Wirtschaft | Karriere
03.07.2018

Experten-Diskussion: "Wach auf, talentiertes Europa"

Wo steht Europa bei der Digitalisierung im internationalen Wettbewerb? Die Intelligenz ist da, jedoch macht sich der Kontinent das Leben selbst schwer.

„Damit es für Europa weiterhin heißt: ’Wirtschaftsstandort’ und nicht ’Wirtschaft stand dort’ muss sich der alte Kontinent neue Regeln für die Digitalisierung überlegen“, mahnt der neue Wirtschaftskammer-Österreich-Präsident Harald Mahrer in seiner Keynote beim Roland Berger Summernight-Symposium. Europa hätte eine exzellente Forschung, die besten Köpfe seien hier zu finden, aber eine Gesetzgebung, die es verhindere, große Sprünge in Forschung und Entwicklung zu machen. Ein immenser Wettbewerbsnachteil gegenüber den USA und Asien.

Europa hat Talent

Tatsächlich hat Europa Talent: in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) werden jedes Jahr zwei Mal so viele Doktortitel in Europa gemacht als in den USA. 2014 waren das 28.000 Doktortitel in Amerika, 59.000 Doktortitel in Europa. Fünf der zehn weltbesten Hochschulen für Informatik sind in Europa. 5,5 Millionen Entwickler sind in Europa angesiedelt, versus 4,4 Millionen in den USA.

Um dieses Potenzial zu heben müsse Europa viel mehr tun als bisher, darüber war man sich beim Symposium einig. Dieses Mehr müsse sein: ein Überdenken der Regulierung, die Förderung der Forschung und Entwicklung, mehr Bildung, mehr Mut. Denn die Digitalisierung müsse man als Chance sehen, nicht als Bedrohung. Hans-Christian Boos, CEO von arago, einem Frankfurter Unternehmen, das mithilfe von künstlicher Intelligenz Geschäftsprozesse automatisiert, sieht seine Mission darin, den Menschen durch Automatisierungsprozesse mehr Lebenszeit zu geben. „Die große Angst, dass es nichts mehr zu tun gebe, ist doch völlig absurd“, sagt Boos.

Geht uns die Arbeit aus?

Es ist ja nicht so, dass alles auf der Welt getan ist, was getan werden müsste. Schon gar nicht im sozialen Bereich. Diese Angst, die Arbeit könnte ausgehen, komme aus der Sozialisation im industriellen Zeitalter, Motto: nur wer an der Maschine steht und viel arbeitet, ist ein vollwertiger Mensch und hat sein Einkommen zum Leben auch verdient.

Werden diese Arbeiten, oft monoton und nicht besonders erfüllend, aber künftig von Maschinen übernommen, hätten die Menschen Zeit, etwas anderes zu machen. „Wir könnten wieder mehr entdecken, unsere Bildung in die Breite erweitern, unsere Kreativität stärker ausspielen. Es gibt so viel zu tun auf dieser Welt, für das wir heute keine Zeit finden“, ist Boos überzeugt.

Menschlichkeit zurückgeben

Und an einen weiteren, interessanten Punkt glaubt Hans-Christian Boos: „Die künstliche Intelligenz wird den Menschen die Menschlichkeit zurückgeben.“ Weil Lächeln, Liebe, Emotion seien für Roboter und Maschinen nicht erschließbar. Seien ein Feld, das den Menschen vorbehalten bleibt. Und Emotionen werden, in einer Zeit, in der die Maschinen dominanter und allgegenwärtiger werden, zum immer wichtigeren menschlichen Zug.

Harald Mahrer wurde in der Diskussion nicht müde, den Bildungsaspekt zu betonen. Die gesellschaftliche Transformation gehe nicht ohne Aus- und Weiterbildung vonstatten. Altes Stichwort: lebenslanges Lernen. Willibald Cernko, Risikovorstand der Erste Group, sieht in der Gesellschaft und auch innerhalb seines Konzerns eine Spaltung: nämlich jene Gruppe von Menschen, die die Modernisierung ablehnt und auf der anderen Seite jene, die freudig am Vorantreiben des Fortschritts arbeitet. „Da dürfen wir eine große gesellschaftliche Gruppe, die Skeptiker, nicht verlieren“, ist Cernko überzeugt.