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Wirtschaft Karriere
05/15/2021

Nach Corona: Das ist die Zukunft der Geschäftsreisen

Die Pandemie lässt uns vieles hinterfragen – so auch Geschäftsreisen. Sind sie noch notwendig und wenn ja, welche und wie viele?

von Diana Dauer

Der kleine schwarze Rollkoffer setzt Staub an, der Reisepass ist in einer Schublade verschwunden. Früher, also vor März 2020, flog Martina K. nahezu jeden Montag von Wien nach Frankfurt und donnerstags zurück. Auch Paul B. flog montags von seinem Wohnsitz in Texas an die Ostküste der Vereinigten Staaten, um dort persönlich mit Kunden zu arbeiten. Donnerstags flog er meistens wieder zurück. Nun sitzen Martina K. und Paul B. seit Monaten täglich vor ihren Laptops, in den Wohnungen, die sie sonst nur an den Wochenenden bewohnten. Und sie arbeiten praktisch reibungslos weiter.

Reisemarkt eingebrochen, Erholung in Sicht?

Dienstreisen sind, wie fast der gesamte weltweite Reiseverkehr, zeit- und streckenweise komplett ausgefallen – coronabedingt. Angestellte, Kollegen, Management und Kunden haben sich meistens nur noch im virtuellen Raum getroffen.

Vielerorts wurden diese virtuellen Meetings von der Feststellung begleitet, dass ein persönliches Treffen gar nicht so notwendig ist. Die Strapazen und Kosten der mehrstündigen Anreise mit Bahn, Auto oder sogar Flugzeug für ein kurzes Meeting und den persönlichen Kontakt werden für viele Unternehmen und ehemalige Dienstreisende auch nach der Pandemie nicht mehr zu rechtfertigen sein.

Hinzu kommt das steigende Bewusstsein für Nachhaltigkeit und das Klima, sowie politische Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel, die Spuren im Dienstreisesektor hinterlassen werden.

Wird sich das Reiseaufkommen also je wieder an das Vorkrisenniveau annähern? Und wenn ja, wann?

Hört man sich in den unmittelbar verbundenen Branchen Luftfahrt und Bahn um, sind die Antworten, Prognosen und Ängste teils sehr unterschiedlich. Manche Branchenkenner und Vertreter sind optimistischer als andere.

Wird sich die Branche überhaupt erholen?

Die Folgen der Pandemie auf die Flugbranche rechnete die IATA, der internationale Luftfahrtbranchenverband, kürzlich vor: Alle Fluggesellschaften weltweit erwirtschafteten 2020 zusammen einen Verlust von fast 120 Milliarden Dollar (100 Milliarden Euro). Während 2019 noch 4,5 Milliarden Passagiere mit dem Flugzeug unterwegs waren, waren es 2020 1,8 Milliarden.

Zuletzt lag die weltweite Passagierzahl 2003 auf so niedrigem Niveau, vermeldete die IATA. Von einer Erholung der Luftfahrtbranche wird frühestens 2023 oder 2024 ausgegangen.

Optimismus in Österreich

Während die IATA von einem nachhaltigen Rückgang der Geschäftsreisen ausgeht, schlägt der Österreichische Luftfahrtverband andere Töne an: "Wir rechnen mit einer 100-prozentigen Erholung des Business-Flugverkehrs. Wir wissen nur nicht wann. Was wir wissen, ist, dass sich das Business-Reise-Segment 2021 nicht erholen wird“, heißt es auf KURIER-Anfrage. "Die Sache ist nämlich die: Zuerst starten die Flugreisen zu Freunden und Verwandten, dann kommen die Urlaubsreisen wieder. Und als Letztes ziehen die Dienstreisen an.“

Zögern bei Dienstreisen

Die lange Planungszeit für kurze Businesstrips lässt Travel Manager in den Unternehmen zögern. "Es ist auch eine Frage der Reisebeschränkungen und des Impffortschritts“, lässt der Verband wissen. Allerdings sei die zögerliche Rückkehr ein hauptsächlich europäisches Phänomen. Der inländische Flugverkehr auf den Märkten China, Russland oder den USA soll sich wieder komplett normalisiert haben, berichtet der österreichische Luftfahrtverband.

Charter-Flüge im Aufwind

Ähnlich optimistisch ist die Austrian Business Aviation Association (ABAA), vor allem für das High-end-Segment der Geschäftsreisen. Die ABAA ist der Verband der Flugunternehmen, die selbst Charter-Flüge anbieten und hauptsächlich für Business-Trips gebucht werden. Der klassische Kunde sei CEO von großen namhaften österreichischen, europäischen, baltischen und russischen Unternehmen.

Auch Privatjet-Unternehmen würden jedoch spüren, dass vor allem die europäische Nachfrage noch verhalten ist. "Amerikaner buchen wieder stärker und Osteuropäer lassen sich von der Pandemie auch nicht mehr abhalten“, sagt ABAA-Vorstandsmitglied Darko Cvijetinovic.

"Wir liegen bei 75 Prozent des Vorkrisenniveaus und erwarten, dass wir uns Ende des Jahres oder Anfang des nächsten Jahres wieder komplett erholt haben“, so Cvijetinovic. Die Geschäftsreisen hätten seit Oktober klar wieder zugenommen.

Warum aber erholt sich in dieser Wirtschaftskrise gerade der teure Privatjet-Sektor schneller als andere?

"Bei uns fliegt der Top-Manager etwa von Wien nach Salzburg, dort holen wir den Geschäftspartner ab, dann geht es nach Frankfurt. Dann weiter nach Braunschweig und am Abend zurück nach Wien. Die Zeit unserer Kunden ist sehr teuer. Außerdem werden vermehrt Verbindungen, wie Wien-Frankfurt von Menschen gebucht, die früher mit den Airlines geflogen sind. Aber die Airlines bieten derzeit kaum Tagesrandflüge an“, so Cvijetinovic.

Airlines reduzieren ihre Flotte langfristig

Die großen Airlines, wie die Lufthansa und mit ihr die Austrian Airlines, reduzieren ihre Flotten nach und nach. Laut Medienberichten werden bei der Lufthansa 150 Flugzeuge „ausgeflottet“ und nicht nur zeitweise geparkt.

Auch die AUA, die ja zur Lufthansa gehört, reduziert ihre Flotte langfristig. Das könnte als Signal verstanden werden, dass auch die Airlines einen langfristigen Strukturwandel erwarten. "Daran kann man sehen, dass die Strategen mit einer dauerhaften Reduktion des Flugverkehrs rechnen“, sagt Wilfried Kropp, Vorstandsmitglied der Austrian Business Travel Association (ABTA).

Wer in Österreich beruflich reist

"In Österreich sind es die kleinen und mittleren Unternehmen, die in ihren Bereichen sehr gut sind, die auch reisen müssen – vor allem innerhalb Österreichs, aber auch nach Deutschland und Osteuropa“, so Martin Winkler, Vorstandsvorsitzender vom Verkehrsbüro, dem größten österreichischen Tourismuskonzern.

Er ist sich sicher, dass Geschäftsreisen nach dem Ende der Pandemie nicht komplett verschwinden werden. Mittelfristig werden sich Geschäftsreisen wohl eher bei etwa 80 Prozent des Vorkirsenniveaus einpendeln, prognostiziert Winkler.

Nicht alles geht virtuell

Das persönliche Treffen ist eben nicht ganz durch digitale Meetings zu ersetzen: Heikle Verhandlungen erfordern etwa echte Präsenz. Oder, wenn man vor Ort verkaufen muss.

Das berichtet auch die Travel Managerin einer großen Internationalen Rechtsanwaltskanzlei mit Sitz in Wien. "Bei uns reisten früher übers Jahr 50 Personen regelmäßig. Nach Osteuropa, sehr viel nach Großbritannien, natürlich in die europäischen Hauptstädte, und auch nach China und in die USA“, erzählt die Travel Managerin.

Vor der Krise reisten auch häufig junge Anwälte drei bis vier Mal jährlich aus Osteuropa für Schulungen nach Wien. Die Corona-Krise aber habe das Reiseverhalten im Unternehmen nachhaltig verändert: "Wir haben gesehen, dass vor allem interne Meetings durchaus digital bleiben können. Jetzt werden Dienstreisen nur noch dann gemacht, wenn man physisch gebraucht wird, bei der Akquise, beim Neukundengeschäft oder der Betreuung von Mandaten.“

Die Travel Managerin erwartet in ihrem Unternehmen einen Reiserückgang von 40 Prozent. "Natürlich gibt es strukturelle Veränderungen“, sagt sie klar.

Nachhaltiger struktureller Wandel

Dieser strukturelle Wandel betrifft gleich mehrere Bereiche in den Unternehmen: den Anlass der Dienstreise, das Fortbewegungsmittel und die Dauer des Aufenthalts.

"Die meisten Termine, die so kurz sind, dass man in der Früh hinfährt oder hinfliegt und am Abend wieder zurückkehrt, werden wohl in Zukunft vermehrt virtuell abgehalten“, erklärt ABTA-Geschäftsreisen-Experte Wilfried Kropp.

Wenn Termine persönlich stattfinden müssen, werden kurze Strecken wie Wien-München aus ökologischen Gründen und aus Zeitgründen in Zukunft eher mit der Bahn gemacht werden, meint die Travel Managerin.

Das würde vor allem für alle Reisen gelten, die insgesamt weniger als sieben Stunden dauern, sind sich die befragten Experten einig. Denn: Im Zug kann man gut arbeiten, der Flug würde mit Ab- und Rückreise nicht unbedingt schneller gehen – und man schont obendrein die Umwelt.

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