Wirtschaft | Karriere
29.10.2018

Leadership Report: Visionen für eine mutige Führungskultur

Was müssen Führungskräfte von morgen können? In seinem Leadership-Report 2019 wagt das Zukunftsinstitut eine Prognose.

„Das Vorzeigebeispiel gibt es nicht“, sagt Franz Kühmayer auf die Frage nach der Blaupause für gute Unternehmensführung. Zum vierten Mal hat der Management-Vordenker für das Zukunftsinstitut eine Prognose zum Führungsstil der Zukunft gewagt. Der KURIER hat die drei bestimmenden Trends aus seinem Leadership Report 2019 unter die Lupe genommen.

Die gute Nachricht? „Der heimische Mittelstand braucht sich vor den vermeintlich Giganten des Silicon Valley nicht zu fürchten“, erklärt Kühmayer. „Kurze Wege, klare Entscheidungsstrukturen und Tüftlergeist“ machten KMU zu attraktiven Arbeitgebern. Ihr größtes Manko sei allerdings das vielfach noch unausgewogene Geschlechterverhältnis. Lediglich 18 Prozent der Mittelständler hatten in Österreich laut EY-Erhebung zuletzt eine Frau an der Spitze.

Dass immer mehr Top-Frauen nachgefragt werden, beobachtet Julia Zdrahal-Urbanek, Managing Partner beim Headhunter AltoPartners. Denn: „Studien belegen, dass Diversität Führungsteams effektiver macht.“ Cohesive Leadership (siehe unten) sieht sie heute ebenso gefragt: Nachvollziehbare Vision und Mission seien für Chefs wesentlich.

Eine Schlüsselrolle im Unternehmen prophezeit Kühmayer den HR-Chefs – und rät ihnen zur Weiterbildung. „Um substanziell einen Beitrag zur Unternehmensentwicklung leisten zu können, benötigen Personaler künftig eine hohe Geschäftsorientierung“ verweist er auf Vorbilder wie VW-Personalchef Gunnar Kilian oder Janina Kugel von Siemens.

Der Personalchef als CEO von morgen? „In Skandinavien und den USA geht der Trend klar dorthin, dass Personalchefs in den Vorstand einziehen“, sagt Zdrahal-Urbanek. Aber: „für Österreich sehe ich das eher noch nicht.“

Mit welchen Anforderungen Arbeitgeber die Headhunterin in der Praxis auf Chefsuche schicken? Die Herausforderungen würden breiter, Suchprofile spezifischer: „Früher wollte ein Auftraggeber etwa einen Einkaufsleiter. Heute will er einen Einkaufsleiter, der Experte für bestimmte Rohstoff-Gruppen ist, Erfahrung mit Change-Prozessen hat, mit Preisvolatilität umgehen kann und einem global zerstreuten Team Halt geben muss.“

Der Zukunftsreport identifiziert unterdessen folgende drei Trends.

Verantwortung teilen lernen

„Innovation und Unternehmergeist stehen heute im Rampenlicht und damit der Einzelne“, schreibt Zukunfts-Experte Franz Kühmayer im Leadership Report 2019. Tatsächlich: Kanadische Forscher haben ausgerechnet, dass die Welt seit 1960 um zwölf Prozent individualistischer geworden ist. „ Führungskräfte stehen mehr denn je vor der Herausforderung, einen Flohzirkus an Mitarbeitern zusammenzuhalten“, konkretisiert Kühmayer im KURIER-Gespräch.

Cohesive Management, sprich gemeinschaftsorientierte Führung, sei die Antwort. Konkret basiere die auf drei Säulen: Sinnvermittlung, Weiterbildung und Partizipation. Sinnvermittlung? Ja: 39 Prozent der Jungen wünschen sich laut einer Deloitte-Studie Arbeitgeber, die gesellschaftlich etwas verändern. Um den langfristigen Unternehmenserfolg sicherzustellen, müssten Führungskräfte zweitens mehr denn je die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter im Blick haben und zielgerichtet gestalten.

Innovation gelinge drittens durch Partizipation. Denn nur wer seinen gut qualifizierten Mitarbeitern auch Verantwortung übertrage, könne Potenzial voll ausschöpfen.

Halt trotz Freiheit geben

„Van Life“  – eine Sub-Kultur junger Weltenbummler, die ein stabiles Neun-bis-fünf-Angestelltendasein für ein Nomadenleben mit mobilem Arbeitsplatz eingetauscht haben – repräsentiere wie kaum sonst ein Phänomen die Sehnsüchte der mobilen Digitalgeneration, schreibt Zukunftsforscher Franz Kühmayer.

Tatsächlich wird das klassische Dienstverhältnis zunehmend von neuen Formen der Arbeit abgelöst: Freie Mitarbeiter liefern von extern ihren Beitrag, bestehende arbeiten von daheim. Allein der Anteil der teilzeitarbeitenden Erwerbstätigen hat sich in Österreich seit 1997 auf 28,7 Prozent  verdoppelt. „Bei aller Liebe zur Freiheit will die neue Generation geführt werden – aber anders“, sagt Kühmayer.

Chefs müssten Feedback geben und sich mehr denn je Kraft ihrer Persönlichkeit Akzeptanz verdienen. Junge Freelancer würden zwar individuell arbeiten wollen, das schließe Loyalität aber nicht aus – vorausgesetzt die Führung stimmt. Auch sei ihr Bedürfnis nach Austausch mit  Kollegen groß.

Aus dem Netzwerk schöpfen

Personaler steckten oft noch in veralteten Denkmustern fest. Um in der dynamischen Arbeitswelt mitzuhalten, bräuchten sie neue Ansichten, diagnostiziert Trendforscher Kühmayer. Eine Studie der deutschen  Uni Lüneburg hat herausgefunden, dass nur etwa jeder zweite Personaler über die digitalen Kompetenzen verfügt, die es braucht, um die Veränderungen der nächsten fünf Jahre erfolgreich zu meistern.

Für Österreich könne von ähnlichen Zahlen ausgegangen werden, meint Kühmayer.  Agilität sei das Gebot der Stunde.  Denn die  Wirtschaft sei zusehends vernetzt und „koopetitiv“. Heißt: Ein Mitbewerber kann an einem Tag Konkurrent, am nächsten für ein anderes Projekt Partner sein. Dass Mitarbeiter heute häufiger Arbeitgeber wechseln, sei dabei eine Chance.

„Wer mit Abgängern in Kontakt bleibt, etwa über ein Alumniprogramm – wie beispielsweise die Unternehmensberatung McKinsey eines hat – hat einen Wettbewerbsvorteil.“ Agilität im Personalmanagement bedeute, sich von langfristiger Planung  zu verabschieden: „Sie müssen in kürzeren Zyklen denken.“