Wirtschaft | Karriere
15.07.2017

Kollege, mein Liebster

Liebe hat am Arbeistplatz nichts verloren. Oder doch? Wir haben bei Paaren und Firmen nachgefragt.

Er nahm sich ein Herz und fragte sie nach einem Date. "Könnten wir uns vielleicht am übernächsten Samstag treffen?" Sie dachte: "Wer kennt denn seinen Kalender zwei Wochen vorher? Will der mich veralbern?" Und sagte: "Das ist mir nicht spontan genug. Warum rufst du mich nicht vor dem Termin nochmals an?" So beginnt die Liebesgeschichte von Melinda und Bill Gates. Sie trafen sich noch am selben Abend.

Die Gates sind kein Einzelfall. Denn nirgendwo kommen sich Menschen leichter näher, als auf dem Arbeitsplatz: Jeder Dritte hatte schon mal eine Beziehung am Arbeitsplatz. Doch obwohl dieses Thema allgegenwärtig ist, wird wenig darüber geredet. Vermutlich, weil jeder weiß, dass eine Liaison am Arbeitsplatz eigentlich nicht nur aufregend, sondern ein Spiel mit dem Feuer ist. Vermutlich, weil eben das Geheime den Reiz ausmacht. Der Psychologe und Sexologe Wolfgang Kostenwein sagt: "Gerade, wenn man für seine Erregung viel Spannung braucht, können das Verbotene und Status eine große Rolle spielen. Generell werden diese Spannungsszenarien richtig genossen. Das kann sehr lustvoll sein. Und in einer etablierten Affäre oder eben einer Beziehung münden." Probleme seien in den ersten Inszenierungssettings nicht kalkuliert. Aber irgendwann würden sie auftauchen. Kostenwein: "Weil einer von beiden eine Hauptbeziehung hat oder weil einer von beiden nicht mehr will oder weil aus der Affäre mehr wird."

Affären sind immer Gerüchte

Besonders brisant sind Liaisons, die Chefs und Mitarbeiter betreffen. "Es gibt unzählige Affären zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, obwohl es ein Tabu ist ", sagt die Psychologin und Autorin von "Machtwort", Christine Bauer-Jelinek. Angebote und Gelegenheiten würde es genug geben – in alle hierarchischen Richtungen. "Da muss man schon sehr charakterfest sein und wissen, was man will, um ein verführerisches Angebot elegant abzulehnen", sagt Bauer-Jelinek.

Wie man mit einer Affäre umgeht? Egal ob sie zwischen Chefs und Mitarbeitern oder unter Kollegen stattfindet: Man sollte sich bedeckt halten. "Wenn man auf eine Affäre angesprochen wird, tut man das am Besten als Gerücht ab." Und wenn daraus eine beständige Beziehung wird? Christine Bauer-Jelinek sagt: "Diskret sein, solange es geht. Das Problem ist, Verliebte können das nicht. Dann werden sie beim Händchenhalten gesehen und es entsteht Tratsch." Spätestens, wenn die Beziehung nicht mehr zu verheimlichen ist und man sich sicher ist, dass sie beständig ist, solle man den Vorgesetzten einweihen.

Die Sorge vor den Konsequenzen ist meist unbegründet. Verbieten darf der Arbeitgeber eine Beziehung in Österreich nämlich nicht. Das würde in die Persönlichkeitsrechte eingreifen. Irene Holzbauer von der Arbeiterkammer Wien, erklärt: "Wenn die Arbeit darunter leidet, kann der Vorgesetzte eine Weisung aussprechen oder auch eine Verwarnung." Das sei jedoch selten der Fall. Interne Regelungen, wie mit der Liebe umzugehen ist, seien hingegen durchaus üblich.

Was sagt der Arbeitgeber?

Arbeitgeber stehen Beziehungen am Arbeitsplatz meist neutral oder positiv gegenüber. Jedenfalls, solange die Arbeit nicht darunter leidet und keine unlauteren Vorteile daraus gezogen werden.

In Japan etwa werden Beziehungen unter Angestellten (shanai-renai) durchaus gefördert. Facebook hat kürzlich verkündet, ein eigenes Städtchen mit 1500 Wohnungen für seine Beschäftigten zu bauen. Zwar, weil die Mieten im Silicon Valley zu teuer sind, doch die Auflösung von privater und beruflicher Welt, war Facebook seit jeher ein Anliegen. Die Liebe im Konzern ist da fast Programm.

Bei Microsoft ist das mit der Liebe offiziell so: "Bei uns soll und kann und darf jeder ausdrücklich glücklich werden", sagt Unternehmenssprecher Thomas Lutz. Nur wenn die Beziehungen ein Autoritätsverhältnis betrifft und ein Team in ein Ungleichgewicht zu stürzen droht, versucht die Personalabteilung eine Lösung zu finden. Wie die aussieht? Lutz: "Da gibt es keine harten Regelungen. Wir reden darüber."

Beim schwedischen Unternehmen Ikea steht man zu Liebesdingen ähnlich entspannt. "Ikea ist mit dem Thema Liebe immer schon unbefangen umgegangen. Wir gehen davon aus, dass Mitarbeiter grundsätzlich ihren Job gut und professionell machen wollen. Daher macht es für uns keinen auffälligen Unterschied, ob sich jemand sehr nahe steht oder nicht", sagt Sprecherin Barbara Riedl. Auch hierarchisch gibt es keine Einschränkungen. Ikea schreitet nur ein, "wenn das ganze Team unter einer Situation zu leiden hat. Das passiert meist dann, wenn eine private Beziehungen in die Brüche geht, es einen enormen Vertrauensbruch gegeben hat. In diesem Fall ist es auch schon vorgekommen, dass sich Ikea von einem der Beteiligten getrennt hat", sagt Barbara Riedl.

Bei der Erste Bank Group ist die Regelung: "Um Interessenskonflikte zu vermeiden, darf zwischen dem Pärchen kein hierarchisches Abhängigkeitsverhältnis bestehen. Betroffene Mitarbeiter sind auch verpflichtet, das offenzulegen, damit gegebenenfalls weitere Maßnahmen zur Vermeidung eines Interessenkonflikts getroffen werden können", erklärt Sprecher Christian Hromatka.

Keine Zärtlichkeiten austauschen

Wer negative Konsequenzen für die Karriere vermeiden will, sollte gewisse Regeln beachten. Die erste Regel: Immer professionell bleiben. Also: nicht nachlassen, nicht den Faden verlieren, nur weil die Liebe vorbeispaziert und nie mit dem Partner packeln. Zweitens: Keine Zärtlichkeiten austauschen. Die dritte Regel: Private Konflikte haben in der Arbeit nichts verloren. Diskret bleiben ist die vierte Regel, also keine intimen Details ausplaudern. Regel Nummer fünf: Keine schnulzigen oder schmutzigen eMails vom Firmenaccount schreiben. Nummer sechs: Darauf achten, auch mit anderen Kollegen Pausen zu verbringen. Und wenn die Liebe doch ein Ende findet? Dann heißt es immer noch professionell bleiben. Sonst sind die Tage im Unternehmen angezählt.

Wahre Liebe im Unternehmen

Alexandrine und Stephan Bäro haben einander bereits 1995 während des Studiums in Frankreich kennengelernt – er ist Deutscher, sie Französin. Vor einem Jahr wurde Stephan Bäro vom deutschen Mutterkonzern Bosch nach Wien entsandt und ist hier Abteilungsleiter Hardware-Entwicklung Motorsteuergeräte. Alexandrine übernahm eine Stelle im Customer Support.

Positive Seiten: „Das Verständnis füreinander ist größer. Wir versuchen außerhalb der Arbeitszeit zwar nicht über die Arbeit zu reden – unsere Töchter werden uns da wahrscheinlich wiedersprechen – aber, wenn wir es tun, können wir einander unterstützen. Und wir haben die gleichen Werte, die auch zu unserer Firma passen.“

Schwierige Situationen: „Keine. Wenn man direkt aufeinandersitzen würde, gäbe es vielleicht den einen oder anderen Reibungspunkt. Aber wir sind in unterschiedlichen Abteilungen. Wir treffen einander zwar ab und zu und kommen gelegentlich gemeinsam ins Büro, aber sonst gibt es wenige Überschneidungen.“

Der Rat: „Man sollte sich die Selbstständigkeit und die Unabhängigkeit bewahren. Weil jeder ist eine eigene Person und Persönlichkeit – auch wenn man Mitarbeiter und Ehepartner ist.“

Microsoft-Paar

Nina und Andreas Erlacher sind seit Jänner 2005 bei Microsoft und haben einander bei einem „New Hire Get Together“ kennengelernt. Sie ist Assistentin der Geschäftsleitung, er Berater für Digitalisierungsprojekte.

Positive Seiten:„Man benötigt nur einen digitalen Kalender und bringt mehr Verständnis auf, wenn der Partner mehr zu tun hat, da man das Umfeld sowie die Saisonalität des Geschäfts kennt.“

Schwierige Situationen:„Bei uns gibt es kaum schwierige Situationen, da wir in unterschiedlichen Bereichen tätig sind. Hin und wieder gibt es Meetings oder Veranstaltungen, die beide besuchen oder überlappend sind, wodurch es privat für die Kinderbetreuung eine Herausforderung sein kann, aber diese Probleme haben wohl alle Eltern, die Kinder haben.“

Ihr Rat: „So weit wie möglich die Firma nicht mit nach Hause zu nehmen. Während des Arbeitstages nicht den Kontakt suchen – was Anfangs natürlich schwierig war. Somit hat jeder seinen notwendigen Freiraum während der Arbeit. Der gemeinsame Arbeitgeber erzeugt ohnehin eine zusätzliche Art der Verbundenheit.“

Liebe bei Infineon

Daniela und Michael Pinczolits kennen einander schon seit der Schulzeit. Ein Paar sind sie seit 1988. Seit 2001 sind beide bei Infineon beschäftigt. Er im Bereich Technik-Gesamtprozess, sie im Bereich Produktion.

Positive Seiten: „Eine bessere Planbarkeit des Tagesablaufs, besonders mit Kindern. Auch das gegenseitige ehrliche Feedback aus unterschiedlicher Perspektive ist hilfreich. Und wir haben dadurch ein besseres Verständnis für andere Abteilungen. Und es werden einem die Netzwerke des Partners zugänglich gemacht.“

Schwierige Situationen: „Da wir uns am Morgen beim Eingang verabschieden, sehen wir uns bis Arbeitsende meistens nicht. Infineon ist so groß, dass man sich nicht immer über den Weg läuft, wenn man in unterschiedlichen Abteilungen beschäftigt ist. Dienstreisen und Abendveranstaltungen, die für beide gelten, müssen früh geplant werden. Bei Meetings treffen wir uns auf beruflicher Ebene. Längere Auslandsaufenthalte müssen für beide passen: uns gibt es nur im Doppelpack.“

Ein Rat: „In verschiedenen Abteilungen arbeiten und im Unternehmen Privates von Beruflichem trennen, was zu Hause nicht immer gelingt. Zu Hause auch mal abschalten können und ,die Firma Firma sein lassen‘.“