Digitale Überforderung: "Man ist täglich mit den eigenen Defiziten konfrontiert"

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Wer sich von Technik, ID Austria oder Online-Banking überfordert fühlt, geht oft hart mit sich ins Gericht. Zu Unrecht.

Für die ID Austria gibt es ab 10. Februar eine fixe Servicestelle mit persönlicher Betreuung in Wien – Termine sind noch vor dem Start bis Mai ausgebucht. Bei FinanzOnline können sich Nutzer jetzt von einer dritten Person vertreten lassen. Viele Bürger wollen digitale Services nutzen, benötigen dabei aber Unterstützung, sagt etwa Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll diese Woche. 

„Nutzen wollen“ ist dabei ein gutes Stichwort. Denn oftmals bleibt keine Alternative, als sich mit neuen digitalen Lösungen auseinanderzusetzen.

Ein Familien-Beispiel

Die Mutter der Autorin dieses Texts ist Anfang 60 und berufstätig, die Tante Mitte 70 und pensioniert. Beide nutzen Smartphones, Social Media, sind interessiert an digitalen Lösungen und dennoch besorgt. 

„Es gibt so viele Dinge, die ich einfach nicht mehr durchblicke“, sagt die Jüngere der beiden. Ob es sich um den Smart-Fernseher handelt oder das neue Auto, das so viel Elektronik hat, dass es ein Google-Konto verlangt, um überhaupt loszufahren. Regelmäßig heißt es vom Bordcomputer: „Ihre ID-Session ist abgelaufen“, dann muss das Handy gezückt und das Passwort neu eingegeben werden.

Die Tante wiederum zückte beim Grätzl-Fleischer früher eine Stempelkarte. Jetzt braucht es eine App, um die Gutschrift für den Einkauf zu sammeln. Fernreisen vermeidet sie – zu stressig ist der Online-Check-in. Verlegt man diesen auf den Flughafen, können extra Gebühren anfallen und auch die selbstständige Gepäckaufgabe strapaziert das Nervenkostüm.

Online-Überweisungen bei der Bank empfindet die Mitte 70-Jährige als praktisch, auch wenn das Prozedere einschüchtert. „Ich bin oft unsicher, ob ich wo draufdrücken kann oder nicht“, erzählt sie. Hilfe sucht sie in der Bank, aber an einem neuen Standort. Denn in der Stammfiliale wurde der Betrieb am Schalter längst eingestellt und die Kunden zur Selbstständigkeit erzogen. „Ich muss ehrlich sagen, ich war nachlässig“, fasst sie die digitale Überforderung zusammen. Und auch die Anfang 60-Jährige übt eine ähnliche Selbstkritik.

Falsche Annahme: Man selbst ist schuld – nicht die Technik

Eine typische Reaktion, sagt Edith Simöl, von „Digitale Senior:innen“, die Erwachsene seit zwanzig Jahren für die digitale Welt begeistern will. „Wenn man scheitert, schiebt man es nicht auf die komplizierte Technik“, sagt sie. „Man bezieht es auf sich und hat das Gefühl, täglich mit den eigenen Defiziten konfrontiert zu sein.“ Der Eindruck kommt nicht von ungefähr, erklärt die Expertin: „Die Werbung suggeriert, das ist ja alles so einfach.“ Nur ist es das keineswegs.

Mithalten aber wie?

„Es ist sehr schwierig, digital am Ball zu bleiben oder überhaupt erst einzusteigen“, sagt Simöl. Neben der Bedienfähigkeit von technischen Geräten wird ein digitales Verständnis abverlangt, das dauernd weiterentwickelt werden muss. Schließlich genügt es nicht, eine Anwendung einmal zu verstehen. Gibt es ein Update (und das muss früher oder später gemacht werden), kann plötzlich alles anders aussehen.

Man sollte dennoch versuchen, mitzuhalten, empfiehlt Simöl. Nicht überall, aber überall dort, wo sich wirklich ein Nutzen ergibt. „Über den Nutzen kann ich Motivation aufbauen und halten“, sagt sie und ergänzt: „Dinge, die man nicht oft macht, vergisst man. Auch die Jüngeren.“ Den Anspruch, alles auswendig beherrschen zu müssen, brauche es nicht. Sich manches aufzuschreiben, wäre kein Zeichen von Demenz, betont Simöl, sondern nur eine Strategie von vielen für mehr Unabhängigkeit.

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