© Ebner Ebenauer/Christof Wagner

Wirtschaft Karriere
06/15/2019

Marion Ebner-Ebenauer: „Wir geben beide genau die Hälfte“

Die Ebner-Ebenauers arbeiten seit zehn Jahren an der Neuausrichtung ihres Weinguts. Eine Winzerin über ihren Traumjob, den Klimawandel und den Vorteil der Nordlage.

von Sandra Baierl

Sie bezeichnet sich als „Frau mit viel ästhetischem Drang“. Hier am Land müsse immer alles einen Zweck haben. „Manchmal aber ist etwas einfach nur schön – das reicht.“ Marion Ebner-Ebenauers Sinn für das Schöne ist überall im Poysdorfer Weingut eingearbeitet. Die Flaschen, die Etiketten, der Salon, der Weinkeller, sogar der Honig aus den Weinbergen: alles edel und geschmackvoll.

„Das schöne Handwerk muss man hochhalten“, ist Marion Ebner-Ebenauer überzeugt. Das gelte vor allem auch im modernen Weinbau. In Poysdorf, mit seinen rund 50 Winzern, gebe es nur noch zwei, die Handernte betreiben – sie selbst und das Weingut Taubenschuss. Alle anderen würden die Trauben mit Maschinen von den Reben rütteln. „Man muss sich das mal vorstellen: man hegt die Weintrauben ein Jahr lang – und bei der Ernte greift man sie nicht einmal mehr an. Wo kommen wir da hin?“

An der Grenze

Die Weinorte Poysdorf und Falkenstein waren immer schon bekannt für den Grünen Veltliner. Weil das Klima hier besonders ist: nördlich, kühl, die Böden vom Kalk geprägt. Das lässt mineralische Weine entstehen. Dass es Marion Ebner, Wienerin und Kind einer Wirtin, gerade hierher ins nördliche Weinviertel an die tschechische Grenze verschlägt, hätte sie selbst nie gedacht. Wobei: Winzerin werden, diesen Wunsch gab es schon sehr früh.

Ehemann Manfred Ebenauer und sie haben vor zehn Jahren begonnen, den Betrieb mit sieben Hektar zu bewirtschaften. Jetzt stehen sie bei 16 Hektar, bis Jahresende sollen es 20 werden. Im internationalen Vergleich ist das klein, wobei: „Es gibt im Burgund Winzer, die von zwei Hektar gut leben können“, sagt Marion Ebner-Ebenauer.

Am Anfang stand die knallharte Analyse: Was haben wir? Welche Reben, welche Böden, was ist an Infrastruktur da? Es wurde so gut wie alles niedergerissen, so gut wie alles erneuert. Das habe anfangs alle Kunden gekostet, nur eine einzige Dame sei geblieben. „Wir haben das alles nur geschafft, weil wir beide totale Freaks sind“, scherzt sie.

Wie Marion Ebner-Ebenauer Winzerin wurde und wie sie die Reben vor Trockenperioden schützt, lesen Sie hier im Interview:

KURIER: Woher wissen Sie als Wiener Wirtshauskind, wie man ein Weingut betreibt?

Marion Ebner-Ebenauer: Stimmt, ich bin ein Gastro-Kind, meine Mutter hatte ein wildes Beisl im Gemeindebau in Floridsdorf. Ich wollte immer raus. Mit acht Jahren habe ich die Pferde-Dressurausbildung in der Militärakademie gemacht. Dann die Landwirtschaftliche Schule in Gumpoldskirchen, wo ich wilde Pferde zugeritten habe. Dort habe ich den Weinbau kennengelernt – mit einem Praxisjahr bei Fritz Wieninger war es um mich geschehen: Ich wollte Winzerin werden. Damals wusste ich aber noch nicht, wie. Einheiraten war das letzte, was ich wollte.

Es folgten die Weinbauschule, ein Engagement bei Wein&Co und die Hochzeit mit einem Winzer.

Es war sehr lässig bei Wein&Co, ein super Job, weil ich in den sieben Jahren viel über Handel, österreichische Strukturen und Mitarbeiterführung gelernt habe. Dazwischen war ich ein halbes Jahr bei Wolfgang Puck in Los Angeles, um Auslandserfahrung zu sammeln: Caterings in den schönsten Villen, essen in den tollsten Restaurants. Ich habe deshalb einen vielfältigen Blick auf den Wein und die Branche. Die Heirat kam später, obwohl mein Mann schon seit jeher an meiner Seite war. Aber wir mussten zuerst unsere eigenen Wege gehen.

Sie sind die „Zuagraste“, Ihr Name Ebner steht aber sogar voran. Wie kam das?

Ich weiß, das ist ein Riesenthema, auch hier im Ort. Es ist ganz einfach: wir haben zwanzig Leute gefragt, was flüssiger klingt – das war’s. Wir geben beide genau die Hälfte. Das gab es früher nicht, da waren Frauen auf dem Weingut unsichtbar. Wir haben uns die Arbeit aufgeteilt. Manfred ist der Kreative, er hat etwas künstlerisches. Ich habe meine Visionen, spüre die Dinge eher im Bauch, sehe in allem etwas Gutes, etwas Schönes. Ich habe immer gewusst, dass wir das hier so machen. Ich dachte nur, wir schaffen es schneller.

Sie haben ja auch alles Bestehende umgeworfen.

Nicht alles, den 400 Jahren alten Weinkeller etwa haben wir nur sanft restauriert. Aber ja, in Wahrheit haben wir bei Null begonnen. Auch mit Null Kunden. Es war schwierig, wir hatten kein Geld.

Wie kommt so ein Betrieb in die Gänge?

Man muss sich selbst knallhart beurteilen. Wer sind wir, was können wir? Wir haben gesagt: Was wir in der Vergangenheit gemacht haben, ist nett, aber so wird man es nie zu einem Top-Winzer schaffen. Geschweige denn, international ernst genommen. Wir wollten Weine, die uns selbst fordern und Spaß machen. Dabei darf man als Winzer nie auf Trends setzen. Wenn man Persönlichkeit hat, muss man die zeigen, muss bei sich selbst bleiben, authentisch sein.

Wie ist eure Persönlichkeit?

Ach, die Weine schmecken immer so wie die Menschen, die sie machen. Wir setzen auf Einzellagen, wollen die Persönlichkeit der Rebsorte und des Bodens zum Ausdruck bringen. Zart, elegant, fein. Dennoch fordernd und nie langweilig.

Was macht das heurige Wetter (bisher) mit dem Wein? Viel Regen im Mai, jetzt Hitzewelle?

Die Feuchtigkeit ist ein Thema, weil leicht Pilze entstehen. Weil wir biologisch arbeiten, müssen wir besonders am Punkt arbeiten. Aber ich bin froh, dass Feuchtigkeit da ist, weil das vergangene Jahr war das trockenste überhaupt. Es war die Hölle.

Wie lange zehrt man von so einem Regenmonat?

Es ist jetzt einmal entspannt, für ein Monat oder sogar zwei. Wir haben eine Vollbegrünung in den Weingärten, haben Blumenwiesen angebaut. Wenn eine längere Trockenperiode kommt, müssen wir diese Blumenwiese unterschneiden, also die Wurzeln abkappen. Die Wiese liegt dann wie eine schützende Decke auf dem Boden, braucht aber selbst kein Wasser mehr. Regnet es wieder, wächst das Ganze wieder an.

Wie viele Flaschen produzieren Sie jedes Jahr?

Wir machen im Moment aus 16 Hektar nur 60.000 Flaschen. Das ist wenig. Wir haben sehr alte Weingärten, mindestens 30 Jahre, aber die meisten 50 bis 70 Jahre alt, wahre Methusalems. Die bringen nicht mehr so viele Trauben. Aber: die Wurzeln gehen tief, bis zu 25 Meter.

Ein Vorteil für die Klimaerwärmung?

Wir hoffen. Wobei: Ich habe ein bisschen Angst vor dieser Erwärmung und den Hagelgewittern. Wir haben gerade eine Nordlage übernommen, eine Frostlage noch dazu. In Zukunft wird man sich um so etwas streiten. Der Klimawandel stresst uns schon, weil keiner genau weiß, was kommt.

Wo steht das Weingut heute, nach zehn Jahren?

Ich würde sagen, wir haben das Schwierigste geschafft. Die ersten drei Jahre waren extrem existenzbedrohend. Auf Facebook sieht man ja nur Erfolge, in Wahrheit sitzt man anfangs ziemlich oft in der Ecke und heult. Unsere Strategie war ganz oder gar nicht. Also hauen wir uns beide voll hinein. Und investieren jeden Cent wieder in das Weingut. Es läuft. Und es ist schön.

Über das Weingut

Das 16 Hektar große Weingut Ebner-Ebenauer liegt in Poysdorf, nördliches Weinviertel. Wie in dieser Region üblich, liegt  der Fokus auf dem Grünen Veltliner, von dem sie sieben verschiedene Weine keltern. 70 Prozent der Flaschen gehen in den Export (18 Länder, vor allem Deutschland, England, Skandinavien), 30 Prozent bleiben in Österreich.

Marion ist  viel international unterwegs, Manfred ist der kreative Winzer. „Er hat das Bauchgefühl,  ich will immer alles lenken und planen“, sagt Marion Ebner-Ebenauer. Das Weingut hat  fünf Mitarbeiter, zur Erntezeit zwölf, produziert  60.000 Flaschen im Jahr. Die Weine bekommen regelmäßig hohe Bewertungen von „Falstaff“ und „Wine Enthusiast“.

Was kostet ein Hektar Weingarten?

Kaum Statistiken für Preise in Österreich, in Italien und Frankreich kostet ein Hektar mitunter Millionen

Über Weingarten-Preise will in Österreich kaum jemand reden. Weil die Preise je nach Bundesland und Lage extrem stark differieren, zudem der Zustand des Weingartens für den Preis entscheidend ist. Die Bandbreite gehe von „fast geschenkt“ bis in horrende Liebhaberpreise pro Hektar.

Im nördlichen Weinviertel würde man für eine gute Lage gern 50.000 Euro pro Hektar bezahlen. In Top-Lagen in der Wachau oder Südsteiermark seien „die Preise  fast nach oben hin offen“, sagt ein Branchenkenner. Hans Schmid, Inhaber des Weinguts Mayer am Pfarrplatz: „Für einen Hektar zahlt man in Wien 13 bis 15 Euro pro Quadratmeter (also 150.000 Euro pro Hektar). Pachten kann man etwa um 10 Cent pro Quadratmeter. Das Aussetzen eines Weingartens kostet pro Hektar etwa 25.000 Euro Investition.“

Millionensummen für Weinberge

In Italien kosten  Weinberge  mitunter  mehr als eine Insel in der Karibik. Der Preis für einen Hektar Weinberg zur Produktion des piemontesischen Barolo kreisen um die 2,5 Millionen Euro. Der Preis sei höher als jener einer Karibik-Insel, die man mit etwa zwei Millionen Euro erwerben könne. Die belgische Investmentholding Atlas Invest hat vor etwa zwei Jahren das renommierte Brunello-Weingut Poggio Antico in der Toskana für eine dreistellige Millionensumme gekauft.

Für einen Anteil von 20 Prozent an der Bordeaux-Ikone Château Pétrus in Frankreich soll der US-kolumbianische Investor Alejandro Santo Domingo  200 Millionen Euro bezahlt. Demnach ist das Weingut eine Milliarde Euro wert.

Auch in Frankreich sei das Preisgefüge stark unterschiedlich, am extremsten in der Region Bordeaux. 450.000 bis 600.000 Euro pro Hektar zahlt man hier für Spitzenlagen,  absolute Hotspots kosten bis eine Million Euro pro Hektar. Einzellagen sprengen auch in Frankreich die Millionengrenze:  in St. Emilion soll  ein Weingut (Château Troplong Mondot) fast sechs Millionen Euro pro Hektar gekostet haben.