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Wirtschaft Karriere
12/05/2011

"Es ist ja trotzdem mein Leben"

Zwei Frauen stehen kurz vor der Entlassung aus dem Gefängnis. Ein Coach bereitet sie auf das Leben draußen vor.

von Andrea Hlinka

Wenn wir rauskommen sind wir alle Ex-Häftlinge. Das ist wie ein Stempel, den wir nie wieder loswerden", sagt Bianca. Die Mitgefangene Susanne sitzt neben Bianca (Anm.: Namen von der Redaktion geändert) auf der Bank, blickt auf den Stacheldrahtzaun und nickt verständnisvoll. Gegenüber sitzt Rene Otto Knor, er lächelt, spricht vertraut mit den Frauen. Die Mauer hinter den beiden Frauen irritiert ihn nicht. Er kennt die Umgebung, denn seit drei Monaten kommt der Persönlichkeits- und Lebenscoach ins Gefängnis, um mit Frauen an ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu arbeiten.

Die Frauen

Susanne und Bianca stehen kurz vor ihrer Entlassung, Susanne nach zwei, Bianca nach beinahe zehn Jahren. "Die Haft ist, was man daraus macht. Mein Ansinnen war es von Anfang an, nicht sagen zu müssen: ,Ich habe zehn Jahre meines Lebens vergeudet.' Es ist ja trotzdem mein Leben", sagt Bianca. Sie spricht ruhig und überlegt, hält oft inne. In Schwarzau arbeitet die studierte Psychologin als Vorarbeiterin in der hauseigenen Werkstätte, sie besucht Computerkurse und versucht sich, so gut es geht, auf dem Laufenden zu halten. Wenn sie aus der Haft entlassen wird, will die Mittvierzigerin Angehörige von Häftlingen beraten. "Ich werde kein Geheimnis aus meiner Vergangenheit machen, und ich will etwas Positives damit anfangen. Ich bin Psychologin mit Hafterfahrung - das wird es nicht oft geben", schmunzelt sie.

Susanne ist ausgebildete Heilmasseurin, sie hatte in ihrem Haus eine eigene Praxis eingerichtet. Im Gefängnis arbeitet sie in der Beamtenküche. "Wir haben in Schwarzau zum Glück Vollbeschäftigung. So hat man das Gefühl, etwas zu tun. Wenn man nichts zu tun hat, verkümmert man", sagt sie. Auch sie hat sich im Gefängnis weitergebildet, Englisch- und Computerkurse belegt.

Das Seminar

Als Susanne das Angebot erhielt, das Seminar von Rene Otto Knor zu besuchen, war sie begeistert. "Ich wollte so etwas bereits draußen machen. Aber ich muss zugeben, ich bin mit einer Skepsis hineingegangen. Rene hat uns jedoch sofort in den Bann gezogen", erzählt sie mit ihrer rauen Stimme.

Insgesamt sechs Mal, je vier Stunden, arbeitete Knor mit neun Frauen im Gefängnis - pro bono. Generalleutnant Peter Prechtl von der Vollzugsdirektion war glücklich über das Gratisangebot. "Wir unternehmen viel, damit die Frauen nicht rückfällig werden", erklärt er. Die Intention von Rene Otto Knor: "Ich habe viel vom Leben bekommen und möchte etwas zurückgeben."

Bis die Frauen Vertrauen hatten, dauerte es laut Knor eine Weile. Vertrauen sei aber eine Voraussetzung für die Aufarbeitung der Vergangenheit. "Was ich in meiner Tätigkeit als Berater beobachtet habe ist, dass Menschen Muster in sich tragen. Manche Muster sind gestalterisch, manche zerstörerisch, egal, ob im Gefängnis oder in der Welt draußen", sagt er. Um diese Muster und deren Bewusstmachung drehte sich das Seminar im Gefängnis. "Je bewusster ich mich erlebe, desto mehr bin ich in der Lage, meine eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und diese zu intensivieren oder eben abzuschwächen", erklärt der Coach.

"Wir haben in Übungen aufgearbeitet, warum wir in der Situation so reagiert haben. Wenn man selber in der Situation ist, ist man oft blind. Aber es gibt Techniken, wie man das auch bei sich erkennen kann", erzählt Susanne .

Die Gesellschaft

"Allein seine Anwesenheit hat das Selbstbewusstsein aktiviert. Allein schon, dass er hierher gekommen ist, ist eine Ehre für uns und eine Art von Wertschätzung und ,Ihr seid nicht komplett ausgeschlossen'", sagt Bianca. Denn als Häftling würde man sich oft vergessen fühlen. "Wir gehören nicht zur Gesellschaft, wir haben kein Geld, dürfen nicht wählen", erklärt Susanne. Und sie fügt hinzu: "Ich bin selbst schuld, dass ich hier bin. Ich kann die Schuld niemandem in die Schuhe schieben."
Mitleid ist tatsächlich das Letzte, was die beiden Frauen wollen und auch etwas, wovor ihnen nach der Entlassung am meisten graut. "Mir ist klar, dass ich nicht rausgehen und die Welt niederreißen werde. Ich bin für jede Hand, die mir gereicht wird, dankbar", sagt Bianca.
Leicht wird es für die beiden Frauen, trotz vorhandener Ausbildung, nicht werden. "Es ist für alle schwierig, Arbeit zu finden, auch für Akademiker. Der Arbeitsmarkt ist nicht gerade so, dass er auf entlassene Frauen wartet", bestätigt der stattliche Anstaltsleiter, Brigadier Gottfried Neuberger. Doch die Herausforderung nehmen die Frauen gerne an. "Nach dieser Erfahrung stelle ich mich der Herausforderung gerne", sagt Bianca. Denn jeder Tag im Gefängnis sei beinhart. "Jeder, der sagt, es sei nicht schwer, erkennt den Ernst der Lage nicht", sagt sie.
Neuberger stimmt zu: "Die wahre Strafe können wir uns nicht vorstellen: eingesperrt zu sein und sich nicht aussuchen zu können, wann man wohin geht, mit wem man redet. Auch in Österreich ist das Gefängnis eine große Strafe."

Seminar: Der Coach und das Gefängnis

Rene Otto Knor Knor ist Unternehmensgründer, Success- und Personalcoach, Lebens- und Sozialberater. Mit dem Seminar im Gefängnis wollte er "etwas an die Gesellschaft zurückgeben". Die Frauen wurden vorher selektiert. Voraussetzung war, dass die Entlassung kurz bevorsteht. Für drei Monate kam Knor je zwei Mal ins Gefängnis und führte mit neun Frauen mehrstündige Trainings durch. Das Seminar im Gefängnis hielt er pro bono ab.

Schwarzau In Schwarzau befindet sich das einzige Frauengefängnis Österreichs. Österreichweit sind fünf Prozent der Häftlinge weiblich. 158 Frauen befinden sich derzeit in Schwarzau. 80 Prozent der Frauen sind zwischen 18 Monaten und fünf Jahren inhaftiert. 35 Prozent besitzen nicht die österreichische Staatsbürgerschaft.

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