nicht mehr, dass man bei einem Unternehmen verbrannte Erde hinterlässt und sich dann bei der nächsten Firma wieder als Superguru verkauft. "Denn heute holt die Vergangenheit die Menschen ein, dafür sorgt das Internet", ist Wehrle überzeugt. Kluge Unternehmen neigen dazu, Leistungen den Vorzug zu geben. Sie haben erkannt, dass Selbstdarsteller nicht die besten Mitarbeiter sind. "Die Unternehmenswelt braucht Menschen, die zuhören, und nachdenken, bevor sie sprechen", so Wehrle.

Stärken ausspielen

In seinem neuen Buch zeigt der Autor, wie leise und introvertierte Menschen beruflich reüssieren können. "Wichtig ist, dass sie auf ihre Stärken schauen und nicht versuchen, laute Kollegen zu imitieren." Bei Meetings setzen sich regelmäßig die lautesten Kollegen durch. Die anderen können durch gute Vorbereitung punkten, etwa indem sie ihre Überlegungen zum Thema notieren und Kopien davon austeilen.

Doch wie kann das beim Vorstellungsgespräche funktionieren? Schließlich wird erwartet, sich und seine Leistungen anzupreisen. "Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich gut positionieren kann, ohne sich selbst auf die Schulter klopfen zu müssen", sagt Wehrle. Die erste: Man holt positiven Aussagen über die eigenen Leistungen von Chefs, Kollegen und Kunden ein und legt sie der Bewerbung bei. Oder: Man lässt Chefs und wichtige Kunden Referenzen schreiben. Der Berater: "Das ist in Österreich und Deutschland unüblich, kommt aber sehr gut an." Wehrle beobachtet, dass bis vor Kurzem selbstbewusstes Auftreten und vermeintliches Fachwissen für ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch ausgereicht haben. Mittlerweile legen Unternehmen jedoch mindestens so viel Wert auf die Persönlichkeit eines Mitarbeiters.

Leise zum Erfolg

Beruflich können auch introvertierte Menschen erfolgreich sein und Karriere machen, wenn sie ihre Stärken gezielt einsetzen. "Denn schließlich ist Arbeit und Leistung in der Regel messbar," betont der Karriereberater. "Ich habe viele Menschen beraten und sie gebeten, Leistungsmappen zu erstellen: Was haben sie für das Unternehmen geleistet, welche Projekte übernommen, welche Kunden zufriedengestellt und welche Einsparungen erzielt? "Das war beeindruckend, was da abgeliefert wurden", so Wehrle. Damit kann man in eine Gehaltsverhandlung gehen oder in das Rennen um eine Beförderung, denn eine Leistungsübersicht macht auf jeden Fall Eindruck. Wer nicht beruflich in der ersten Reihe stehen will, kann auch Einfluss von der zweiten Reihe aus ausüben. Wehrle: "Man muss nicht in den Vertrieb gehen und an Türen klingeln. Man kann zum Beispiel auch im Hintergrund eine Vertriebsstrategie entwickeln, und damit erfolgreich sein."

Buchtipp

Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein: Ein leises Wesen eröffnet ungeahnte Chancen, fürs Leben und für die Karriere – aber nur, wenn Introvertierte ihre speziellen Stärken nutzen: Besonnenheit, Tiefgang und ein gutes Urteilsvermögen. Martin Wehrle zeigt mit amüsanten Anekdoten, Tests und vielen Tipps, wie stille Menschen ihre Trümpfe in einer lauten Welt ausspielen. Ein Plädoyer für mehr Lauterkeit und weniger Lautstärke. Mosaik Verlag, € 15,50