Michael Ostrowski

© KURIER/Franz Gruber

Interview
10/24/2013

"Feiern ist ein Menschenrecht"

Michael Ostrowski über Studentenpartys, den Zufall Schauspielerei und Drehbuch statt Diss.

von Nicole Thurn

Die akademische Viertelstunde ist gerade abgelaufen, als Michael Ostrowski in die kleine Stube des Café Fotter stürmt. „Parkplatzsuche“, sagt er entschuldigend, mit dem Auto in die „Unigegend“ zu fahren sei er nicht gewöhnt. Früher, da hat das rote Radl ihn an die Karl-Franzens-Universität Graz gebracht. Dort studierte er Anglistik und Amerikanistik und im Zweitfach Französisch. Stellte in seiner Diplomarbeit einen Literaturvergleich über US-Schriftsteller Don DeLillo und Jean Baudrillard an. Und begann seine Dissertation, die er nie zu Ende schrieb. Dafür fand Ostrowski zum Theater im Bahnhof (TiB). Und zum Film. Kürzlich war er mit dem Sozialkomödie „Die Werkstürmer“ im Kino, führte für den Mediamarkt-Werbespot Regie. Derzeit arbeitet er an zwei Drehbüchern und dreht die Doku-Serie „Herr Ostrowski sucht das Glück“ für den ORF.

KURIER: Das Anglistik-Institut ist hier ums Eck. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Michael Ostrowski: Wir haben in der Studienvertretung Festln organisiert, Hüftschusspartys, haben viel Blödsinn gemacht.

Was zum Beispiel?

Wir haben DJ gespielt, Themenabende gemacht. Einmal zu Dan Quayle: Er war US-Vizepräsident und bekannt für seine depperten Meldungen. Für den Bill-Clinton-Abend haben wir aus Billasackerln Billa Clinton gebastelt. Das Feiern war wichtig im Studium.

Wieso eigentlich?

Feiern ist ein Menschenrecht. Durch die Gemeinschaft, die Lebensfreude wird vieles leichter. Du hast ein anderes Verhältnis zum Studium, wenn du mehr siehst als reines Lernen.

Waren Sie ein Spaßstudent?

Ich habe lustig studiert, aber mit echtem Lernen. Für mich war es ein Privileg, studieren zu können, was mir Spaß macht. Ich war Tutor, sogar für Phonetik in Französisch, obwohl das gar nicht mein Hauptgebiet war. Das war für meine Karriere immer wichtig: Dinge zu tun, die auf einen zukommen.

Was interessierte Sie im Studium?

Crossover zu studieren, verschiedene Gebiete zu verbinden. Ich habe meine Diplomarbeit in Cultural Studies geschrieben, da hat mich das Übergreifende, die Kunst interessiert. Das zieht sich in meiner Arbeit durch.

Sie haben viele Drehbücher geschrieben, auch schon als Student?

Mein erstes Drehbuch „Nacktschnecken“ habe ich während der Dissertation geschrieben. Damals habe ich ein Forschungsstipendium bekommen, habe dann mehr Zeit mit dem Drehbuch verbracht als mit der Diss. Da wurde mir klar, dass ich aus dem Akademischen weggehen musste.

Wie sind Sie auf „Nacktschnecken“ gekommen?

Ich wollte eine Komödie schreiben, in der die Leute so reden wie ich und meine Freunde. Der Humor kam aus der Studententheater-Mischkulanz. Ich trau’ mich schon zu sagen, dass wir damit die Tradition des Österreichischen Films neu gedacht haben.

Wie kamen Sie zum Schauspiel?

Ich habe seit dem ersten Studienjahr Theater gespielt, zuerst am Studententheater „Carl Franc“, dorthin hat mich Anglistikprofessor David Newby geschickt. Er hatte mich in einer Minirolle in einem Theaterstück der Studienvertretung gesehen. Ein Jahr später bin ich über „Carl Franc“ zum „Theater im Bahnhof“ gekommen.

Die Ambitionen zum Schauspieler waren nicht immer vorhanden?

Null. Damals habe ich überhaupt erstmals vom Reinhardt-Seminar gehört. Ich war nie in einer Schauspielschule. Wir holten die Lehrer ans TiB. Do-it-yourself war entscheidend.

Was war Ihr Berufswunsch?

Hatte ich keinen. Ich habe Lehramt studiert, weil das ein guter Beruf sein kann. Meine Eltern waren Lehrer. Aber ich wollte eigentlich ins Ausland.

Sie haben in Oxford und New York studiert.

In Oxford für ein Jahr, in New York habe ich zwei Monate an der Diplomarbeit geschrieben. An der Columbia University sprach der bekannte Drehbuchautor David Mamet vor 500 Studenten: Wer kreativ sein will – weg von der Uni. Das war essenziell für mich.

Sie haben schließlich das Doktorat abgebrochen.

Ja, 2001, nach einem halben Jahr. Ich habe mit dem Verkaufen des Drehbuchs mehr verdient als mit dem Stipendium.

Hätte es den akademischen Weg gebraucht?

Ohne ihn wär ich nicht geworden, was ich bin.

Der nächste Termin im Café Harrach wartet. Mit Helmut Köpping schreibt Michael Ostrowski gemeinsam an einem neuen Drehbuch – „eine schwarze Komödie vor hellblauem Hintergrund“.

Zur Person: Michael Ostrowski

Lebenslauf Er wurde als Michael Stockinger am 3. Jänner 1973 in Leoben geboren. An der Karl-Franzens-Uni Graz studierte er ab 1991 Anglistik/Amerikanistik und Französisch. Zu schauspielen begann er im „Theater am Bahnhof“ bei Ed Hauswirth, 2002 erhielt er den Nestroy-Preis.
Werdegang in Zahlen 2004 gelang sein Durchbruch mit „Nacktschnecken“, dann folgten Filme wie „Slumming“, „Wie man leben soll“ „Die Werkstürmer“ und „Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott“.
Serien u. a.: „Kommissar Rex“, „Vier Frauen und ein Todesfall“ und „Schlawiner“.

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