Ihr ödet uns an

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Die Lehrenden sind didaktisch inkompetent, sagen Studierende in Umfragen. Die Studentenvertreter wollen mehr Mitsprache bei Lehrveranstaltungen

Einführung in die Statistik. In hastigem Tempo schreibt der Professor Formeln an die Tafel. Spricht schnell, wirr – und leise. Eine tödliche Kombination für jeden Wissenstransfer. Nur selten wendet er sich den 300 Studierenden im Hörsaal zu. Fragende Blicke im Plenum, Gähnen in den Reihen. Einige haben sich mental in die Weiten des Internets auf ihrem Smartphone verabschiedet. Ein Fehler. Denn später, bei der Prüfung, werden rund 70 Prozent der Studierenden durchfallen.

Wo die einen Professoren enthusiasmiert über ihr Fach dozieren, nuscheln die anderen phlegmatisch vor wirr aufbereiteten Folien am uralten Overheadprojektor. Qualität in der Lehre ist eine Frage der Lehrenden.

Und die schneiden nicht gut ab: Drei von vier Studierenden fehlt regelmäßiges Feedback, jeder Zweite sagt, die Professoren würden nicht zur Mitarbeit motivieren. Das ergab eine Studie im Auftrag der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) im Vorjahr. Für fachlich fähig halten nahezu alle Studierenden ihre Lehrenden, aber: 42 Prozent sprechen den Professoren didaktische Kompetenzen gänzlich ab.

„Die Studierenden haben recht“, sagt Andre Gingrich trocken. Er ist Professor am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie an der Uni Wien. „Teilweise ist die Studie noch freundlich ausgefallen“, meint er. Schlechte Lehrende seien mitunter der Grund, dass die Fakultät für Sozialwissenschaften nicht den besten Ruf habe. „Man muss ihnen Fortbildungsanreize bieten“, sagt er.

Dabei haben viele Unis in den vergangenen Jahren Weiterbildungszentren für Lehrende gegründet. Laut Charlotte Zwiauer, Leiterin des Centers for Teaching and Learning an der Uni Wien, ist die Bereitschaft zur Weiterbildung groß: „Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verbessert, auch bei älteren Lehrenden.“

Professoren, lernt!

Der ÖH reicht das nicht. Sie fordert, dass die Lehrenden verpflichtet werden, sich alle fünf Jahre weiterzubilden, sagt Vorsitzender Martin Schott: „In Didaktik, Genderkompetenz, Methodenlernen.“ Auch Martin Polaschek, Vorsitzender des Forums Lehre in der Universitätenkonferenz (UNIKO), kann sich eine Verpflichtung zur Weiterbildung vorstellen, „weil es für jene, die sich weiterbilden, so aussieht, als hätten sie es nötig.“ Und Professor Gingrich meint: „Ein Zertifikat für die Lehrbefähigung wäre sinnvoll. In der AHS wird Fortbildung von Lehrenden erwartet, warum nicht auch an den Unis.“ Dennoch meint Polaschek: „Die Lehre ist besser als ihr Ruf.“ ÖH-Chef Schott ist daher für eine Aufwertung der Lehre. „Man muss weg vom Begriff ,Lehrbelastung‘“, sagt er. Die Lehre müsse auch bei der Berufung von Professoren stärker einbezogen werden.

Nicht vergessen werden darf: Qualität in der Lehre ist auch eine Frage der Strukturen. „Es ist nicht leicht, in überfüllten Hörsälen gute Lehre zu machen“, sagt Martin Polaschek. „Wir müssen weg­gehen von den Vorlesungen, hin zu den Interessen der Studierenden.“ Genau das will Schott abschaffen. Er fordert eine studentenzentrierte Lehre, die sich die Studierenden laut Studie wünschen würden. Heißt: „Weg von Vorlesungen im überfüllten Hörsaal, hin zu den Interessen der Studierenden.“ Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle hält dagegen, die Studierenden müssten sich anpassen: „Das Fach steht im Mittelpunkt, nicht der Student.“

Für Martin Schott ist beides wichtig. Daher will er die Studierenden bei den Lehrveranstaltungen mitbestimmen lassen – mit den Professoren sollen sie Inhalte, Lernziele und Art der Präsentation festlegen. Auch die Vorlesungen sollten aufgelockert werden, „mit Recherchearbeit in Kleingruppen“. Inhaltlich würden die Studierenden sich gern kritischer mit Themen auseinandersetzen, „in meinem Studium Biotechnologie beispielsweise hatte die Ethik lange keinen Platz“, sagt Schott.

Für Charlotte Zwiauer ist studentenzentrierte Lehre an der Uni Wien bereits Realität, dank Blended Learning: Lehrende diskutieren auf Online-Plattformen mit den Studierenden, Vorlesungen werden im Internet übertragen. Denn: „Auch Lehrende wollen motivierte Studierende.“

Studierende müssen sich anpassen

Karlheinz Töchterle, Bundesminister fuer Wissensch…
Karlheinz Töchterle, Bundesminister fuer Wissenschaft und Forschung © Bild: gilbert novy

KURIER: In einer Diskussionsrunde im Jänner haben Sie gesagt: „An der Uni hat das Fach zu interessieren, nicht der Studierende.“ Halten Sie Qualität in der Lehre nicht für wichtig?

Karlheinz Töchterle: Das ist bewusst zugespitzt, ich halte sie natürlich für sehr wichtig. Aber ich habe immer zwei Arten von Lehre vor Augen: Jene in der Schule und jene an der Universität. An der Schule muss sie schülerorientiert sein, die Motivation der Schüler vor Augen haben. An der Uni kann man davon ausgehen, dass der Student bereits motiviert ist. Das Fach steht im Mittelpunkt, nicht der Student. Ich kann nicht das Fach an die Studierenden anpassen, sie müssen sich an das Fach anpassen.

Ist die Vorlesung zeitgemäß?

Im Idealfall findet forschendes Lehren statt – in Seminaren, Lehrlaboren. Da ist soviel Selbsttätigkeit und Kommunikation dabei, dass es die Vorlesung verträgt.

Sie sagen „im Idealfall“: Der ist in einigen Massenfächern so gar nicht gegeben.

Wir nehmen 36 Millionen Euro in die Hand, um die Betreuung in fünf sehr stark nachgefragten Studienfeldern und damit auch die Lehre zu verbessern, zum Beispiel mit 95 neuen Professuren. Wir haben in den Leistungsvereinbarungen mit den Unis Geld für eLearning, Blended Learning, den Ausbau von Laboren vorgesehen.

Bessere Betreuung heißt noch nicht, dass der Professor gut ist.

Nein, das heißt es nicht. Aber je weniger Studierende, desto besser kann er auf den Einzelnen eingehen.

Nicht einmal die Hälfte der Studierenden hält die Lehrenden für didaktisch fähig.

Das ist so nicht plausibel. Allerdings gibt es Lehrende, die sagen, die Studierenden haben gefälligst das zu verstehen, was sie verkünden – friss oder stirb. Das ist natürlich nicht ideal.

Warum ist das so?

Sobald ich Wissen vermittle, muss ich vereinfachen. Das sehen manche Wissenschafter vielleicht als Kontamination der „reinen“ wissenschaftlichen Idee.

Liegt es nur am einzelnen Professor, ob er gut lehrt?

Nicht nur. Zahlreiche Maßnahmen zielen auf mehr Qualität ab, wie die Habilitation, die „Erlaubnis zu lehren“. Auch bei der Berufung der Professoren wird die Lehre stärker berücksichtigt. Das Fortkommen der Nachwuchswissenschafter ist daran geknüpft, die Unis bieten vermehrt Weiterbildung an. Das wird von manchen Lehrenden mit Skepsis beäugt.

Einen Zwang zur Weiterbildung wird es nicht geben?

Nein. Jede Uni hat ja Interesse daran, gute Lehrende zu haben. Die Autonomie funktioniert sehr gut.

In den USA inszenieren manche Profs geradezu Events – in Österreich vorstellbar?

Ich kannte einen Geschichtsprofessor in Innsbruck, der zog mit seinen Vorträgen das Publikum von der Straße an. Wir wollen diese Kultur auch fördern und gute Lehre vor den Vorhang holen: Mit dem neuen Staatspreis Ars Docendi.

Der eher jüngere als alteingesessene Professoren anspricht?

Wahrscheinlich. Aber auch sie freuen sich über einen Preis. Alter schützt vor guter Lehre nicht.

Erstellt am 12.03.2013