Interview mit Volkmar Weiss, Werbeagentur - Jung von Matt am 05.02.2013 in Wien

© KURIER /Gruber Franz

Karrierewege
02/14/2013

Gut gebrüllt, goldener Löwe

Dem Grafiker Volkmar Weiss reicht ein weißes Blatt Papier – sein Weg zum Kreativ-Geschäftsführer

von Nicole Thurn

Die Gegend ist grau. Die Fassade der Volkshochschule Meidling, der Beton, auf dem Kinder Fußball spielen, der Asphalt, auf dem eine Teenie-Mutter ihren Kinderwagen vor sich herschiebt. Kreativgegend ist das keine, rund um die Längenfeldgasse in Meidling.

Zumindest, solange man nicht genauer hinsieht. Denn im Innenhof der Hausnummer 27 werkt Designerin Lena Hoschek, daneben im ehemaligen Fabriksgebäude rauchen 60 Kreativköpfe der Werbeagentur Jung von Matt. Unter ihnen der neue Geschäftsführer Kreation, Volkmar Weiss.

Ein waschechter „Jungvonmattler“, wie der 38-Jährige von sich sagt. Der Regensburger wurde in den vergangenen zwölf Jahren mit 150 internationalen und nationalen Preisen ausgezeichnet. Und mit der größten Ehre der Branche, dem goldenen und dem bronzenen Design-Löwen in Cannes. Bei der Verleihung des goldenen – für das Corporate Design des Weinguts Oggau – war Weiss nicht dabei. „Ich hätte nie gedacht, dass wir ihn gewinnen“, sagt er. Das Lürzer’s Archive Ranking reihte ihn im Jahr 2011 auf Platz sechs der besten Art Direktoren der Welt. „Das ist ja übertrieben, das stimmt ja nicht“, wehrt er mit einer Handbewegung ab und lächelt beschämt. Wie man das schaffe? „Indem man halt in guten Agenturen arbeitet und Preise gewinnt, das ist ganz einfach.“ 15, 20 Preise pro Jahr gingen sich schon aus, außerdem sei ja auch sein Team daran beteiligt gewesen.

Klein begonnen

Bescheiden ist der Regensburger schon, auch wenn er es in zwölf Jahren bei der Werbeagentur Jung von Matt in München, Hamburg und Wien vom Praktikanten zum Geschäftsführer Kreation geschafft hat. Vor allem aber ist er leidenschaftlicher Gestalter. „Ich will die Dinge liebevoll gestalten“, sagt er. Gezeichnet, Comics gemalt hat er schon als kleiner Junge. Den Achtjährigen begeisterte nichts mehr als das Comic „Tim & Struppi“, bald kaufte er auch Bücher über Hergé, den Comiczeichner. „Er hatte ein Studio in Paris, verdiente mit Zeichnen sein Geld. Das wollte ich damals auch.“

Das hat er heute längst. Wer glaubt, dass der junge Kreative vor einem weißen Blatt Papier sitzt und auf die Blitzeingebung wartet – hat recht. „Es kommt immer irgendeine Idee“, sagt er. „Einmal besser, einmal schlechter.“ Meist wohl eher besser. Als Art Director und Creative Director bei Jung von Matt betreute er riesige Etats wie die von BMW, Wüstenrot, Manner. Weiss ist detailverliebter Perfektionist: „Der Kunde und ich, wir beide müssen mit dem Ergebnis zufrieden sein“, sagt er. Und hat nicht nur Freude an seinem Job, sondern auch am Ergebnis. Zurzeit ist ganz Wien mit dem „Downsyndrom Festival“ plakatiert, eine Kampagne von Jung von Matt. „Dann gehe ich hinaus, sehe mir die Plakate an und freue mich“, sagt er. Inspiration holt er sich von überall, von Musik, Kunst, Büchern – „wie 1Q84 von Haruki Murakami, eine ganz eigene, inspirierende Welt.“

Vor zwei Jahren besann sich der „leidenschaftliche Geher“ – „ich mache sonst so gut wie keinen Sport“ – auf das, wovon er schon als junger Grafikdesign-Student geträumt hatte. Ein kleines, feines Büro. Mit dem Bureau Weiss und Geschäftspartnerin Catharina Winding machte er sich in Wien selbstständig, spezialisierte sich auf Packaging und Produkt Design. „Einem neuen Produkt Aussehen und Image zu geben, macht total Spaß“, schwärmt er. Dann kam das Angebot seiner früheren Chefs, Anfang dieses Jahres zu Jung von Matt zurückzukehren – als Geschäftsführer Kreation. Er nahm an. Seinen Mitarbeitern will er auch künftig viel Freiheit lassen: „Denn entsteht das Produkt mit Angst und verkrampft, spürt man das später."

Als Kind wollte ich ... Comiczeichner werden.

Erfolg ist für mich ... eine positive Nebenerscheinung meiner Arbeit.

Die größte Herausforderung ... ist für mich, jedes Projekt aufs Neue so zu machen, dass ich und der Kunde gleichermaßen zufrieden sind.

Ein Fehler ist ... dass ich auf solche Fragen nicht spontan antworten kann.

Mein Führungsstil ... den Menschen sowohl die Freiheit als auch die Grenzen geben, die sie brauchen.

Mein Luxus ... ist es, Zeit für mich und meine Familie zu haben.