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Jahrzehnte bei einer Firma und plötzlich gekündigt: So gelingt die Jobsuche

Sind lange Konzernkarrieren am Arbeitsmarkt etwas wert? Expertinnen geben ehrliche Antworten und einen Leitfaden für Jobsuchende.
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Seit zwanzig Jahren arbeitet er in einem internationalen Konzern am Standort Österreich. Er hat direkt nach der Schule dort begonnen. Ein Studium brauchte es nicht. Wozu auch – man arbeitet sich im Unternehmen hoch, wächst an Dienstjahren und an Erfahrung. Sich einmal beruflich anderweitig orientieren? War nicht geplant. Doch die Wirtschaftslage beginnt an diesem Plan zu rütteln.

Der Standort Österreich ist im globalen Vergleich teuer. Arbeitskräfte und die Produktion sind anderswo günstiger zu halten. Und dann gibt es noch Automatisierung und KI, die vieles vereinfachen, effizienter gestalten soll. Firmen kalkulieren intensiv, wie sich ihr Geschäft jetzt rechnet. Manche kalkulieren zu spät, schlittern in die Pleite oder kündigen einen massiven Stellenabbau an. Nicht nur der Job der symbolisch skizzierten Person steht durch diesen Cocktail auf dem Spiel. Der radikale Sparplan hat längst alle Branchen erfasst. (Mehr dazu lesen Sie in diesem Artikel: Radikaler Stellenabbau fegt durch Österreich.)

Doch wohin, wenn sich (fast) die ganze Erwerbskarriere in einem Unternehmen abgespielt hat? Wie viel sind die erworbenen Fähigkeiten auf einem angespannten Arbeitsmarkt wert und braucht es Zusatzausbildungen? Zwei Personalexpertinnen, beide mit über 25 Jahren Erfahrung, haben dem KURIER ehrliche Antworten gegeben. Und einen Leitfaden für all jene erstellt, die sich nach einer langen Konzernkarriere beruflich umorientieren müssen.

"Die meisten unterschätzen ihren Marktwert"

„Die Situation ist deutlich besser, als viele zunächst glauben“, entwarnt Personalberaterin Johanna Zwölfer. Sie und Diana Huber, HR-Profi und Lead Expert Talent Management bei Greiner, erkennen bei Personen, die lange in einem Unternehmen waren, ein Muster: Sie unterschätzen ihren Marktwert. „Das ist auch völlig normal“, sagt Diana Huber. „Sie müssen sich bewusst werden: Sie können etwas, aber was ist es? Sie müssen ihre Kompetenzen für sich strukturiert ausarbeiten.“ Wie das geht?

Indem man sich von der Jobbeschreibung löst und überlegt, welche konkreten Fähigkeiten man bislang erworben hat. Das kann sein: Arbeiten in komplexen Organisationen, strukturiertes Denken, Prozessstärke. „Wenn ich in einem Unternehmen gearbeitet habe, das eine gewisse Größe hat, habe ich das. Das ist dann ein absoluter Vorteil am Arbeitsmarkt“, sagt Diana Huber und ergänzt: „Kombiniere ich diese Fähigkeiten mit einer Hands-on-Mentalität , bin ich auch für kleinere Unternehmen sehr, sehr interessant. Weil genau das fehlt dort oft.“

Fürs Bewerbungsschreiben bedeutet das: „Ich habe zwanzig Jahre Berufserfahrung in diesem Unternehmen“ – ist der falsche Einstieg. Stattdessen empfiehlt Johanna Zwölfer mit vier bis fünf Stichpunkten die Erfolge, Kompetenzen und persönlichen Stärken hervorzuheben – bei Bedarf auch gerne mit professioneller Unterstützung: „Es soll präsentieren, was man erreicht hat und nicht nur, wie lange man irgendwo dabei war.“

Keine Ausbildungspanik: Ein laufendes Studium kann sich sogar negativ auswirken

Beim Durchstöbern von Jobinseraten stoßen manche vielleicht auf gefragte Skills, die man selbst vielleicht (noch) nicht erworben hat. Die Expertinnen raten aber dringend davon ab, in Panik zu geraten und aufwendige Ausbildungen in Eigenregie nachzuholen. „Ein Studium kann je nach Position hilfreich sein, ist aber kein Muss mehr. Vor allem nicht für Menschen, die Erfahrung mitbringen“, sagt Diana Huber. Ein laufendes Studium könne vom Arbeitgeber sogar kritisch gesehen werden, warnt Johanna Zwölfer. Besser wäre es, einen etwaigen Aufholbedarf beim potenziellen Arbeitgeber offen anzusprechen. Angebote an berufsbegleitenden Weiterbildungen gebe es schließlich genug. Doch wie geht man die Jobsuche überhaupt an, wenn der letzte Lebenslauf vor über einem Jahrzehnt geschrieben wurde?

Bewerben aber richtig

„Was ich dringend vermeiden würde: In einen Aktionismus zu verfallen“, sagt Diana Huber. Sie warnt davor, massenhaft Bewerbungen auszuschicken und sich vielleicht sogar unter Wert zu verkaufen, aus Sorge, nichts Besseres zu finden. Stattdessen solle man wirklich überlegen, wohin man möchte und dann fokussiert vier Schritte einleiten.

Jobinserate zu durchforsten (Schritt 1), wäre sicher ein guter erster Schritt, um sich einen Überblick zu verschaffen. Außerdem empfiehlt Diana Huber, das eigene Netzwerk (Schritt 2) zu aktivieren und sich nicht dafür zu schämen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der wohl wichtigste Schritt ist die Initiativbewerbung bei Unternehmen in einem branchenähnlichen Umfeld (Schritt 3). „Das ist insbesondere bei kleinen, mittelständischen Betrieben durchaus erfolgsversprechend“, sagt Huber. Sofern die Bewerbung wirklich individuell und passgenau formuliert ist. Zuletzt empfehlen beide Expertinnen, passende Personalberater zu kontaktieren (Schritt 4). „Dadurch bin ich registriert und habe eine höhere Streuung“, sagt Johanna Zwölfer. Kostenfrei ist es für Jobsuchende obendrein.

Sich aus einem bestehenden Dienstverhältnis heraus zu bewerben, wäre außerdem immer die bessere Ausgangsbasis, sagt Johanna Zwölfer. Verliert man den Job aber, weil das Unternehmen pleite ist, wäre das kein Nachteil. „Da liegt der Grund für die Kündigung ja auf der Hand.“

Wo Chancen gut stehen

Auch wenn der Arbeitsmarkt stark unter Druck steht, zeigen die offenen Stellen (ca. 167.000 laut Wirtschaftsbund): Gesucht wird nach wie vor. Besonders mittelständische und Familienunternehmen, die in Österreich klar dominieren, würden Werte wie Erfahrung, Stabilität, Loyalität und langfristiges Denken schätzen.

Vielversprechend wären zudem Sektoren wie Logistik, Infrastruktur oder Energieversorgung. Je höher die Position, desto schwieriger ist jedoch die Vermittlung, weiß Johanna Zwölfer. Warum? Weil Managementebenen ausgedünnt und Positionen dort rar sind. Personen mit viel Verantwortungsgrad oder einem breiten Netzwerk würden deshalb bei einer beruflichen Neuorientierung häufig den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Für alle Jobsuchenden aber gilt: Offen sein, flexibel und Geduld haben. Zwischen einem halben Jahr und neun Monaten könne es jedenfalls dauern, wieder fündig zu werden. Je nach Position und Spezialisierungsgrad auch länger.

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