Aerin Weber, 20, will so viele Länder wie möglich bereisen

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Wirtschaft Karriere
10/07/2019

Generation Y und Z: Welche Karrieren die Jungen wollen

Arbeitsfaul, gut ausgebildet, unberechenbar? Wie die Jugend tickt, wurde hinreichend erforscht. Experten warnen vor Klischees.

von Ornella Wächter

„Allgemein über die Jugendlichen zu sprechen, ist zum Scheitern verurteilt“, schreibt Klaus Posch, Professor für Soziale Arbeit an der FH Joanneum, in einer Rezension über die Bücher zweier österreichischer Jugendforscher, von denen einer später zu Wort kommen wird. „Die Jugend ist ein Lebensalter, das so heterogen ist, wie nie zuvor.“

Posch will damit nicht die Arbeit der Forscher kritisieren, sondern vielmehr betonen, wie schnell eine klischeehafte Diskussion entstehen kann, wenn jeder heranwachsenden Generation eine bestimmte Lebenseinstellung übergestülpt wird.

Die dafür gebrauchten Labels sind bekannt: Babyboomer, Generation X, Generation Y, Generation Z – es sind beliebte Etiketten, um Wünsche, Werte oder Einstellungen einzelner Kohorten von Jugendlichen prägnant und griffig zu charakterisieren.

"Ich möchte studieren, bis zum Doktor"

Elijah Uher, 16 Jahre, ist Basketballspieler und möchte Genetik und Krankheiten erforschen

Mein Herz schlägt für die molekulare Biotechnologie. Derzeit lerne ich an der HTL Rosensteingasse und mache in drei Jahren meinen Ingenieur-Abschluss. Danach möchte ich auf jeden Fall studieren – bis zum Doktor. Entweder Chemie, Physik oder Biologie. Mein Ziel ist die Forschung.

Ich will helfen und die Menschheit langfristig voranbringen. Vor allem die Gentechnologie hat es mir angetan. Ich kann mir gut vorstellen, an Krankheiten oder Immunstörungen zu forschen. Den Doktor würde ich gerne in Australien machen.

Meine Schwester hat dort studiert und ich war ebenfalls begeistert vom Land und der Uni. Überhaupt ist mir ein guter Ruf bei der Ausbildung wichtig. Ich denke, dadurch hat man später bessere Chancen. Familie möchte ich auch unbedingt gründen.  

Mein Motto: Probier es einfach, auch wenn du Fehler machst. Lernen kann man immer daraus.

Generationen-Etikette mit Widersprüchen

Was die Jugend bewegt, wovon sie träumt, was sie vom Leben und vor allem vom Erwerbsleben erwartet, hat Sozialwissenschaftler, Markt- und Meinungsforscher schon immer brennend interessiert.

Die erste Studie wurde in den 1950er Jahren in der Nachkriegsgeneration durchgeführt, finanziert vom Großkonzern Shell, der bis heute regelmäßig die Wertehaltung der nachrückenden Generation abfragen lässt.

Schaut man genauer hin, so stecken diese Bezeichnungen voller Widersprüche. Zum Beispiel heißt es über die Generation Y, auch Millennials genannt, die heute zwischen 22 und 37 Jahre alt sind, sie seien selbstverliebt, streben nach Selbstverwirklichung im Job, wollen aber auch in Beruf und Karriere vorankommen.

Dann wieder um können sich Millennials nicht vorstellen, ein Leben lang in einem Unternehmen zu arbeiten, suchen nach Abenteuern im Ausland und nach beruflicher, sinnstiftender Abwechslung.

"Ich möchte so viele Länder wie möglich bereisen"

Aerin Weber, 20, ist leidenschaftliche Fotografin. Die Reisebegeisterte will die ganze Welt sehen – und kein Haus bauen

Mit 13 Jahren sind meine Eltern und ich von Wien nach Washington D.C. umgezogen. Das hat mein Leben verändert. Seit dem gehört es zu meinen Lebenszielen, so viele Länder wie möglich zu bereisen.

Nach der Matura an einer deutschen Schule in Amerika ging es in die Niederlande. Hier in Utrecht studiere ich International Business & Management. Nebenbei arbeite ich online für eine PR-Agentur. Im Sommer habe ich ein Praktikum in Barcelona gemacht und derzeit bin ich in Bangkok und mache ein Auslandssemester.

Den Master werde ich wieder in einem anderen Land machen, mit dem Ziel, irgendwann ein international tätiges Marketingteam zu leiten.  Haus bauen ist nicht meines, das bindet zu sehr. Zukunftsängste habe ich, aber ich weiß, für jede Angst gibt es auch eine Lösung.

Mein Motto:  Never, never, never give up.

Wertewandel macht sich bemerkbar

In den vergangenen Jahrenwollen die Jugendforscher einen Wertewandel unter den Heranwachsenden entdeckt haben. Die letzte große Sinus-Milieustudie aus dem Jahr 2016 etwa hielt fest, dass 60 Prozent der Jugendlichen in Österreich nach Halt und Sicherheit im Leben suchen, nach festen Boden unter den Füßen.

Alte Werte wie Sparsamkeit, Sauberkeit und Ordnung würden der Studie zufolge für 70 Prozent der unter 30-jährigen eine Renaissance erleben.

Verblüffend ist auch, dass gerade junge Digital Natives, also jene, die bereits mit den Vorzügen des Internets, Smartphones und Apps aufgewachsen sind, alte Strukturen wie zum Beispiel Bankfilialen vermissen.

Eine Umfrage des Bankenverbands zeigt, einfache Geldgeschäfte würden zwar gerne online abgewickelt, sobald es komplizierter wird, wünschen sich selbst die Jungen ein physisches Beratungsgespräch mit einem klassischen Bankbeamten.

"Ich will Katzen, ein Haus und Kinder haben"

Isabella Krall, 17 Jahre, möchte aber auch studieren

Zunächst will ich schnell die Matura hinter mich bringen. Danach interessiere ich mich für Work & Travel in Neuseeland oder Kanada. Ich war im Rahmen eines Schüleraustausches für ein halbes Jahr in Louisiana/USA. Das hat mich viel selbstbewusster gemacht. Vielleicht werde ich auch im Ausland studieren.

Organisations-, Medien-, Event- oder Kommunikationsmanagement interessieren mich sehr. Mir ist bewusst, dass das viele junge Leute machen wollen. Meine Angst ist, dass ich dann etwas arbeiten muss, das mir keinen Spaß macht.

Ich weiß aber auch, dass Eigenverantwortung maßgeblich zum Erfolg beiträgt. Ich will auf jeden Fall Katzen, ein Haus und Kinder haben. Ich muss nicht reich sein, aber ich möchte genug Geld für meine Familie und meine Wünsche haben.

Mein Motto: Wenn man was erreichen will, muss man auch etwas dafür tun.

Clash in der jungen Generation

Auch die Universum Talentstudie, in der über 10.000 österreichische Studierende aus verschiedenen Studienrichtungen Auskunft zu Erwartungen, Wünschen und Vorstellungen gaben, zeigt, dass sich unter den Jungen eine Verschiebung der Werte vollzieht.

Der Titel „Clash der Generationen“ ist zugleich die Quintessenz der Studie: Millennials und die Gen Z (geboren ab 2000) verfolgen signifikant andere Job- bzw. Karriereziele.

Waren für 60 Prozent der Millennials eine Work-Life-Balance noch oberste Priorität, geben dies nur mehr 45 Prozent der Nachfolgegeneration an.

Besonders die Gen Z-Studenten aus dem Wirtschaftsbereich erhoffen sich während ihrer Karriere Gelegenheit auf Führungspositionen (50 Prozent vs. für Millennials 43 Prozent), mehr Auslandsaufenthalte (45 versus 35 Prozent) sowie ein deutlich höheres Einkommen (54 Prozent, Millennials 46 Prozent).

Karriereziele sind nicht nur altersbedingt

Fragt man die Geschäftsführer Florian Märzendorfer und Stefan Rapp des Fintech-Start-up Fip-s.at über die Berufswünsche und Karriereziele der 22 bis 34-Jährigen, kommt als Antwort unisono: „Karrierethemen sind nicht nur altersbedingt, sondern einfach sehr individuell.“

Das Start-up hat sich in seiner Arbeit auf das akademische Bildungsmilieu spezialisiert und bietet FH- und Uni-Absolventen Coachings für Karriere- und Finanzplanung an.

„Vor allem junge Jobeinsteiger sind oft bereit, viel zu arbeiten, Überstunden zu leisten. Mit steigendem Alter dann werden Work-Life-Balance und flexible Zeiteinteilung wichtiger. Auch, weil viele dann an ihre Familie denken“, so Florian Märzendorfer.

Unsicherheiten im Bewerbungsprozess

Eine Gemeinsamkeit scheinen die 22- bis 34-Jährigen aber schon zu haben: eine große Unsicherheit, wie sie ihre Karriere in den Griff bekommen sollen. Viele würden nicht mehr als 30 Minuten pro Monat in ihre Karriereplanung investieren, besonders herausfordernd sei die Gehaltsverhandlung.

Und das, Co-Geschäftsführer Stefan Rapp verweist auf eine in Auftrag gegebene Umfrage, obwohl für 45 Prozent der Jungakademiker die Gehaltsfrage auf Platz zwei der wichtigsten Kriterien der Arbeitgeber-Wahl steht.

"Ich will Sänger und Schauspiel werden"

Jonas Tonnhofer, 14 Jahre, möchte auf den großen Bühnen der Welt stehen und die Menschen unterhalten

Mein Traum ist es, Sänger und Schauspieler zu werden. Mir ist bewusst, dass es schwierig ist, als Künstler Geld zu verdienen, aber ich will es unbedingt probieren. Ich gehe auf das Oberstufenrealgymnasium der Wiener Sängerknaben. Später möchte ich auch Gesang und Schauspiel studieren. Vielleicht absolviere ich zur Sicherheit ein weiteres Studium.

Bis zum Sommer war ich im Kinderchor der Volksoper und damit regelmäßig auf der Bühne. Auf der Bühne zu stehen macht mir großen Spaß. Ein Ziel wäre, ein Engagement am Broadway zu bekommen. Aber ich weiß, dazu muss man sehr gut Englisch können.

Eine Familie will ich auch unbedingt einmal gründen. Zukunftsängste habe ich keine, aber ich weiß nicht, wie das ist, wenn man vom Hotel Mama wegzieht (lacht).

Mein Motto: Gib nie auf, denn du weißt nicht, wie nah du schon am Ziel bist.

Elite versus gesellschaftliche Mitte

Doch wie eingangs erwähnt, reicht der Blick auf die Generationenbezeichnungen allein nicht aus, um das Lebensgefühl bestimmter Jahrgänge beschreiben zu können.

Dem Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier zufolge würden die von jungen Arbeitnehmern geäußerten Wünsche nach mehr Work-Life-Balance oder sinnstiftender Arbeit vor allem von jener Bevölkerungsgruppe geäußert, die eine gute Bildung genossen hat, hoch qualifiziert ist und, wenn man so will, einer gesellschaftlichen Elite angehört: Marktforscher nennen sie digitale Individualisten. Heinzlmaier sagt zu dieser Gruppe auch „Leitmilieu.“

Wenn auf dieser Ebene Veränderung stattfinde, mache sich das schnell im öffentlichen Diskurs bemerkbar, glaubt Heinzlmaier. „Aber“, betont er, „die digitalen Individualisten repräsentieren nur 20 Prozent der jungen Generation. Man sollte sich hüten, die ganze Gesellschaft nach deren Prinzipien auszurichten. Denn – die gesellschaftliche Mitte will das alles überhaupt nicht.“

Nicht jeder Jugendliche ist für mehr Selbstbestimmung im Job, für flexiblere Arbeitszeiten. Die gesellschaftliche Mitte suche Gegenteiliges.

„Nicht das Globale, Deregulative, sondern klare Regeln“, so Heinzlmaier und gibt zum Schluss noch mit: „Es gibt keine Wünsche, die vom Menschen selbst kommen. Eine Generation immer von der Gesellschaft und vom Zeitgeist geprägt.“