Wirtschaft | Karriere
02.12.2017

Land der Bummler?

Zu lange Studienzeiten, zu viele Abbrüche – das wirft die Universitätenkonferenz den Studierenden vor. Die wiederum kontern: Die Hochschulen verstehen unsere Lebenswelt nicht. Vier gegenseitige Vorwürfe – und die Fakten-Checks dazu.

Vorwurf 1: Die Studis studieren zu lange und verzetteln sich

Die Unis seien ein Wolkenkuckucksheim für Bummel-Studis. Weniger Prüfungsantritte könnten ihren Lern-Rhythmus straffen. Studieren sie wirklich zu lang?

Der Chef der österreichischen Universitätenkonferenz, Oliver Vitouch, kritisierte vor wenigen Tagen das „Laissez-faire-System“ an den Universitäten. Es verleite die Studis zum Bummeln statt zum Pauken, zum Erst-Mal-Probieren statt ersthaft Studieren. Das heimische Studienrecht, wie es aktuell 381.079 Studierende genießen, brauche eine Straffung. „Sie dürfen fast alles und müssen fast gar nichts. Darüber hinaus gibt es keine Gebühren. Das alles lädt dazu ein, sich zu verzetteln.“ Vitouch fordert daher weniger Prüfungsantritte (aktuell gibt es vier) oder auch, prüfungsinaktive Studis zu exmatrikulieren.

Strapazieren die Studis wirklich das System? Vielen Hochschülern ist die Regelstudienzeit tatsächlich fremd – was aber vor allem daran liegt, dass zwei Drittel von ihnen arbeiten gehen und deshalb langsamer vorankommen. Dennoch: An öffentlichen Unis hat nach 14 Semestern – sieben Jahren – nur jeder Zweite einen Abschluss, wie eine IHS-Erhebung zeigt. „Manche sind nach 14 Jahren noch ohne Abschluss“, sagt Autor Martin Unger. Er ortet eine gewisse Selbstfindungs-Freudigkeit bei den Studis: Ein Bachelor (für sechs Semester angedacht) braucht an öffentlichen Unis in rechtswissenschaftlichen Studien im Schnitt zehn Semester, in den theologischen Studien sogar zwölf, wie Studienverläufe in der Studierenden-Sozialerhebung 2015 zeigen. Unger beobachtet bei den Einsteigern: „AHS-Maturanten wechseln oft, studieren mehrere Fächer, probieren vieles aus und verlieren so viel Zeit. BHS-Maturanten wissen eher, was sie wollen.“ Viele nützten ein Studium auch als Überbrückung – etwa, weil sie eine Aufnahmeprüfung woanders nicht bestanden haben.

Vorwurf 2: Die Forschung an den Unis ist nicht innovativ genug

Die Grundlagenforschung ist in Österreich zu wenig dotiert, Spitzenforscher hätten wenig Anreize, hier zu arbeiten. An was mangelt es der Forschungslandschaft?

Die uniko kritisierte vor wenigen Tagen, es gäbe eine „Forschung auf österreichisch“ und bemängelte dabei vor allem eine bescheiden dotierte Grundlagenforschung. Auf der andere Seite gebe es eine zu starke Konzentration auf jene Forschung, die am Markt gerade gebraucht werde, also Produktentwicklung. Wie ist die Forschung wirklich aufgestellt?

Sie wird von 1181 forschungsdurchführenden Einheiten der 22 öffentlichen Unis sowie von 3611 forschenden Unternehmen geprägt, wie Zahlen der Statistik Austria zeigen. Forschung findet in Österreich hauptsächlich im Unternehmenssektor statt: 71 Prozent aller F&E-Ausgaben fallen dort an, nur 24 Prozent der F&E-Ausgaben werden im Hochschulsektor abgewickelt. 74 Prozent der Grundlagenforschung wird an den Unis und 20 Prozent in Betrieben durchgeführt. Die angewandten Forschung passiert zu 25 Prozent an Unis und zu 69 Prozent im Unternehmenssektor.

Fakt ist: „Es gibt zu wenige Mittel für die Grundlagenforschung. Der FWF Wissenschaftsfond stellt zu wenig zur Verfügung“, bestätigt auch Jürgen Janger vom WIFO. Allerdings sei ein internationaler Vergleich nach den einzelnen Forschungsarten allein schwierig. Besser sei es, das gesamte Budget der Unis herzunehmen und sich anzusehen, wie viel Geld pro Student verfügbar ist. Vergleiche man diese Werte dann international, sehe man: Österreich könne im Wettbewerb kaum mitmischen – für eine Wirtschaft ist das „eine Spirale nach unten“, so Janger. „ Stanford hat ein Budget wie alle österreichischen Unis zusammen. Solche Mittel locken Spitzenforscher natürlich eher in die USA als nach Wien.“

Vorwurf 3: Die Unis verstehen die Lebensrealität der Studis nicht

60 Prozent der Studis arbeiten, sind nur Teilzeitstudenten. Die uniko will das Studium straffen. Warum klaffen die Vorstellungen über das Uni-Leben so auseinander?

Die Fronten zwischen Studis und Unis sind verhärtet: Die uniko meint, es sei eine Illusion, dass man als Student mit einem 30- oder 40-Stunden-Job gut durchkomme. ÖH-Vorsitzende Johanna Zechmeister kontert: „Wir studieren nicht zum Spaß, sondern um etwas zu lernen. Das Studium ist in Österreich zwar kostenlos, das Leben aber nicht.“ 60 Prozent der Studis arbeiten deshalb nebenbei 20 Stunden die Woche. Schon sechs Stunden wöchentlicher Arbeit würden sich verzögernd auf das Studium auswirken. Dazu kommt: Je länger man studiert, desto mehr Geldquellen versiegen – etwa die Familienbeihilfe. Viele Studierende haben auch Kinder oder pflegen Familienangehörige – das kostet Zeit.

„Es ist ein Teufelskreis“, sagt Martin Unger vom IHS. Und betont: „Nur, weil manche langsam studieren, heißt es nicht, dass sie faul sind.“ Zechmeister betont: „Was wir uns wünschen ist, was für Unis eigentlich gesetzliche Pflicht ist.“ Nämlich: Ein an die Studis angepasstes System. Eines, das arbeiten, studieren und leben zulässt. Die ÖH fordert daher digitale Angebote und Abendkurse für jene, die es am Vormittag nicht zur Vorlesung schaffen können. Probeklausuren, um sich an das Prüfungssystem zu gewöhnen. Eine Qualitätssicherung durch didaktische Schulungen für Lehrende.

Einig sind sich uniko, die ÖH und auch IHS-Experte Martin Unger in einem Punkt: Für berufstätige Studis und alle anderen, die nicht Vollzeit studieren können, wäre ein Teilzeitstudium sinnvoll. Teilzeitstudis müssten weniger ECTS-Punkte sammeln und könnten nebenbei gut arbeiten, dafür würden sie länger studieren. Leistungsstipendien könnten helfen, dass sich alles gut ausgeht.

Vorwurf 4: Wenn die Ausbildung nichts kostet, ist sie nichts wert

Soll Bildung für Studierende kostenlos sein oder wäre man sorgsamer mit der Ausbildung, wenn sie etwas kostet? Wären Gebühren nicht auch ein Anreiz, schneller zu studieren, wie es Oliver Vitouch von der uniko fordert? Über das heimische gebührenfreie System sagt er: Es wäre nur dann sinnvoll, wenn ein Studium intensiv absolviert, abgeschlossen und mit einem schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt verbunden wäre. Durch die höheren Steuern, die die Absolventen dann einzahlen, könne so ein System finanziert werden. Nur: „Das funktioniert nicht bei diesen Abbrecherquoten und Studiendauern“, sagt er.

Johanna Zechmeister von der ÖH kontert: „Dadurch, dass Studierende bereits während ihres Studiums durch Erwerbstätigkeit Steuern zahlen, geht die Rechnung nicht auf. Ob man ein Jahr schneller oder langsamer studiert, macht keinen großen Unterschied.“ In Österreich ist das Studieren an öffentlichen Unis gratis, das Budget für die Unis kommt großteils vom Bund. Das Statistische Taschenbuch hat erfasst, dass ein Student aber doch sehr viel Geld kostet: Ein MedUni-Studi kommt auf ca. 60.000 Euro pro Jahr, ein Studi der Bildenden Kunst kostet zwischen 20.727 und 25.958 Euro im Jahr.

Studiengebühren wünschen sich aber weder Rektorenkonferenz uniko, noch ÖH. Vitouch sagt, einmal eingeführt, könnten sie „durch die Decke gehen“, in die Höhe schnellen. Zechmeister: „Studiengebühren sind eine psychologische Hürde. Als Student hat man keine Job-Garantie, auch keine Abschlussgarantie – und vielleicht überlegt man es sich bei diesen Aufwendungen und dem Risiko dann ganz, ein Studium zu beginnen.“