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Wirtschaft | Karriere
06/11/2019

AMS-Chef Kopf: "Nicht jeder, der will, findet Arbeit"

Trotz vieler freier Stellen finden nicht alle Arbeit. Warum das so ist und warum Frauen oft benachteiligt sind, erklärt AMS-Vorstand Johannes Kopf.

KURIER: Jeder, der in Österreich einen Job will, bekommt auch einen. Ja oder Nein?

Johannes Kopf: Nein!

Warum nicht?

Weil es Personen gibt, die sich, mit mehrfachen Vermittlungshindernissen, sehr schwertun. Sie brauchen unsere Unterstützung. Es gibt auch Fälle, wo auch uns nichts gelingt.

Das klingt hoffnungslos.

Manchmal können wir die Vermittlungshemmnisse nicht beheben. Psychische Probleme, Sucht, gesundheitliche Einschränkungen, Obdachlosigkeit. Selbst in der Hochkonjunktur gibt es Menschen, die ganz geringe Chancen haben.

Haben wir noch Hochkonjunktur?

Ich meine, wir sind am Ende dieser Phase.

Trotzdem: Haben wir immer noch einen der besten Arbeitsmärkte in Europa?

Worauf bezieht sich das Wort „Beste“? Wir haben einen flexiblen, dynamischen Arbeitsmarkt. Das ist gut. Wir haben eine sehr gut ausgebildete Work Force. Durch die Zuwanderung sind gute Leute dazu gekommen. Weshalb auch unser demografisches Problem, die Überalterung, geringer ist. Gleichzeitig könnte man sagen: Wir sind in der EU nur an 13. Stelle der Arbeitslosenstatistik. Aber mit 4,7 Prozent Arbeitslosigkeit (nach Eurostat, Anm.) meine ich: wir sind gut.

Wir waren mal Europaspitze. Was ist passiert?

Von 2012 bis 2016 war unser Wachstum schwach. Unter ein Prozent. Da braucht man keine zusätzlichen Arbeitskräfte. Bei gleichzeitig großer Zuwanderung an Arbeitskräften.

Die Arbeitslosenquote ist seit drei Jahren sinkend. Aber wir haben immer noch etwa 100.000 Arbeitslose mehr als vor der Krise. Warum?

Das hat damit zu tun, dass es zwischen 2010 und 2018 unglaublich viel zusätzliche Arbeitskräfte gab. Menschen aus dem gesamten Osten, aus Deutschland, auch aus dem EU-Raum. Dazu zugezogene Familienangehörige und Flüchtlinge. Und auch das inländische Angebot ist massiv gestiegen. Also in kurzer Zeit fast eine halbe Million Arbeitskräfte mehr.

Müssen wir uns an eine höhere Sockelarbeitslosigkeit gewöhnen?

Zufrieden können wir mit 4,7 Prozent Arbeitslosigkeit nicht sein. Nein, daran wollen wir uns nicht gewöhnen. Wir können wieder einen Dreier vorne haben. Viel niedriger geht’s glaube ich aber nicht. Weil die Hauptursache für Arbeitslosigkeit ist der Jobwechsel, die Zeit zwischen zwei Jobs.

Die Verbesserung der Arbeitslosenzahlen bremst sich merklich ein. Ist das schon die – negative – Trendwende?

Für heuer erwarte ich noch einen Rückgang. Für nächstes Jahr wird sich’s deutlich abflachen – Stabilisierung oder leichte Steigerung.

Es gab Hochkonjunktur – hat man genug getan, um für schlechtere Zeiten vorzubauen?

Der Schlüssel liegt in der Höherqualifizierung. Wir haben Enormes gemacht, qualifizieren jedes Jahr 30.000 Personen zu einem Lehrabschluss. Vorbereiten für einen Abschwung? Das ist kein Abschwung.

Die WIFO-Studie zeigt: die Ausgrenzung der älteren Arbeitnehmer ist das massivste Problem. Wieso ändert sich die Gesellschaft hier nicht?

Es gibt Ausgrenzung, Diskriminierung, Vorurteile – und wir erleben es täglich. 50-Jährige sind in den Unternehmen oftmals Führungskräfte, geschätzte Spezialisten, erfahrene Projektleiter. Werden diese Menschen arbeitslos, tritt ein „Instant Aging Effekt“ ein. Dann sind diese Menschen alt und werden zu Bewerbungsgesprächen nicht mehr eingeladen. Es ist absurd. Mit dem Überangebot an Arbeitskräften haben Firmen Routinen entwickelt: schnell aussortieren, Alte weg, Frauen weg, Migranten weg, übrig bleiben Männer mittleren Alters. Unternehmen müssen umdenken.

Aber Menschen wollen auch raus aus der Arbeit, rein in die Pension.

Auch das stimmt. Das ist die andere Seite. Die Kultur des längeren Arbeitens ist nicht da. Das hat mit einer langen Tradition zu tun und mit falschen Anreizen im Pensionsrecht.

Ausgegrenzt werden auch gesundheitlich beeinträchtigte Personen und Frauen. Ist das nur ein Arbeitsmarkt für die starken Männer?

Firmen wählen ihre Arbeitskräfte oft sehr einseitig aus. Die Nutzung der Potenziale von Teilzeit-Frauen oder gesundheitlich beeinträchtigten Personen braucht am Anfang sicher mehr Einsatz, mehr Kreativität, mehr Überlegungen in Firmen. Das sind viele nicht bereit, zu tun. Wenn es genügend junge Männer gibt, strengen sich manche hier auch nicht an.

Zur hohen Teilzeitquote – 48 Prozent – von Frauen: sie verringert die Beschäftigungsquote von 72 auf 63 Prozent – von Platz 8 auf Platz 17 in der EU. Gebe es diese Jobs für so viele Frauen überhaupt in Vollzeit?

Das ist eine theoretische Frage, weil die Lebenssituation das praktisch ja gar nicht zulässt – die Kinderbetreuung fehlt. Würden alle diese Frauen von heute auf morgen Vollzeit arbeiten, gebe es die Arbeit wohl nicht. Aber: zusätzliche Arbeitskräfte schaffen Arbeit, weil die Menge an Arbeit in einem Land nicht konstant ist. Beispiel: eine Verkäuferin mit mehr Stunden verkauft auch mehr. Das hätte also schon einen Effekt.

Negativ ist auch, dass Teilzeit die Frauen weniger teilhaben, verdienen, aufsteigen lässt.

Ja. Und es gibt einen weiteren Punkt bei der Teilzeit, der massiv ist: Teilzeit führt oft zu einer Branchenverlagerung. Heißt: Frauen orientieren sich in andere Jobs um, weil sie Fahrzeiten vermeiden wollen. Das führt zu typischen Teilzeitbranchen wie Handel oder Gastronomie – damit geht Qualifikation und spezifisches Know-how verloren. Das ist wirklich problematisch. Wir raten Frauen: rasch wiedereinsteigen, mit möglichst vielen Stunden. Auch, um Führungsjobs zu behalten. Arbeitsmarktpolitisch sage ich: hier ist gut ausgebildetes Potenzial, das wir zur Bekämpfung des Fachkräftemangels heben sollten. Was wir brauchen: radikal bessere Kinderbetreuung.

Gibt es eine Arbeitsmarkt-Maßnahme aus einem anderen EU-Land, die man auch in Österreich umsetzen sollte?

Die eine große Hammermaßnahme? Die hätten wir schon umgesetzt… Ressourcen ist ein Thema: Manche haben mehr Personal für mehr Betreuung der Arbeitssuchenden, weil es sich rechnet.

Wir haben hohe Ausgaben für Arbeitsmarktpolitik. Trotzdem eine relativ hohe Arbeitslosigkeit.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Die beste Arbeitsmarktpolitik der Welt entscheidet über einen Prozentpunkt Arbeitslosenquote. Alles andere ist Konjunktur, Demografie, Wirtschaftspolitik, Standortpolitik, Arbeitsrecht, Großstadt, öffentlicher Verkehr, Wetter, …

Wenn es nur um ein Prozent geht, könnte man das Budget auch einfach reduzieren.

Wenn man es rein auf die Arbeitslosenquote reduziert, wenn das das politisch einzig Relevante ist, dann ja. Wenn man aber den Beitrag der Arbeitsmarktpolitik für die Besetzung offener Stellen erkennt, für das Wirtschaftswachstum, für die schnelle Vermittlung und damit Kostensenkung bei der Arbeitslosenversicherung – dann nicht. Denn der Return of Investment ist riesig. Arbeitsmarktpolitik rechnet sich, aber ganz klar. Aber ich bin bei dieser Aussage wohl befangen.