Cobra-Mitarbeiter trainieren in Wien eine Festnahme.

© /BMI/AlexanderTuma

Porträts
01/19/2015

Immer in Gefahr

Sie entschärfen Bomben, stehen Amokläufern gegenüber oder sichern Krisenregionen: Drei Menschen in Ausnahmejobs erzählen von der Angst im Arbeitsalltag.

von Nicole Thurn

Ein erhobener Bleistift wurde in den vergangenen Tagen zum Symbol, der Angst vor dem Terror zu trotzen. Millionen Menschen solidarisierten sich mit dem Satiremagazin Charlie Hebdo nach den Terroranschlägen. Charlie Hebdo zeichnete weiter, ließ fünf Millionen Exemplare drucken. Die Botschaft: Wir lassen uns nicht von der Angst beherrschen. Wir machen weiter, stärker als bisher.

Für Mitarbeiter anderer Berufe stellt sich diese Frage erst gar nicht. Sie agieren stets in bedrohlichem Umfeld, sind täglich der realen oder potenziellen Lebensgefahr ausgesetzt. Sie stehen vor Amokläufern, sorgen in Krisenregionen für Sicherheit oder entschärfen Bomben. Sie machen ihren Job, wo andere Todesängste ausstehen würden (siehe Porträts).

Das Sicherheitsrisiko zu negieren, wäre verantwortungslos, sagt Jürgen Högl. Er ist derzeit für das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) als Programmdirektor Syrienkrise im Libanon im Einsatz, um syrische Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch: "Wenn du laufend Angst hast oder dich unsicher fühlst, solltest du – im eigenen Interesse und im Interesse der Kollegen – aus dem Einsatz gehen", rät er.

Angst hilft uns zu überleben – oder gefährdet unser Leben, meint Kristina Hennig-Fast, Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie an der Universität Wien. Sie arbeitet unter anderem mit der Polizei. Wer zu wenig Angst habe, werde schnell unvorsichtig und gehe unnötige Risiken ein.

Aber: "Eine mittlere Dosis Angst führt dazu, dass wir Reize besser wahrnehmen, besser fokussieren, schneller reagieren", sagt Hennig-Fast. Die Aufmerksamkeit ist geschärft, wir schätzen die Gefahr ein, sind handlungsfähig. Steigt die Angst weiter an, kehrt sich der Effekt jedoch ins Gegenteil um: Wir können die Reize nicht mehr verarbeiten, werden handlungs- und entscheidungsunfähig. Wir sind starr vor Angst. Und gefährden damit uns und andere.

Gene und Gehirn

Wo die Grenzen zwischen gesunder und ungesunder Angst verlaufen, ist individuell, sagt die Expertin. Alter, Geschlecht, physische und genetische Konstitution spielen eine Rolle. "Frauen tendieren aus hormonellen Gründen eher zur Ängstlichkeit", zeige die Forschung. Die Neurowissenschaft macht den Sitz der Angst im Gehirn in der Amygdala fest. Ist sie zerstört, kann der Mensch keine Angst mehr empfinden. Ist sie sehr aktiv, macht sie ängstlich.

Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle in Gefahrenjobs, meint Hennig-Fast: "In diesen Berufen finden sich eher Sensation Seekers, die das Abenteuer suchen und offen für neue Erfahrungen sind."

Gefährliche Situationen könnten zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, "daher müssen Leute in solchen Berufen sehr gut ausgebildet werden." In Trainings lerne man in der Regel, Stress und Emotionen in Ausnahmesituationen zu trainieren. So stellt das Einsatzkommando Cobra beispielsweise Geiselnahmen oder Amokläufe lebensnah nach, im Militär werden Kriegsszenarien virtuell durchgespielt. Diese Präventivtrainings hätten einen positiven Effekt, sagt die Expertin: "Die Teilnehmer werden resilienter und handlungsfähiger."

Lebensnotwendig ist jedenfalls, Risiken richtig einzuschätzen. So müssten sich die ÖRK-Mitarbeiter im Libanon an einen strengen Verhaltenskodex halten, würden ständig über Gefahren informiert, erzählt Högl. Immer wieder kommt es zu Selbstmordattentaten, zuletzt vergangenen Samstag in Tripoli. "Die Mitarbeiter wurden per SMS informiert", so Högl. Er selbst habe keine Angst, "aber Respekt". In zu gefährliche Situationen gehe man nicht hinein, denn: "Ein gebrochener Helfer oder eine tote Heldin helfen niemandem."

„Die Nerven wegschmeißen hilftniemandem“

Seit 34 Jahren ist Detlef Polay Polizist. Der Stabsleiter des Einsatzkommandos Cobra hat viel erlebt: Er war als Berater nach den U-Bahn-Anschlägen in London im Einsatz und während der Karikaturenkrise in Teheran, er half, die Österreicher während des Arabischen Frühlings aus Ägypten zu holen. Detlef Polay ist auch immer wieder für den Personenschutz im In- und Ausland tätig: „Je nach Gefährdungslage ist das eine sensible Angelegenheit, wo man sich gewahr sein muss, dass etwas passieren kann.“ Seinen schwierigsten Einsatz jedoch hatte Polay am 17. September 2013: Als Einsatzleiter in Annaberg verlor er Kollegen durch den Amokschützen Alois H., 135 Cobra-Beamte und 200 Exekutivkräfte versuchten damals, den Wilderer zu stellen. „Man hat bei einem solchen Einsatz gar keine Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken“, sagt er.

Hatten Sie in Annaberg Angst?
Detlef Polay: Man muss in dieser Situation darauf schauen, dass man nicht weitere Mitarbeiter verliert. Die Nerven wegschmeißen hilft niemandem. Bei Gefahr habe ich keine Zeit für Angst, sie wird umgeleitet in erhöhte Aufmerksamkeit. Mein Job ist es, Ruhe zu bewahren und die Aufgaben abzuarbeiten. In so einer Situation passiert viel gleichzeitig. Der Chirurg muss auch abrufen, was er gelernt hat, wenn der Patient zu sterben droht. Das Nachdenken über die Gefahren kommt erst danach.

Warum machen Sie diesen Job?
Ich bin Polizist aus Leidenschaft. Bei der Cobra kann ich einen Beitrag leisten, um den Österreichern ein sicheres Umfeld zu ermöglichen.

Wie werden die Cobra-Beamten vorbereitet?
Wir haben ein dreistufiges Auswahlverfahren in drei Tagen, mit medizinischem und körperlichen Check , die Schießleistungen werden getestet. Voraussetzung ist zwei Jahre Praxiserfahrung als Polizist. Danach gibt es eine sechsmonatige Grundausbildung. Dort sehen wir, ob der Mitarbeiter belastbar genug für den Job ist. Erst dann wird er in die Cobra aufgenommen.

„Angst schärft den Verstand – man wird vorsichtiger“

Rund tausendmal rückte der Entminungsdienst im Vorjahr aus, um Kriegsmunition zu sichern. Präzises und ruhiges Arbeiten gehöre dazu, denn man wisse nie, ob es sich bei einer Bombe um einen Blindgänger handeln könnte, erzählt Wolfgang Korner, Leiter des Entminungsdienstes im Verteidigungsministerium. Präzision und Ruhe sei oberstes Gebot. Seit 26 Jahren ist Korner im Entminungsdienst tätig und noch immer vor Ort im Einsatz. Bomben explodieren selten. 1996 war er dabei, als eine Granate nach missglückter Sprengung von selbst detonierte. Eine Ausnahme. Dennoch, der Umgang mit Kriegsmunition sei gefährlich, „trotz Fehleranalysen bleibt das Risiko.“

Wann hatten Sie in Ihrem Job am meisten Angst?
Wolfgang Korner: Ich bin nicht vor Angst schweißgebadet, wenn ich in der Früh aufstehe. Im Straßenverkehr setzt man sich genauso einer Gefahr aus. Anfangs war die Angst da, weil das Unbekannte vorherrschte. Mit der Routine und Erfahrung hat sie abgenommen. Bei riskanten Langzeitzünderbomben kommt sie schon auf. Angst schärft den Verstand – man wird vorsichtiger. Sie tritt aber schnell in den Hintergrund, man agiert automatisch.

Und als die Granate explodierte?
Da war der erste Gedanke, nichts wie weg. Überlegungen zur Gefährlichkeit kommen erst im Nachhinein. Als 2003 in Salzburg eine Bombe explodierte, habe ich mich gefragt, warum mache ich das. Die Frage schwebt noch immer unbeantwortet in meinem Kopf herum.

Wie bereiten Sie Mitarbeiter vor?
Nach einem Eignungsverfahren lernt man drei Jahre lang im Job von erfahrenen Kollegen.

Wie kamen Sie zum Job?
Mein Buddy erzählte mir vom Entminungsdienst, es interessierte mich. Über die Gefahr machte ich mir keine Gedanken.

„Die Angst zu verdrängen, macht keinen Sinn. Sie holt einen ein“

Acht Monate war Thomas Erkinger ab November 2011 als Kommandant im Libanon, um das österreichische Kontingent der UNIFIL zu leiten. Die Österreicher waren für die Versorgung aller UN-Soldaten und für die Logistik zuständig. Stationiert waren sie im UNIFIL-Headquarter in Naqura an der Grenze zu Israel, in einer ständigen Konfliktzone. „Wenn dort Krieg ausbricht, ist man mittendrin“, sagt Erkinger. Die UN-Camps boten hohen Schutz per Überwachung, „außerhalb des Camps war man besonderer Gefahr ausgesetzt.“ In der Umgebung kam es immer wieder zu Bombenanschlägen von Islamisten. Sprengsätze wurden am Straßenrand ferngezündet, wenn UN-Konvois vorbeifuhren. „Wir waren durch eine unsichtbare Gefahr bedroht“, sagt Erkinger. Als ein französischer Konvoi am 9. Dezember 2011 in eine Straßenrandbombe fuhr, kam die Angst. Die österreichischen Konvois erhielten einen rot-weiß-roten Anstrich, die Soldaten tauschten ihre grünen Uniformen gegen welche mit Camouflage – wegen der Verwechslungsgefahr mit israelischen Soldaten.


Wann hatten Sie in Ihrem Job am meisten Angst?
Thomas Erkinger: Angst hat man als Kommandant um seine Leute, man weiß ja nie, was draußen passieren kann. Als der französische Konvoi in die Bombe fuhr, waren drei meiner Konvois in der Gefahrenzone. Einen Soldaten mussten wir heimschicken, weil er massive Angstzustände bekam. Angst zu verdrängen macht keinen Sinn, sie holt einen sowieso ein. Aber wir haben Psychologen vor Ort, besprachen jede Woche die Bedrohungslage.

Wie wird man als Friedenssoldat ausgewählt und vorbereitet?
Die Soldaten werden schon in der Ausbildung darauf gedrillt, Konflikt- und Krisensituationen zu bewältigen. Im Auswahlverfahren gibt es psychologische Tests, die Bewerber verbringen eine Nacht im dunklen Bunker mit Schlafentzug, so wird die Belastbarkeit getestet.

Warum haben Sie den Job gemacht?
Aus Lust am Abenteuer, man schnuppert internationale Luft. Ich leite zur Zeit das Jägerbataillon in Güssing, möchte aber irgendwann wieder ins Ausland.

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