Junge Talente: Das sind die Chefs von Morgen

Karriere
Foto: Montage: Martina Pichler Jung, aufstrebend und noch unbekannt: Talente auf dem Weg nach oben.

Wer früh in Führung geht, kommt jung nach oben. Wie High Potentials es schaffen, was sie können und was ihnen fehlt.

Er ist im Herbst 21 Jahre alt geworden. Wo andere erst überlegen, ob sie ihr Studium nicht doch wechseln wollen, ist Matthias Marisch ein ganzes Stück weiter. 18 Mitarbeiter nennen ihn "Chef". Marisch leitet als Marktmanager die BILLA-Filiale Tullnerbach und hat kürzlich die REWE-Meisterklasse, ein Programm für junge Führungskräfte, absolviert. Beim Marktmanager wird es nicht bleiben: "Ich will weiter nach oben", sagt er.

Wer schon in so jungen Jahren Führungserfahrung sammelt, hat ganz schön viel Vorsprung. Doch welche Fähigkeiten brauchen die Jungen, um es ganz nach oben zu schaffen?

In erster Linie soziale, sagt Jutta Strauss, Business-Psychologin und Geschäftsführerin der Managementberatung Just Excellent Consulting: "Empathie, die Bereitschaft, sich selbst weiterzuentwickeln, die Liebe zum Menschen." An sich nichts Neues, nur: Viele gut ausgebildete junge Leute würden sich zu Beginn ihrer Karriere in erster Linie über ihre fachlichen Fähigkeiten profilieren. Ein Fehler, sagt Strauss: "Wenn man sich nicht als Persönlichkeit weiterentwickelt, stößt man irgendwann an seine Grenzen."

Dabei bringen die High Potentials von heute die besten Voraussetzungen für den Führungsjob mit, meint die Beraterin: "Die Jungen haben sehr gute Ausbildungen, können rasch überall mitreden. Oft fehlt es aber fachlich an Tiefgang."

Daniel Daub, 35, T-Mobile:
Daniel Daub ist seit  einem Jahr Vertriebsleiter Privatkunden bei T-Mobile, seit elf Jahren  im Konzern. Begonnen hat der 35-jährige Deutsche als Projektmanager Corporate Finance, wurde Assistent des Vorstands, schließlich  Leiter Vertriebsplanung. Was ihm auf dem Weg nach oben half? „Die Kombination aus analytischer Herangehensweise gepaart mit Teamverständnis und  Zielstrebigkeit.“ Und schädlich? Sei Arroganz. Alexandra Jirovsky, 35, Kapsch AG:
Begonnen hat sie im Jahr 2006 als Wirtschaftsjuristin in der Kapsch CarrierCom, seit Oktober 2011 leitet Alexandra Jirovsky die Rechtsabteilung der Kapsch Group, begleitet Merger juristisch.  Chefin zu sein, war nicht ihr Ziel: „Für mich zählt die spannende Aufgabe in einem internationalen Unternehmen.“ Neben Fachkompetenz brauche es „Menschenverstand und Gespür, Entscheidungsfreude und Selbstreflexion“. Tanja Ollinger, 34, Bosch AG:  „Macht man das, was man will, macht man es  gut.“ Das hat  Tanja Ollinger von der technischen Bearbeiterin zur Gruppenleiterin gebracht. Seit vier Monaten führt die zweifache Mutter 13 Mitarbeiter als Teilzeitchefin.  Ihr Vorgesetzter Roland Klatt ist  zufrieden: „Sie weiß, was sie will, ist sozial und fachlich kompetent.“ Nach der HTL-Matura studierte sie Technische Mathematik: „Da lernt man, Lösungen zu finden.“ Manuel Radauer, 32, ISS:
Manuel Radauer kam nach seinem FH-Studium  2004 zu ISS. Ab September 2010 leitete er die  Abteilung Services-Solutions, seit  Juli 2011 führt er 40 Mitarbeiter im Geschäftsbereich Gebäudetechnik. Die Jobs wurden ihm angeboten, „ich konnte mich gut damit identifizieren“. Noch wichtiger als die Ausbildung seien persönliche Eigenschaften: „Lernbereitschaft, Ehrlichkeit, der Wille zur Weiterentwicklung und  Leidenschaft“. Matthias Marisch, 21, BILLA:
„Man  muss es sich zutrauen“, sagt Matthias Marisch. Seit Februar führt der 21-jährige Marktmanager 18 Mitarbeiter in der BILLA-Filiale Tullnerbach: „Ich habe die Chance gleich ergriffen.“  Chef werden wollte Marisch  seit seinem ersten Lehrjahr. Er hat das REWE-Führungskräfteprogramm absolviert. Was es braucht? „Menschenkenntnis, Hilfsbereitschaft,  Organisationstalent –   ich lerne jeden Tag dazu.“ Agnes Heftberger, 30, IBM: 
„Verantwortung macht mir Spaß“, sagt Agnes Heftberger. Die  30-Jährige begann im ersten Studiensemester (Handelswiss.) bei IBM zu arbeiten, mit 24 leitete sie ihr erstes Team, mit 27  baute sie eine Abteilung  in Dubai auf. Seit Sommer 2010 führt sie 15 Mitarbeiter im Mid Market Management in Wien. Sie sagt: „Man muss den Willen zum Führen haben, Gelegenheiten wahrnehmen.“ Und: „Sagen, was man will und was nicht.“ Rebecca Widerin, 36, Unilever:
Nach ihrem Wirtschaftsstudium startete Rebecca Widerin ihre Karriere im Konzern Unilever als Brand Manager.  „Ich habe mich immer aus meiner Komfortzone rausbewegt, man braucht eine Passion für das Neue“. Dafür machte sie  einen Rückschritt, wechselte ins Produktmanagement  –  mit weniger Verantwortung. Seit Februar leitet die 36-Jährige  den Geschäftsbereich ICE und Home & Personal Care mit elf Mitarbeitern. Clemens Kaiser, 36, William Hill:
Nach dem Studium der Handelswissenschaft  heuerte Clemens Kaiser im Jahr 2004  bei bwin an, war zwei Jahre später Country Marketing Manager. Um nach oben zu kommen, müsse man schon im Studium vorbauen: „Meine Noten gaben bei bwin den Ausschlag. Und je früher man mit dem Netzwerken beginnt, desto besser.“ Über Kontakte bekam der 36-Jährige  im März 2011 den Job als Country Manager Online bei William Hill. Manuela Fürst, 33, Magna International:
Seit August 2011 ist Manuela Fürst als Director Mergers & Acquisitions bei Magna International Europe tätig. Die Mutter eines Kleinkindes ist nach der Karenz Vollzeit eingestiegen. Begonnen hat sie als Board Assistant bei Magna Powertrain, war Projektmanagerin für ein  Restrukturierungsprojekt  in Nischni Nowgorod. „Man muss über die Grenzen gehen, mehr tun, als verlangt wird,  braucht Disziplin und Flexibilität“, sagt sie. Christian Euler-Rolle, 34, Fly Niki:
Das kann  nicht alles gewesen sein“, dachte sich Jurist Christian Euler-Rolle nach seiner Anwaltsprüfung und  absolvierte ein MBA-Studium. Gleich darauf erhielt er im September 2006 die Möglichkeit, die Abteilung Personal & Recht bei FlyNiki zu leiten. „Eine gute Ausbildung ist wichtig“, sagt er: „Und man darf unpopuläre Entscheidungen nicht scheuen.“ An seinen Job geht er heran, „als wäre es meine eigene Firma“.

Selbst überschätzt

Die Jungen sind aber nicht nur besser ausgebildet als ältere Führungsgenerationen, sondern auch selbstbewusster und anspruchsvoller – vor allem, wenn es um Life-Work-Balance geht. "Wenn man einem 28-jährigen Jungakademiker ohne Berufserfahrung gegenübersitzt, der als Erstes nach der Work-Life-Balance fragt, ist das nicht verhältnismäßig", meint Strauss. Starkes Selbstbewusstsein attestiert den jungen Karrieristen auch die Kienbaum-Studie "High Potentials 2011/’12": Demnach scheitert ihre Karriere meist an der eigenen Selbstüberschätzung und mangelnder Selbstkritik.

Um harte Arbeit kommen die Jungen trotz aller Selbstdarstellung nicht herum: "Es braucht nach wie vor ein hohes Maß an Leistung, um nach oben zu kommen", sagt Strauss.

"Fähigkeit mal Wille"

"Fähigkeit mal Wille" lautet die Formel für den Aufstieg, meint Bodo Schlegelmilch, Dean der WU Executive Academy. Mit dem Business-Wissen von Aufsteigern sei es jedoch nicht immer weit her: "Es gibt Vorstände, die keine Bilanzen lesen können." Während es für Ärzte und Anwälte klare Qualitätsstandards in der Ausbildung gebe, könne "jeder ins Management gehen, auch ein Amateur". MBA-Programme könnten dem Führungsnachwuchs durchaus das nötige Rüstzeug für ihre Führungsaufgabe mitgeben – es gebe aber auch viele Mogelpackungen. Jutta Strauss hält die persönliche Begleitung der Jungen durch Mentoren für sinnvoller: "Es ist ein Unterschied, ob man generelle Seminare zu Leadership besucht oder praktische Beispiele mit einem erfahrenen Mentor bespricht", sagt Strauss. Sie coacht als Businesspsychologin Jung- und Topmanager bei ihren Herausforderungen in Bezug auf Führung.

Doch Management-Ausbildung hin oder her: Was alle Befragten – ob Jungmanager oder Experten – als Voraussetzung für den Weg nach oben nennen, ist: die Lust, Verantwortung zu übernehmen. Und die haben die meisten Top-Manager von morgen schon früh – wie Matthias Marisch, 21.

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(kurier) Erstellt am
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