Englisch: Nur keine Missverständnisse

Susanne Kilian arbeitete als UN-Dolmetscherin in Asien, Europa und den USA. Sie bietet das Seminar „The English Code“ an © Bild: /Die Hoffotografen GmbH Berlin

Die frühere UN-Dolmetscherin Susanne Kilian führt aus sprachlichen Verirrungen.

Auf dem internationalen Parkett ist man ohne Englischkenntnisse nackt. Doch tausend Vokabeln nützen nichts – wenn das Gegenüber die Miene verzieht, hat man eines vergessen: die kulturelle Prägung der Sprache. Mit dem "English Code" trainiert die Deutsche Susanne Kilian Geschäftsleute für die internationale Kommunikation. Dazu hat die frühere UN-Dolmetscherin ein Buch geschrieben.

KURIER: Sie arbeiteten 15 Jahre als UN-Dolmetscherin. Welches Missverständnis vergessen Sie nie? Susanne Kilian: Da gibt es viele – tragische und lustige. Tschechische Seminarteilnehmer erzählten mir, sie wollten ihren Kollegen in Norddeutschland eine Pfingstkarte schicken, weil die so religiös seien. Ich war überrascht. Sie erzählten, sie hätten den Deutschen am Telefon gesagt, "wir hoffen, mit dem Auftrag bis Freitag fertig zu sein." So drücken Tschechen es aus, wenn sie sagen wollen, dass sie es wohl nicht schaffen. Die Deutschen antworteten: "Hoffnung und Glauben gehören in die Kirche." Die Tschechen dachten daher, die Deutschen seien religiös. Dabei war den Deutschen das "hoffen" zu unpräzise. Sie hätten gern eine klare Ansage gehört.

Sie haben The English Code entwickelt. Was bringt er?

Ich habe bei der UNO gelernt, dass technisch gutes Englisch allein nichts nützt. Es geht darum, wie ich kommuniziere.

Warum ist es so wichtig?

Wir Deutschen checken alles nach unserem kulturellen Raster ab: Ist es ehrlich, effizient, begründet? Die Amerikaner brauchen Vision in der Sprache. Fremde Kommunikationsmuster hingegen lösen bei uns Angst und Abwehr aus, das Gehirn produziert Adrenalin.

Welche Fehler sind sehr häufig?

Ein Deutscher verabschiedet sich mit der Begründung, er sei müde. In vielen anderen Kulturen kommt es so an: "Sie haben mich ermüdet." Besser ist zu sagen: Wie schön, dass Sie mein Tischnachbar waren, schade, dass ich gehen muss. Gründe nennt man nicht. Ich hatte Männer mit Schweiß auf der Stirn im Seminar, die sagten, ich kann nicht so schleimen. Nur die Finnen sind übrigens so direkt wie die Deutschen.

Die Österreicher nicht?

Ich halte die Österreicher für diplomatischer. Aber auch sie überzeugen gern mit Gründen. Frage ich einen Afghanen nach der Begründung seines Vorschlags, wird er verlegen sein. Es ist besser, ihn nach seinen Erfahrungen zu fragen.

Das Sprachverständnis müsste man ebenso lernen wie Vokabeln?

Viel wichtiger ist zu verstehen: Egal wie viel Vokabeln und Grammatik ich lerne, ich habe ein Muttersprachenraster im Kopf. Oft hat man das Gefühl, der andere will einen nicht verstehen – dabei kann er es nicht.

Sie beschreiben den Deutschen Sascha, der in der Muttersprache mitreißend vorträgt, aber auf Englisch versagt. Woran lag es?

In seinem Vortrag ging es um das Sterben im Flüchtlingslager. Er kam zu schnell auf den Punkt. Wir Deutschen glauben, wir wirken professionell, wenn wir viele Fakten liefern. Die Verpackung ist uns großteils wurscht. Das wirkt oft zu direkt, brutal, erschreckend.

Was kann man tun?

In vielen Kulturen kommuniziert man in einer blumigen Sprache. Besser als reine Fakten ist, in Bildern zu sprechen – und eine positive Stimmung. Ein deutscher Politiker sagte auf einer Konferenz vor spanischen Studenten auf Englisch: Wir müssen die Korruption bekämpfen. Für die Studenten war das ein Vorwurf. Ein Schweizer sagte zu ihnen: "Warum finden wir nicht eine Lösung, um mit alten Privilegien umzugehen?" Ein konstruktiver Vorschlag.

Was gilt beim Geschäftsessen?

In vielen Kulturen macht man nicht Geschäfte mit der Firma XY, sondern mit dem Fritz aus der Firma XY. Um ihn kennenzulernen und wertzuschätzen, führt man ihn zum Essen aus. Das Geschäft gehört nicht dazu. Doch wenn ich das Ritual des Gastgebers mitmache, habe ich einen Riesenvorteil, um den Vertrag abzuschließen.

Wie wichtig ist Empathie?

Entscheidend – make the other person feel good. Ich empfehle, positiv zu formulieren, Fragen zu stellen und einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Die Amerikaner wirken für uns mit ihrem outstanding" und "marvellous" übertrieben. Ist es nicht aufgesetzt, es ihnen gleichzutun?

Ja, das wäre anstrengend. Aber es macht Spaß, sich anstecken zu lassen. Anerkannt zu werden ist ein Grundbedürfnis aller Menschen. Das macht Ihr Englisch erfolgreicher – und dafür muss man kein einziges Vokabel zusätzlich lernen.

Wie ist das gemeint?*

Kein Geschenk, nur Höflichkeit
Eine Anekdote aus Susanne Kilians Buch: Der iranische Gastgeber will der deutschen Besucherin beim Händler einen Teppich schenken, bietet es immer wieder an. Irgendwann rollt sie dankend einen Teppich zusammen. Er ist irritiert. Das Geschenk war nicht ernst gemeint, sondern reine Höflichkeit.

Frag den Inder lieber nicht
Inder können mit sachorientierten Fragen wenig anfangen: Warum kommt die Lieferung zu spät? Für Inder gibt es kein „zu spät“. Reden Sie lieber übers tolle indische Essen.

Der Ami-Chef meint es ernst
Sagt Ihr Projektleiter aus Amerika „Could you do this until Wednesday“, ist das ein Arbeitsauftrag – und keine unverbindliche Frage.

Ein Nein ist kein Nein
Die Deutschen sagen Nein, wenn sie Nein meinen. Der Rest der Welt sagt in der englischen Konversation:
„I know what you mean, but …“ oder „you‘re quite right, but …“. Und meint auch Nein.

honorarfrei - Dont let me be misunderstood von Sus…
honorarfrei - Dont let me be misunderstood von Susanne Kilian © Bild: /Ariston Verlag
* aus: Don‘t let me be misunderstood.
( kurier.at ) Erstellt am 02.07.2015