Kletternder Kameramann: Martin Hanslmayr drehte mit David Lama heuer am Masherbrum in Pakistan.

© MARTIN HANSLMAYR

13 Fragen
10/24/2013

Kameramann der Extreme

Martin Hanslmayr filmt auf der ganzen Welt – am liebsten mit Handkamera in den Bergen.

von Nicole Thurn

Er seilte sich zu Sonnenaufgang mit den Huber Buam vom Gipfel des „El Capitan“ im Yosemite Valley ab, verfolgte im Vorjahr David Lamas Freikletterkünste mit der Kameralinse auf dem Cerro Torre in Patagonien. Als Kameraassistent unter der Leitung von Kameramann Wolfgang Thaler filmte er Prostituierte in Bangkok und Bangladesch für Michael GlawoggersWhore’s Glory“, drehte mit Regisseur Ulrich Seidl „Paradies: Liebe“ in Kenia. Kameramann Martin Hanslmayr ist 150 Tage im Jahr auf allen Kontinenten unterwegs. Zehn Filmprojekte dreht der 35-Jährige im Jahr. Demnächst kommt der Abschlussfilm seines Kamerastudiums, „Der Samurai“, ins Kino.

1 Was drehen Sie gerade?

An einem Porträt über David Lama für Servus TV. Morgen fahre ich nach Bozen zum Interview mit ihm und Reinhold Messner. Mit Lama war ich heuer zwei Mal auf Expedition, in Patagonien und Pakistan.

2 Bei der Doku am Cerro Torre: Sind Sie da mitgeklettert?

Nein, das wäre zu gefährlich gewesen. Ich habe vom Boden aus gefilmt, David Lama und sein Kletterpartner Peter Ortner mit der Helmkamera.

3 Wie lief der Dreh bei „Am Limit“ und „Whore’s Glory“?

Bei „Am Limit“ sind wir mit Filmausrüstung auf den Gipfel, haben uns um 6.30 Uhr früh abgeseilt, weil das Licht am schönsten war. Dann haben wir Seillänge für Seillänge bis zum Nachmittag gedreht. Die Protagonisten mussten mehrere Male hochklettern. Bei Whore’s Glory war meist erst um 18 Uhr Drehbeginn. Wir sind in Bars herumgelungert, haben gewartet, dass etwas passiert, dann rief Michael Glawogger: Jetzt geht’s los! Da muss man spontan sein. Und flexibel: In Bangladesch ging während des Interviews mit einer Prostituierten der Strom aus, wir mussten eine Stunde darauf warten.

4 Welche Fähigkeiten brauchen Sie für Ihren Beruf?

20 Prozent ist Kreativität, 50 Prozent Menschenführung und 30 Prozent Technik. Man muss hellwach und offen für neue Ideen sein.

5 Wie viel Vorbereitung?

Das ist projektspezifisch. Der Spielfilm entsteht im Dialog mit Regisseur und Produzent. Für 30 Drehtage braucht man 30 Tage Vorbereitung.

6 Was ist typisch Ihr Stil?

Ich drehe gern mit der Handkamera, damit ist man näher an den Menschen.

7 Was drehen Sie am liebsten?

Ich finde die Mischung spannend, bin auch sehr gern am Spielfilmset, weil da viel für die Kamera getan wird. Bei der Doku hat man das echte Leben mit echten Menschen vor sich. Das ist berührend.

8 Was mögen Sie am Beruf?

Dass ich mit Leuten zu tun habe, das Reisen mit dem Beruf verbinden kann. Ich bin 150 Tage im Jahr unterwegs.

9 Was mögen Sie nicht?

Früh aufstehen. Die Durststrecken als Freiberufler.

10 Wie kommen Sie zu Ihren Projekten?

Über Kontakte, das ist so ein familiäres Ding. Zu „Am Limit“ bin ich als Praktikant bei einer Filmproduktionsfirma gekommen. Pepe Danquart suchte einen kletternden Kameramann. Dort habe ich Kameramann Wolfgang Thaler, meinem Mentor, assistiert. Er hat mich zu „Whore’s Glory“ und Ulrich Seidls „Paradies“ gebracht.

11 Ihr Berufswunsch als Kind?

Tischler. Mein Großvater war Zimmermann.

12 Wieviel verdienen Sie?

850 Euro pro Drehtag für die Kletterkamera, 450 Euro als üblicher Kameramann. Für die zwei Monate mit David Lama heuer in Pakistan waren es 14.000 Euro netto.

13 Welchen Film würden Sie gerne drehen?

Einen österreichischen Spielfilm im Dialekt.

Martin Hanslmayr

1978 im oberösterreichischen Schärding geboren, studierte Martin Hanslmayr an der Uni Salzburg Biologie auf Lehramt. Nebenbei jobbte er als Kameraassistent bei Salzburg TV, er brach sein Studium ab und begann 2004 an der Film- und Fernsehakademie Berlin Kamera zu studieren. Der Kletterer assistierte 2006 Kameramann Wolfgang Thaler für Pepe Danquarts Film „Am Limit“ mit den Extremkletterern Alex und Thomas Huber sowie bei Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie, 2010 und Michael GlawoggersWhore’s Glory“, ebenfalls 2010. Sein Studium schließt er gerade mit dem Film „Der Samurai“ ab, demnächst im Kino und im Februar 2014 auf der Berlinale.

Branche in Zahlen

150 Kameraleute werden vom Verband Österreichischer Kameraleute vertreten.

1976 wurde der Verband gegründet.

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