Wirtschaft | Karriere
03.10.2016

Jobeinstieg: Traum trifft auf Realität

Die Erwartungen an den ersten Job sind groß. Doch die Realitt sieht anders aus: Sie sind übermüdet, kennen ihre Aufgaben nicht und werden von den Kollegen auf Abstand gehalten.

39 Monate lang bleiben Berufseinsteiger im Durchschnitt bei ihrer ersten Arbeitsstelle, hat die Statistik Austria erhoben. Die kurze Dauer hat seinen Grund. Beim ersten Job, frisch von der Schule, Lehre oder Uni, sind die Erwartungen dementsprechend hoch. Schließlich haben die Betroffenen viele Jahre in ihre Ausbildung investiert – und wollen jetzt ihr Können beweisen. Doch die Ernüchterung kommt rasch. Trotz bester Noten und großem Engagement müssen sich die Einsteiger erst mit der neuen Situation zurechtfinden.

Übermüdet & neuer Tagesrhythmus

Tag für Tag pünktlich in der Arbeit zu sein und acht Stunden konzentriert zu arbeiten und zu sitzen, kosten Energie. Die Folge ist vor allem zu Beginn: Übermüdung. Die Einsteiger sind abends zu erschöpft, um auszugehen, am nächsten Morgen müssen sie schließlich wieder früh aufstehen. Es dauert seine Zeit, bis sie sich an den neuen Rhythmus gewöhnt haben. Hinzu kommt, dass sie nicht mehr so flexibel sind, deutlich weniger Freizeit haben. Zwar ist die Freude über den ersten Lohn- oder Gehaltszettel groß, doch es fehlt die Zeit, das Geld auch auszugeben. Endlich stehen sie auf eigenen Beinen und sind nicht mehr abhängig von den Eltern, doch das hat eben auch Nachteile: Sie tragen plötzlich Verantwortung, für ihre Arbeit, für Kunden. Das bringt mit sich, dass sie nicht mehr so gut abschalten können wie noch zu Ausbildungszeiten.

Realitätsschock

„Viele Einsteiger haben einen Realitätsschock“, sagt Karriere-Coach Sonja Rieder. „Vor allem jene, die während des Studiums nicht gearbeitet haben und die Bürowelt nicht kennen.“ Denn es handle sich bei der Ausbildung und dem ersten Job um zwei Welten. „Die Regeln im Studium sind leicht zu durchschauen. Man geht zu Vorlesungen und legt Prüfungen ab“, sagt Rieder. In der Berufswelt seien die Regeln dagegen unklar. „Es gibt oft keine klare Stellenbeschreibung, es wird zu wenig kommuniziert“, so die Coachin. Auch das Zwischenmenschliche ist häufig ungeregelt. Das Konkurrenzgefühl ist in vielen Unternehmen groß. Manche Mitarbeiter fühlen sich durch den neuen jungen Kollegen oder die Kollegin bedroht und schulen sie daher gar nicht oder nicht ausreichend ein. „Häufig wird in Büros auch das Spiel gespielt, wer sitzt abends am längsten im Büro“, sagt Rieder.

Verantwortung überfordert

Wer dieses Spiel nicht durchschaut oder wegen Betreuungspflichten nicht mitspielen kann, hat es schwer, sich zu behaupten. Dass die Kollegen sie nicht mit offenen Armen oder zumindest freundlich empfangen, darauf sind die wenigsten Einsteiger eingestellt und müssen sich erst daran gewöhnen. „Vor allem Wirtschaftsabsolventen haben sehr hohe Erwartungen an den ersten Job“, erzählt Rieder. Wenn das Erwartete dann nicht eintritt, ist die Enttäuschung groß. „Viele weibliche Absolventen erwarten, dass sie auch im Beruf immer etwas dazulernen, das kann aber nicht jeder Job erfüllen“, sagt Rieder. Plötzlich Verantwortung zu haben, nicht nur für sich selbst, sondern auch Auftraggebern und Kunden gegenüber, überfordert viele Anfänger. Zwischen dem Start in den Job und der ersten Krise liegen oft nur wenige Monate. Da heißt es durchhalten und sich rasch anzupassen.