Ruhige Architektur ohne flirrende Bildschirme. Österreich will mit seinem Pavillon die Sinne ansprechen. Motto: „Austria makes Sense“

© ANDREAS KELLER FOTOGRAFIE ALTDOR

Wirtschaft Karriere
10/16/2021

Expo 2020: Warum Österreichs Pavillon in Dubai "polarisiert"

Die Expo in Dubai ist ein Kampf um Aufmerksamkeit. Während viele Pavillons auf visuelle Überwältigung setzen, versucht es Österreich mit Zurückhaltung. Ein Rundgang.

von Ornella Wächter

Das milchige Sonnenlicht blendet, drückende Gluthitze treibt den Schweiß aus den Poren, die Kleidung klebt unangenehm auf der Haut. Ab elf Uhr vormittags ist die Hitze bereits unerträglich. Ein Besuch auf der Expo 2020 Dubai, am 1. Oktober 2021 eröffnet, ist vor allem eine körperliche Herausforderung.

Vor ein paar Wochen sei es noch viel schlimmer gewesen, sagt Philipp Schramel, Projektleiter des österreichischen Pavillons. Er hält sich trotzdem tapfer an den Dresscode der Geschäftswelt. Beim Treffen mit dem KURIER trägt er Anzughose und ein langärmeliges Hemd.

„Um das Warten in der Sonne für unsere Besucher erträglich zu machen, haben wir kühlende Nebelanlagen im Eingangsbereich installiert.“ Warteschlangen zeigten sich zum Zeitpunkt des Besuchs keine. Doch Schramel versichert: „Abends, wenn die größte Hitze vorbei ist, ist mehr los.“ Wochentags kämen im Schnitt 3.500 Besucher, an Wochenenden bis zu 10.000.

Während die meisten Länder auf der Sunrise Avenue im Opportunity District, einem der drei Themen-Bereiche der Expo, auf futuristisch-spektakuläre Architektur setzen, versucht Österreich mit Reduktion zu punkten: 38 Betonkegel, beschichtet mit Lehm. Optisch erinnert der Pavillon in keiner Weise an das Alpenland. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Besucher komme das auch nicht immer gut an, gibt Schramel zu. „Manche sagen, die Architektur hat zu wenig mit Österreich zu tun – unser Pavillon polarisiert.

Auf dem roten Teppich

Der Expo-Nachbar Schweiz ist opulenter. Für die Besucher wird ein 700 Quadratmeter roter Teppich ausgerollt, der gleichzeitig auch auf eine verspiegelte Fassade projiziert wird. Unverhohlenes Nation-Branding, aber es gefällt: Smartphones werden gezückt, Fotos und Reels für Instagram gedreht. Schweizer Medien ahnten es wohl. Sie bezeichneten ihren Pavillon bereits vor Beginn der Expo als „the most instagrammable.“

Der Nachbar zur Rechten hingegen, China, versucht durch visuelle Unterhaltungselemente zu übertrumpfen. Man gab dem Pavillon die Form einer riesigen Laterne. Nachts wird die Fassade mit einer bunten Lichtshow bespielt. Mit einer Fläche von rund 4.600 Quadratmetern hat China auch einen der größten Pavillons auf dem Gelände. Daneben wirken die bis zu 15 Meter hohen Kegeltürme der Österreicher wie kleine Hütchen.

"Wir wollen keine Zwangsbeglückung"

Man habe bewusst nicht auf plakative Länder-Klischees gesetzt, erklärt Schramel den vergleichsweise schlichten Auftritt der Österreicher. Man wolle keine „Zwangsbeglückung.“ Entworfen wurde der Pavillon vom Wiener Architektenbüro Querkraft. Kostenpunkt: Knapp 17 Millionen Euro, finanziert vom Wirtschaftsministerium und der Wirtschaftskammer.

„Die Architektur ist von arabischen Windtürmen inspiriert und damit eine Hommage an das Gastgeberland. Es soll traditionelle Bautechnik mit Know-how aus Österreich neu verbinden“, erklärt Schramel. Die 38 Kegel wurden dabei nicht nebeneinander, sondern ineinander verschnitten aufgebaut, was das Innere wie eine Säulenhalle wirken lässt.

Schramel erklärt, wie die nach oben offenen Kegel, zwischen neun und 15 Meter hoch, den Wind „einfangen“ und die unterschiedlichen Höhen der Türme für eine ständige Luftzirkulation sorgen. „Das erzeugt ein angenehmes Raumklima, ganz ohne den Einsatz von Klimaanlagen.“ Und tatsächlich wird im Ausstellungsbereich des Pavillons gänzlich auf technische Kälteerzeugung verzichtet.

Das Kegel-Konstrukt aus Stahlbeton, verputzt mit Lehm und Schilfmatten, soll nach Angaben der Architekten 70 Prozent weniger Energie benötigen, als ein konventionelles, meist auf 17 Grad heruntergekühltes Gebäude in Dubai in vergleichbarer Größe. Der Pavillon ist damit ein in die Tat umgesetztes Klima-Engineering-Projekt. Österreich hat seine Hausaufgaben gemacht.

600 Fußballfelder großes Areal

„Gedanken verbinden, die Zukunft gestalten“, so lautet nämlich das offizielle Motto der Weltausstellung in Dubai, die erste überhaupt im arabischen Raum. 192 Länder-Pavillons präsentieren hier über einen Zeitraum von sechs Monaten Ideen zu drei großen Zukunftsthemen: Mobilität, Nachhaltigkeit und ressourcenschonende Innovationen.

Dass dafür ein Areal so groß wie 600 Fußballfelder extra aus dem Wüstensand gestampft wurde und die meisten der 25 Millionen erwarteten Besucher für eine Anreise das Flugzeug benutzen werden, passt allerdings mit dem Nachhaltigkeitsgedanken der Expo nicht ganz zusammen. Zwar soll später aus dem Ausstellungsareal die Zukunftsstadt „District 2020“ entstehen, sowie eine Vernetzungsplattform für Forschungszentren oder Start-ups , um eine „saubere, sichere und gesündere Umwelt zu schaffen“, wie auf der Expo-Website verlautbart wird. Ob das eintrifft, bleibt allerdings abzuwarten.

Begleitet wurde die Eröffnung im Vorfeld auch von heftiger Kritik des Europaparlaments. In einem Beschluss kritisiert es Menschenrechtsverletzungen und fordert internationale Sponsoren zu einem Boykott auf. Einen Tag nach der Eröffnung wurde publik, dass drei Arbeiter bei den Bauarbeiten der Expo ums Leben kamen und es bei 72 weiteren zu Arbeitsunfällen mit Verletzungen kam.

Unterhaltung im Vordergrund

Zudem wird das Format der Weltausstellung seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Die Suche nach innovativen Lösungsansätzen, um Umweltverschmutzung, Überkonsum oder die zunehmende Verstädterung von Landschaften zu verhindern, wird Besuchern nicht leicht gemacht. Die Themen werden in den Länderpavillons kaum aufgegriffen. Die Antworten gehen zwischen den Prestigebauten von Star-Architekten, LED-Bildschirmen, Nebelmaschinen und Lichtgewitter unter.

Wer sich an die Aufgabenstellung hält – zu nennen wäre hier auch der deutsche Pavillon Campus Germany – und den Besuchern wissenschaftliche Fakten und Exponate präsentiert, wird schnell zum Streber erklärt.

Piktogramme statt Bildschirme

Österreich setzt in der Informationsvermittlung auf eine Art moderne Höhlenmalerei, in den Lehm eingeritzte Piktogramme oder darauf projizierte Animationen. „Wir haben bewusst auf Bildschirme verzichtet. Wir kommunizieren wortlos, aber nicht sprachlos“, erklärt Schramel.

Dass Expo-Besucher aber nicht unbedingt wegen der Ausstellung in die Pavillons kommen, ist auch Schramel bewusst. „Vielen bietet er auch einfach Zuflucht vor der Hitze. Und gefühlsmäßig rennen 40 Prozent der Besucher einfach durch.“

Für Philipp Schramel verliert die Veranstaltungen damit nicht seine Berechtigung: „Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig der persönliche Austausch ist. Es braucht Orte, wo wir zusammenkommen können, uns austauschen und gemeinsam Maßnahmen für die Zukunft kreieren können.“ Eine Teilnahme an der Expo sei auch für Wirtschaftstreibende relevant, so der Projektleiter. „Man kann sich mit anderen Firmen vernetzen und Innovationen anderer Länder anschauen.“

Das Herzstück des österreichischen Pavillons, das sogenannte „ilab“, unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung der Expo für Österreich. Rund 50 heimische Firmen und Forschungseinrichtungen zeigen dort nachhaltige Geschäftsmodelle in Bereichen wie Umwelttechnologie, Kreislaufwirtschaft oder Mobilität.

Auch Richard Bandera, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Abu Dhabi (siehe Interview weiter unten) betont die wichtige „Drehscheibenfunktion“ der Expo für Österreich, deren „Strahlkraft“ auch darüber hinaus nach Nahost, Afrika und Asien reiche.

Mit 150 Niederlassungen ist Österreich inzwischen in den Vereinigten Arabischen Emiraten vertreten, zählt mit 7,5 Milliarden Euro zu den siebtgrößten Investoren und ist Teil vieler Großprojekte. „Österreich liefert Anlagen, unterstützt mit Meerwasser-Entsalzungsanlagen, beteiligte sich bei der Ausbaggerung des Dubai Creek, um ihn schiffbar zu machen“, zählt Bandera auf. Selbst Leitungen und Tanks für die Wasserversorgung in Dubai sind „Made in Austria.“

„Es ist wichtig, sich hier entsprechend zu positionieren, Image-Werbung zu betreiben und seine Innovationskraft zu zeigen.“ Dass ein Expo-Auftritt für Firmen durchaus lukrative sein kann, zeigt sich am Beispiel der Firma Raintime. 2015 kühlten ihre Nebelanlagen den künstlichen Wald im Österreich-Pavillon auf der Expo in Mailand. Für Dubai wurde Raintime nicht nur von Österreich, sondern auch von Singapur angeheuert. Geschäftsführer Alfred Janousek:„Es ist ein Sprungbrett für kleine Firmen, um auf den Weltmarkt zu kommen.“

Die Weltausstellung in Dubai  ist die erste im arabischen Raum, ihre Entstehung soll bis jetzt rund sieben Milliarden US-Dollar gekostet haben. Rund 23.000 Menschen waren in den vergangenen zehn Jahren am Bau des Expo-Areals (438 Hektar) beteiligt.

Um es öffentlich erreichbar zu machen, wurde  auch die Dubai Metro ausgebaut – mit der Beteiligung der österreichischen voestalpine Railway Systems. Eröffnet wurde  die Expo Covid-bedingt mit einem Jahr Verspätung am 1. Oktober und dauert bis zum 31. März 2022.

Die Veranstalter rechnen mit 25 Millionen Besuchern, etwa 70 Prozent aus dem Ausland. Trotz Covid wurde die Zahl nicht mehr nach unten korrigiert.

Dubai verspricht sich mit der Weltausstellung eine Wertschöpfung von 33 Milliarden Dollar und bis zu 300.000 neue Jobs. Nach Ende der Expo sollen mehr als 80 Prozent der Infrastruktur weiterleben und  das Gelände zu einem neuen Stadtteil werden (District 2020).

 

 

Richard Bandera, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Abu Dhabi über Österreichs Präsenz in den Emiraten.

KURIER: Herr Bandera, im Vorgespräch ging es um heimische Firmen aus  dem Bausektor, Stahlerzeugung und Verarbeitung, die in den Emiraten tätig sind. Wird Österreichs -Abdruck irgendwann kleiner?
Richard Bandera:
Damit ausländische Firmen mit dem öffentlichen Sektor Geschäfte machen können, müssen sie   ein hohes Ergebnis beim sogenannten In-Country-Value erzielen. Da geht es  darum, die Wertschöpfung im Land zu steigern. Heißt: Vor Ort beschaffen oder Produktionen ins Land zu verlegen. Damit ist automatisch ein höherer -Ausstoß  verbunden. Was vorher importiert wurde, wird nun hier erzeugt.

Auf der Expo 2020 wirbt Dubai stark mit Nachhaltigkeit. Könnten denn daraus umweltfreundliche Projekte entstehen?
Die Tatsache, dass sich die Expo damit beschäftigt, ist ein gutes Zeichen. Daraus können Richtlinien  entstehen, die dazu führen, dass die Firmen umweltfreundlicher arbeiten müssen. Österreichische  Unternehmen produzieren noch hauptsächlich in Europa. Das wird sich  ändern müssen, damit sie überhaupt in den Emiraten tätig sein können – weil   erwartet wird, dass man vor Ort produziert. Damit wird der ökologische Fußabdruck in Österreich kleiner, hier dafür größer.

Die Arbeitsbedingungen am Bau in den Emiraten entsprechen nicht westlichen Standards. Wie können österreichische Firmen das mit ihren Werten vereinbaren?
Die Österreicher wenden  höhere Standards bei der Bezahlung, Unterbringung oder Verköstigung ihrer Mitarbeiter an, als lokale Mitbewerber.

Es gibt laufend Berichte über Ausbeutung von Arbeitsmigranten.
Ich stimme Ihnen zu, speziell in Katar gab es immer wieder Berichte. Man hat schon vieles verbessert, aber  es ist immer noch mehr möglich.

Sie beraten  bei Gründungen. Briefen Sie Firmen, wie das in einem autoritären Regime funktioniert?
Es geht eher um Standortsuche, Personalthemen oder Steuerrechtliches. Ich spreche nicht über das Regime. Wir sind in einer Gegend, wo der Rechtsstaat funktioniert und wo sie als ausländisches Unternehmen  frei arbeiten dürfen. 

 

 Die Reise zur Expo 2020 in Dubai erfolgte auf Einladung der Fluggesellschaft Emirates.

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