Klaus Candussi (li.) und Walburga Fröhlich (re.) bringen Menschen mit geistiger Behinderung in den Arbeitsmarkt

© /Atempo

Interview
12/04/2015

Job trotz geistiger Behinderung? Das geht

Die Firma atempo tut, was laut Gesetz nicht geht: Sie bringt "arbeitsunfähige" Menschen in Arbeit.

von Nicole Thurn

atempo schafft etwas, was per Gesetz gar nicht möglich ist: geistig behinderte Menschen, die als arbeitsunfähig gelten, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Am Donnerstag, dem UN-Welttag der Menschen mit Behinderung, wurden die Geschäfsführer Klaus Candussi und Walburga Fröhlich in das Ashoka-Netzwerk aufgenommen, das Sozialunternehmen mit Beratung und Kontakten fördert.

Candussi und Fröhlich bieten Menschen mit geistiger Behinderung Weiterbildung und Praktika – und vermitteln ihnen Jobs. atempo will hier auch Vorbild sein: 20 der rund 80 Mitarbeiter haben eine geistige Behinderung. Das Sozialunternehmen verbreitet seinen Ansatz über ein Franchise-System: 27 Franchisepartner gibt es im deutschsprachigen Raum. Im Interview sprechen Walburga Fröhlich und Klaus Candussi über ihr 15-jähriges Engagement.

KURIER: Sie beschäftigen zu 25 Prozent Menschen mit Behinderung. Wie sehen die Arbeitsprozesse aus?

Candussi: Wir arbeiten in inklusiven Teams. Wir sind aber nicht sozialromantisch.

KURIER: Sie vermitteln Menschen mit geistiger Behinderung in Jobs. Wie geht das?

Walburga Fröhlich: Wir bieten ihnen berufliche Weiterbildung und vermitteln Praktika und Jobs. Bei der Beschäftigung von behinderten Menschen muss man genau auf ihre Fähigkeiten schauen. Sie sollten nicht in Bereichen tätig sein, wo ihnen die Behinderung im Weg steht. Man kann sie vielleicht nicht als Sekretär einsetzen, sondern nur für Teile der Büroarbeit. Es gibt nichts Schöneres, als zu erleben, wie sie über sich hinauswachsen und privat wie beruflich aufblühen.Wir haben bisher 120 Menschen in den Arbeitsmarkt vermittelt. Einige arbeiten schon zehn Jahre in Unternehmen.

Klaus Candussi: Wir wollen, dass die Menschen mit geistiger Behinderung Rollen in der Gesellschaft einnehmen, die ihnen vorher niemand zugetraut hat – als Kollegen im Betrieb, als Funktionäre im Verein. Das verändert nicht nur ihr Leben, sondern auch die Gesellschaft.

Wie vermitteln Sie ihnen Wissen?

Fröhlich: Man muss das Wissen auf die Lebenswelt der Menschen beziehen. Jeder Mensch kann nur Wissen aufnehmen, wenn es an Bekanntes andockt. Es geht darum, Information möglichst einfach zu gestalten.

Wie reagieren die Firmen?

Fröhlich: Die Ängste sind oft groß. Die Firmen werden aber gut begleitet, atempo fungiert als Krisenfeuerwehr. Viele fragen dann, ob wir noch weitere Klienten für sie hätten. Die Job Description muss mit den Fähigkeiten der Person zusammenpassen, sonst entsteht Frust.

Viele Firmen zahlen aber lieber die Ausgleichstaxe, als Menschen mit Behinderung einzustellen.

Fröhlich: Ja, leider. Jeder fünfte Mensch mit Behinderung ist arbeitslos – da reden wir nur von körperlicher Behinderung. Dann kommen 20.000 Menschen mit geistiger Behinderung dazu, die gar keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben – sie gelten per Gesetz als arbeitsunfähig. Sie werden von Vornherein aussortiert. Das ist ein österreichischer Skandal. Dabei hat Österreich die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert.

Wie waren die Reaktionen auf die Gründung im Jahr 2000?

Walburga Fröhlich: Einige dachten, wir sind übergeschnappt. Die haben darauf gewartet, dass wir scheitern. Damals wurden Menschen mit geistiger Behinderung als ewig passive Hilfsempfänger gesehen.

Hat die Bereitschaft, Schwächere "mitzunehmen", seither abgenommen?Fröhlich:Ja. Aber die Sicht auf Behinderung hat sich insgesamt verbessert. Immer mehr Menschen sehen die Potenziale.

Candussi: Nachhaltig verändert man alte Bilder nur in der Begegnung. Es gibt immer mehr inklusive Schulen, wo die Begegnung mit behinderten Menschen der Fall ist.

Die Rekordarbeitslosigkeit verschlimmert die Lage vermutlich.

Fröhlich: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Sozialbudgets nicht. Die Mittel für sozialökonomische Betriebe wurden gekürzt, auch die Lohnkostenzuschüsse. Das macht es für Unternehmer schwierig, Menschen mit geistiger Behinderung einzustellen.

Candussi: Es gibt eine Studie zum Social Return of Investment: Jede Person, die wir in den Arbeitsmarkt vermitteln, erspart dem Staat Kosten – eine Win-win-Situation. In Tagesstätten bleiben sie ein Leben lang auf der Payroll des Sozialbudgets. Man müsste hier viel mehr evaluieren.

Was hätten Sie gern anders?

Fröhlich: Wir hätten gern Zugang zu Fördertöpfen der For-Profit-Unternehmen. Für soziale Innovation gibt es keine Förderung.

Ashoka bietet Ihnen Workshops und Unterstützung für drei Jahre. Was wollen Sie damit erreichen?

Candussi: Wir haben über Ashoka in den vergangenen Monaten wertvolle Kontakte zu Unternehmen bekommen.

Fröhlich: Wir wollen bis Jahreswechsel 30 Franchisepartner haben, 27 sind es bereits. Dadurch wollen wir mehr Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung schaffen.

Sozial innovativ: atempo

Die Geschäftsführer Organisationsberaterin Walburga Fröhlich baute ein Beratungsinstitut für Eltern behinderter Kinder auf und leitete die Beratung bei alpha-nova. Klaus Candussi hatte alpha-nova, ein Dienstleistungsunternehmen für Behinderte und psychisch Kranke, 1992 gegründet.

atempo Das Social Business bietet Bildung und Jobvermittlung für Menschen mit geistiger Behinderung und finanziert sich durch den Investor BonVenture aus München und durch staatliche Förderungen. 2014 wurde atempo mit dem Trigos Award für CSR ausgezeichnet.

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